archiv: neues aus der realitätsforschung

 

abseits

von nbo / 12.01.2007

Wie viele andere vermutlich auch war ich beim ersten WM-Spiel erstaunt über dieses komische kleine Headset am Ohr von Schiedsrichter und Linienrichtern. Kann sein, dass es mit der direkten Kommunikation der Unparteiischen 1966 die Farce ums Wembley-Tor nie gegeben hätte. Aber irgendwie berührte mich dieser unmittelbare Einbruch von IT – der im American Football schon länger üblich ist – in den archaischen, weil simplen und launischen Fußball unangenehm. Immerhin war uns der „Ball mit Chip“, den das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen 2005 mit viel Fanfare angekündigt hatte, noch erspart geblieben – das Ding funktionierte nicht richtig. Wesentlich radikaler ist schon ein System, das Forscher an der Universität Sidney ersonnen haben. Sie versehen Basketballtrikots mit mehreren Displays, die zum Beispiel die Anzahl der Fouls und erzielten Körbe eines Spielers zeigen. Die Daten werden von einem Zentralrechner am Spielfeldrand an einen Empfänger gesendet, der ebenfalls ins Trikot eingelassen ist. Ebenso könnte die noch verbleibende Spielzeit angezeigt werden, sagen die Forscher. Ihre äußerst originelle Begründung für diese Innovation: Die Spieler könnten so mehr Vertrauen in die Taktik ihrer Mannschaft bekommen. Das mag einen Trainer wie Thomas Doll vom niederlagen-verseuchten HSV ansprechen, der sich offenbar bei seiner Mannschaft den Mund über taktische Konzepte fusselig redet. Mir fällt dazu aber sofort Enki Bilals düsterer Comic „Abseits“ ein. In diesem fiktiven Bericht erzählt ein Reporter Mitte des 21. Jahrhunderts, wie der Fußball mittels implantierter Chips und anderer Regeländerungen zu einem brutalen Gladiatorenkampf mutierte. Wer eine mustergültige Vorlage nicht ins Netz hämmerte, bekam einen Stromstoß. Klar, daran werden die Sidneyer nicht im Traum gedacht haben. Sie folgen nur dem Trend zu überflüssigen Spielstatistiken, die aus dem Datenwust der Sportaufzeichnungen hervorquellen. Mich persönlich interessiert überhaupt nicht, ob meine Mannschaft 60 Prozent Ballbesitz oder doppelt so viele Torschüsse hatte, wenn es am Ende 0:1 steht. Aber spinnen wir das mal weiter. Weil Sport Big Business ist, übernehmen die europäischen Fußballligen das System in ein paar Jahren. Bei Stürmern mit Ladehemmung oder ruppigen Verteidigern leuchtet dann im Laufe des Spiels das Display ihrer Verfehlungen immer intensiver. Ich sehe schon die Titelseite der BILD nach einem vergeigten Länderspiel vor mir, auf dem Podolskis Trikot in Nahaufnahme sein Versagen dokumentiert. Auch auf die Gefahr hin, hier wieder rumzunörgeln: Auch solche Anwendungen wie das vernetzte Trikot stehen in demselben Kontext von Überwachung, Kontrolle und Denunziation, die sich seit Jahren wie eine Krankheit ausbreiten. Das muss gar nicht so weit gehen wie Bilals Gedanke der Fernbestrafung, obwohl implantierbare Sender, für die sich das Militär bereits interessiert, auch im Sport denkbar sind. „Damit können Trainer und Mannschaftsärzte rechtzeitig erkennen, ob ein Spieler am Rande seiner physischen Kapazitäten angekommen ist“, wird es dann in einer Pressemitteilung heißen. Bisher nennt man dieses Signal „Humpeln“, und zwei Augen genügen völlig, um es zu erkennen. Aber es geht nicht um Einfachheit oder gar Effizienz. Es geht um die totale Vernetzung von allem mit allem, die von Techno-Enthusiasten wie Ray Kurzweil oder Kevin Kelly seit längerem als große Zukunft beschworen wird. Eine Innovation um jeden Preis – vor allem den der Privatsphäre. Die totale Vernetzung kommt nicht mit einem Knall. Nein, sie wir mit so harmlos scheinenden Anwendungen wie diesem bescheuerten Trikot, gegen die doch niemand etwas haben kann, Stück für Stück vorangetrieben. Der einzige Trost: Dieses Fest werden sich Hacker nicht entgehen lassen. Und so kam es im WM-Endspiel 2014 zum Eklat, weil der plötzlich von „Digitalterroristen“ manipulierte Ball mit Chip in der Verlängerung nach jeder vergebenen Chance ein Tor signalisierte, dass automatisch – Menschen sind ja fehlbar – auf die Anzeigetafel des Stadions geschrieben wurde. In der 103. Minute stand es bereits 4:0 für Deutschland, obwohl 70.000 Zuschauer kein einziges Tor gesehen hatten. Der IT-Sponsor der WM jedoch sah sich jedoch außerstande, die komplexe Software einfach so abzuschalten. Der Schiedsrichter brach daraufhin das Spiel ab – per Handzeichen natürlich.

New Scientist: Basketball stats shown live on players' shirts
Wikipedia: Enki Bilal


usability 0.9

von nbo / 26.09.2006

In einem Forum habe ich kürzlich die Forderung gelesen, "Web 2.0" zum Unwort des Jahres zu erklären. Die Bezeichnung hat unter Digerati bereits denselben haut goût wie "dotcom" in der Endphase der New Economy. Bei aller Sympathie für Bürgermedien und soziale Webdienste: Hinsichtlich Benutzerfreundlichkeit und Informationsdesign kann ich im Web 2.0 keinen Fortschritt erkennen, der den Namen rechtfertigen würde. Nehmen wir mal das besonders populäre YouTube.com. In seiner Gestaltung ist es nicht über den Stand hinausgekommen, den Amazon schon 1998 erreicht hatte. Auch der Videodienst versucht, den Informationsoverkill, den es auf seinen Servern ansammelt, mit einer Navigation aus Registerkarten und Unmengen kleiner Linkkästen zu bändigen. Aber die bringen den Nutzer nur von Hölzchen auf Stöckchen. Sicher ist es im Interesse von YouTube, seinen Dienst als Zerstreuungsmaschine anzulegen, die zig Klicks und damit hübsche Werbeeinnahmen generiert. Aber wer außer Schülern, Studenten und anderen Zeitmillionären kann sich das antun? Auch das – immerhin besser gestaltete – Flickr.com bringt mich regelmäßig zur Verzweiflung. Binnen Minuten bin ich beim Surfen durch Fotomassen in irgendwelchen Themenclustern gestrandet, die einem Labyrinth gleichen, drehe mich im Kreis, "Schwarm", "Fische", "Vögel","Himmel" oder doch wieder "Schwarm" - wo wollte ich noch mal hin? Einzige Rettung: zurück zum Start – ein Erlebnis, dass ich auch bei anderen sozialen Netzwerken ständig habe. Kann es wirklich sein, dass die Usability des Web 2.0 nicht mehr zu bieten hat als die gute alte Ereigniskarte bei Monopoly? Der Blog-Standard, der sich inzwischen herausgebildet hat, ist ebenfalls noch nicht das gelbe vom Ei: Mal abgesehen von den unüberschaubaren Linkhaufen in Blogrolls und Archiven gibt es keine vernünftige Darstellung von Kommentar-Threads zu einem Eintrag – eine Krankheit, die Blogs mit den "traditionellen" Foren teilen. Man ist ständig am Hin-und-her-blättern, da wird in einem Blog auf einen älteren Eintrag verlinkt, und von da auf einen noch älteren... (das ist in diesem Blog leider nicht anders). Das wahre Web 2.0 werden wir erst dann haben, wenn die nächste Stufe von Usability-Konzepten und Informationsarchitekturen erreicht ist, die das Problem lösen, Hypertext-Konglomerate mit Inhaltslandkarten, neuen History-Funktionen und der parallelen Darstellung aufeinander bezogener Dokumente zu versehen. Das real existierende Web 2.0 ist dagegen ein technisches Monstrum, das nur den Stillstand in der Entwicklung der Interfaces zementiert, den Koryphäen wie Bruce Tognazzini, Scott Berkund oder Tim Berners-Lee konstatieren. Bis auf weiteres gilt leider das Urteil des Kollegen Glaser: „Die Entwicklung der Links allerdings – immerhin das zentrale Prinzip der Vernetzung im Online-Universum – ist vorerst auf dem Stand eines Rohrpostsystems stehen geblieben.“

Vergleich: Das Seitenlayout von YouTube 2006...
...mit Amazon 1998 - da ist nicht viel passiert.


überwachungsstaat, folge 23 (oder so)

von nbo / 05.09.2006

jetzt bekommen wir also die anti-terror-datei. und da ist allenfalls ein leises rauschen der besorgnis. wie verlottert teile der medien sind, zeigte gestern das ZDF-nachtjournal: im beitrag über den beschluss der innenminister wurde mit keinem satz erwähnt, dass diese datei einen epochalen verfassungsbruch darstellt und eine konsequenz aus dem dritten reich über den haufen wirft, die die verfasser des grundgesetzes gezogen hatten, nämlich die trennung von polizei und geheimdiensten. im folgebeitrag wurde der zuschauer dann aber mit entrüsteten worten darüber unterrichtet, wie die müllabfuhr in großbritannien ihre bürger bespitzelt (mit einem chip am boden der mülltonne). tenor: die briten führen den überwachungsstaat ein. das war wieder so ein moment, wo man sich für die eigene journalistenzunft in grund und boden schämt.

Datenschutz.de: "Anti-Terror-Datei: aufwändig, uneffektiv und datenschutzwidrig"


die kofferverschwörung

von nbo / 03.09.2006

Deutschland hat trotz der WM-Party weiterhin viele Probleme. Jetzt ist noch eins hinzugekommen: herrenlose Koffer. Seit den Fast-Anschlägen der „Kofferbomber“ von Dortmund und Koblenz vor vier Wochen wird verdächtigt und geschnüffelt wie nie zuvor und manchmal auch gesprengt: 28.8. an einer Bushaltestelle in Mannheim, 25.8. auf dem Flughafen Berlin-Tegel, 24.8. in der Potsdamer Innenstadt, 24.8. auf einem Bahnhof in Köln, 21.8. auf dem Bahnhof Itzehoe, 18.8. auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof, 11.8. in Berlin auf dm Hauptbahnhof und dem Flughafen Tegel, 2.8. auf dem Bahnhof Hamburg-Dammtor... Wie geht man damit weiter um? – 1. Die Antwort des Web 2.0 wäre: einen offenen Blog aufmachen, z.B. koffer.blogger.com. Dank der Errungenschaft des Mobloggings könnten Bilder von verdächtigen Gepäckstücken gleich als Megapixel-Handybild gepostet werden. Nachdem die Bürger bei der WM gelernt haben, wie man Touristen hilft, können sie mit dieser Kompetenz jetzt unsere Sicherheitsbehörden (Polizei sagt man ja nicht mehr) unterstützen. – 2. Die Antwort eines Mobilfunknetzbetreibers: einen SMS-Dienst einrichten. Unter der Nummer 563337 (was der Tastenbelegung „k-o-f-f-e-r“ entspricht) können Reisende jederzeit abrufen, ob auf dem Bahnhof oder Flughafen, den sie in Kürze aufsuchen wollen, ein herrenloser Koffer gesichtet wurde. – 3. Die Antwort der Politik: Herkömmliche Koffer werden ab dem 1.10. verboten. Wer weiterhin nicht auf dieses praktische Utensil verzichten möchte, muss sich einen transparenten Koffer aus Acryl zulegen. Wenn die Holländer schon nichts zu verbergen haben und auf Wohnzimmergardinen verzichten, wollen wir nicht nachstehen. Sollen doch alle sehen, welche Unterhosenmarke ich bevorzuge. – 4. Die Antwort der KI (frühestens in 20 Jahren): Koffer werden serienmäßig mit Sensornetz und Mikrorechner ausgestattet. Die Hersteller installieren eine von den Sicherheitsbehörden zertifizierte und standardisierte Analysesoftware, die erkennt, wenn jemand eine Propangasflasche – oder Flüssigsprengstoff – in den Koffer packt, aber keine Unterhose. Der Koffer alarmiert automatisch die Polizei, und sein Besitzer kann noch bei Verlassen des Hauses verhaftet werden. – Noch eine Antwort: Wir könnten uns auch einfach weiterhin in Gelassenheit üben, so wie wir es schon lange vor 9/11 gemacht haben, als es noch andere Terroristen gab. In vielen Foren ist zurecht bemerkt worden, dass Paranoia genau das ist, was Terroristen säen wollen. Nun kennen wir bei den Kofferbombern bislang weder das Ausmaß der Organisation, in die sie eingebunden sind, noch die genaue Motivation. Wollen wir da bei jedem Koffer, der unbeaufsichtigt scheint, in Schweiß ausbrechen, weil die fraktale Front des Antiterrorkriegs jetzt bis zu uns reicht? „Schlucke keinen Köder, den der Feind dir bietet“, schrieb schon der chinesische Stratege Sunzi vor 2500 Jahren in "Die Kunst des Krieges". Lassen wir Koffer Koffer sein.

Transparente Koffer aus Acryl


web 2.0 und der krieg in nahost

von nbo / 07.08.2006

„We The Media“ betitelte Dan Gillmor 2004 sein Buch über Netizens, die zum Beispiel mittels Blogs eine Gegenöffentlichkeit zum großen Mediengeschäft schaffen - ein Aspekt der neuen Welle des Web 2.0. Das ist schwer idealistisch und durch und durch sympathisch. Und doch ist es immer noch ein Hype. Welch weiten Weg der digitale Bürgerfunk als Massenerscheinung – denn das postuliert Gillmors Titel – noch vor sich hat, zeigt für mich die im Juni gestartete „Readers Edition“ der Netzeitung, in der User versuchen, eine eigene Online-Zeitung auf die Beine zu stellen. --- Vor neun Tagen drangen israelische Truppen in den Südlibanon ein, um zwei von der Hisbollah entführte israelische Soldaten zu befreien. Seitdem spitzt sich die Situation täglich zu, und ein Flächenbrand in Nahost mit globalen Auswirkungen wird immer wahrscheinlicher. Doch in der Readers Edition fand dieser Konflikt zunächst überhaupt nicht statt. In der Rubrik „Politik + Lokales“ tauchte der erste Artikel zum Thema vorgestern auf, gestern folgte ein zweiter. Zwar versucht der eine, die Hintergründe des Konflikts darzulegen. Aber über Wikipedia-Niveau kommt er dabei nicht hinaus. Wer die Liste der aktuell wichtigen Schlagwörter der Readers Edition studiert, findet ganz am Ende „Beirut“ – auf Platz 40. --- Die Journalisten mögen zwar eine umstrittene Zunft sein, kurzatmig und bei der Themenauswahl immer mit einem Auge auf die Konkurrenz schielend. Aber ihr Radar und ihre Professionalität funktionieren. Was in Jahrzehnten an Handwerk und Infrastruktur wie Korrespondentennetzen entwickelt wurde, holen enthusiastische und ehrenamtliche Nutzer nicht in wenigen Monaten auf. Eine Zeitung auf hohem Niveau lässt sich offenbar noch nicht nach dem Motto „Global denken – lokal handeln“ von Laien realisieren, die frei von Auflagendruck und Ideologien schreiben können. Denn die leben in Berlin oder Bückeburg und eben nicht in Beirut. --- Sicher gibt es seit Jahren etwa eine User-Zeitung wie Indymedia, wo Berichte aus aller Welt zu aktuellen Ereignissen gepostet werden, so auch zum aktuellen Libanon-Krieg. Aber hier schreiben Interessierte für Interessierte – also eine Minderheit für sich selbst. Das macht die Sache nicht schlechter, aber es hat noch nichts mit Gillmors These „We The Media“ zu tun. Einmal ganz abgesehen davon, dass auch auf Indymedia, mangels Redaktion, immer wieder zweifelhafte Beiträge aufgetaucht sind, die man durchaus als antisemitisch einstufen kann. --- Für die etablierten Medien ist dies dennoch kein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen. Denn auch sie haben in ihren Online-Ausgaben noch nicht annähernd die Möglichkeiten des Netzes ausgelotet. Wer etwa auf Spiegel online einen Artikel zum neuen Krieg im Nahen Osten aufruft, sucht vergeblich nach sorgfältig aufbereitetem Kontext-Material. Nicht einmal eine Chronologie der Ereignisse aus den letzten neun Tagen gibt es, geschweige denn eine Einordnung des aktuellen Krieges in die Geschichte des Nahostkonflikts in den vergangenen 100 Jahren, seit die Bewegung des Zionismus zur Gründung eines Staates Israel aufrief. Da bleibt am Ende doch nur die Suche in Google oder Wikipedia - das gilt im übrigen auch für Indymedia. --- Aber die etablierten Verlagshäuser haben bis heute nicht begriffen, dass es beim Online-Journalismus nicht nur um Geschwindigkeit, sondern vor allem um Informationstiefe geht. Denn die kann nur das Netz leisten. Keine Zeitung kann es sich erlauben, Tag für Tag, Woche für Woche Hintergrund-Dossiers zu Dauerbrennern wiederholt abzudrucken. Für Online-Nachrichtenseiten wäre es nicht nur technisch machbar, sondern müsste geradezu Teil ihres eigenen Berufsethos sein. --- Nun kann man die Readers Edition der Netzeitung als für neuen Online-Journalismus oder Web 2.0 nicht repräsentativen PR-Gag abtun. Die Netzeitung wurde von der etablierten Konkurrenz schon immer als Agenturmeldungsabwurfstelle geschmäht. Wer die Seite über die Jahre verfolgt hat, muss aber anerkennen, dass dort konsequenter als anderswo versucht worden ist, die Möglichkeiten des Webs auszunutzen. Ob mit bestechender Qualität, steht auf einem anderen Blatt. --- Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich finde Dienste wie Indymedia oder die Netzeitung Readers Edition ebenso wie persönliche Blogs, etwa aus Beirut, beeindruckend und enorm wichtig, um den Wissenssstand einer mäßig informierten Öffentlichkeit zu erweitern. Aber wir sollten nicht, nur weil es in Zeiten des Web 2.0 gerade hip ist, die etablierten Medien als Auslaufmodell betrachten. Deren Handwerk kann den Versuchen, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen, nur als Messlatte dienen, die das Projekt „We The Media“ mindestens schaffen muss. Davon sind wir noch einige Jahre entfernt.

Readers Edition der Netzeitung
"We the Media" bei O'Reilly


atomkraft ist uncool

von nbo / 12.05.2006

Soll man da lachen oder weinen: Gestern jährte sich der GAU von Tschernobyl zum 20. Mal, und doch wird allen Ernstes über eine Renaissance der Atomenergie debattiert. War alles halb so wild, so sollen wir die Internationale Atomenergiebehörde wohl verstehen, wenn sie zu dem Schluss kommt, dass die Zahl der bisherigen Tschernobyl-Opfer bei einigen Hunderten liege. Russische Wissenschaftler hingegen kommen auf einige Zigtausend. Nun wissen wir schon lange, dass Statistiken und Risikoabschätzungen in einer politischen Auseinandersetzung nichts taugen. Deshalb möchte es hier einmal mit einer anderen Argumentation probieren. Sie lautet: Atomkraft ist im Zeitalter von Hightech-Innovationen und Netzwerken maximal uncool - aus vier guten Gründen. –––––– 1. Atomkraft ist unelegant. Gewaltige Betonklötze müssen um einen vergleichsweise kleinen Reaktorkern gebaut werden, und schlimmer noch, die Kernenergie muss aufwändig mittels wassergetriebener Turbinen in Elektrizität transformiert werden. Nicht viel passiert seit James Watt, oder wie? In der Mathematik kennt man den eleganten Beweis, in der Physik die elegante Theorie. Ihnen ist gemeinsam, dass sie sich durch Prägnanz und eine schnörkellose Verwendung der zur Verfügung stehenden Mittel auszeichnen. Kann man das von einem Atomkraftwerk sagen? –––––– 2. Atomkraft ist zentralistisch. Die riesigen Anlagen, die von einem Punkt aus ganze Landstriche mit Strom versorgen, atmen geradezu den Geist der Tonnenideologie, in der sich Kapitalismus und Realsozialismus so verblüffend einig waren. Atomkraftwerke ähneln eher Tempelbezirken eines plumpen Industriezeitalters, in dem die Massen nicht viel zu melden haben. Isaac Asimov hat in seiner brillanten „Foundation“-Trilogie seine Protagonisten in der Zukunft eine Religion um die Atomkraft bauen lassen, die mit diesem Trick ganze Sternsysteme beherrschen konnten. In der Gegenwart der Netzwerke wandeln sich die Massen jedoch zu kreativen Schwärmen, in denen zahlreiche verteilte Akteure Produktives leisten. Ein zeitgemäßes Energiesystem wird ebenfalls zu einer solchen dezentralen Struktur übergehen. –––––– 3. Atomkraft ist latent repressiv. Denn sie kommt ohne einen beeindruckenden Sicherheitsapparat nicht aus – ganz gleich, ob vor dem Werkstor Castorgegner warten oder nicht. Während unter Windrädern Kühe grasen und neben Solardächern Würstchen gegrillt werden können, müssen die Reaktorkerne durch Zäune und Gräben gesichert werden, die an die Berliner Mauer erinnern. Über die ist die Geschichte zurecht hinweggegangen. Warum soll dieser Anachronismus noch weiter gepflegt werden? –––––– 4. Atomkraft ist pervertierbar. Der diplomatische Konflikt mit dem Iran zeigt uns täglich, wie die Kinderstube der Atomkraft ausgesehen hat. Es war das Manhattan-Projekt, das in Hiroshima und Nagasaki vollendet wurde. Wo spaltbares Material angereichert wird, ist es immer nur ein kleiner Schritt zur Bombe. Diese Tatsache lässt sich auch mit sophistischer Rhetorik nicht aus der Welt schaffen. Hingegen ist es wohl selbst für Fantasy-Autoren eine echte Herausforderung, sich auszumalen, wie man eine Armee mit umfunktionierten Windrädern, Brennstoffzellen und Solarpaneelen bewaffnen kann. –––––– Das Schöne ist: Für diese Argumentation muss man nicht Physik studiert haben. Man muss keine Strahlungsgrenzwerte bemühen, sich nicht den Kopf über die Ausgestaltung von Endlagern zerbrechen, über physikalische Prozesse, mit denen die Kraft der Atome effizienter „moderiert“ werden kann. Das sind alles Manöver, mit denen Physiker gerne davon ablenken, dass sie die Eigenständigkeit von Technik im Grunde nicht verstehen. Denn die ist mitnichten angewandte Physik, sondern die Grundstruktur unserer Zivilisation, in der die Physik nur eine Zutat von vielen ist. Die weitaus bedeutendere ist die Notwendigkeit des Profits. Der ist leider noch nicht uncool geworden. Aber das 21. Jahrhundert hat ja gerade erst angefangen.




outbreak in london

von nbo / 20.03.2006

Was vergangene Woche im Londoner Northwick Park Hospital passiert ist, kann man getrost als GAU beim Testen neuer Medikamente ansehen. Sämtliche sechs reale Probanden eines Versuchs mit dem Mittel TGN1412, das eines Tages gegen Leukämie und Autoimmunkrankheiten helfen sollte, sind innerhalb einer Stunde lebensgefährlich erkrankt. Ihre körpereigenen T-Zellen reagierten so heftig auf das Präparat, dass sie multiples Organversagen auslösten. Angehörige berichten, dass die Probanden sich binnen kurzem in Ebenbilder des berühmten Elefantenmenschen verwandelten: mit grotesk angeschwollenen Köpfen und purpur verfärbten Gliedmaßen. Der erste Gedanke vieler Zeitgenossen dürfte den dunklen Machenschaften der Pharmaindustrie gegolten haben. Nicht ganz zu Unrecht: Der Vioxx-Skandal ist noch in guter Erinnerung, und das Magazin Nature berichtet in seiner aktuellen Ausgabe, dass hässliche Daten in den Testberichten der Pharmaindustrie immer wieder unter den Teppich gekehrt werden. Das mag in diesem Fall gar nicht so gewesen sein, denn die vorklinischen Tierversuche haben für einen solchen Unfall keinerlei Anhaltspunkte gegeben. Beunruhigend finde ich den Vorfall aus einem anderen Grund: Wir haben hier vielleicht den Proof-of-Principle einer hässlichen neuen B-Waffe erlebt, wie sie die rasant fortschreitende Bionanotechnik demnächst ermöglicht – und kaum vorhersehen kann. Denn die Möglichkeit einer „Superstimulierung“ durch T-Zellen, die offenbar zu der Katastrophe führte, wurde noch im vergangenen Jahr in einem Paper in Nature Biotechnology für unmöglich gehalten. Im Unterschied zu anderen monoklonalen Antikörpern aktivierte TGN1412 die T-Zellen offenbar ohne einen zweiten molekularen Auslöser, der sonst die Abwehrreaktion auf ein bestimmtes Gewebe beschränkt. Die Biotechnik betrachtet den menschlichen Körper seit langem als superkomplexe molekulare Maschine. Doch trotz aller Erfolgsmeldungen, die wöchentlich durch die Nachrichtenticker rauschen, hat sie es bislang nicht zu einem detaillierten Verständnis dieser Maschine gebracht. Die Überraschung der Wissenschaftler angesichts des Vorfalls erinnert mich ein wenig an die Hilflosigkeit eines kenianischen Taxifahrers, der uns im vergangenen Jahr irgendwann in einer Geröllwüste aussteigen ließ, weil der Motor den Geist aufgegeben hatte. Als er die Motorhaube öffnete, sahen wir, dass er die Batteriekontakte mit einer Badelatsche festgeklemmt hatte. Werkzeug hatte er nicht – und Ahnung von Motoren erst recht nicht. Aber das war gottseidank nur ein Auto. Nun ist nicht zu erwarten, dass das Maschinenparadigma des menschlichen Körpers in absehbarer Zeit fallen gelassen wird. Aber vielleicht beschleunigen solche Unfälle wie bei dem Londoner Test den Einsatz von Simulationen. Vor Jahren sagte mir der Technikphilosoph Walther Christoph Zimmerli einmal, dass er darin eine Chance der Nanotechnik sehe. Weil das Verständnis der molekularen Zusammenhänge dank neuer Werkzeuge uns immer erst von Computern übersetzt werden muss, könnte man auch die Folgen von Prozessen im Nanokosmos – und um solche handelt es sich auch bei Immunreaktionen – erst einmal simulieren. Die jüngsten Entwicklungen in der Supercomputertechnik geben uns zum ersten Mal eine realistische Chance, auch Zellprozesse zu simulieren, wie eine erste vollständige Virussimulation von Forschern der University of Illinois gerade gezeigt hat. Dann müssten nicht Versuchspersonen für 2000 Pfund ihr Leben aufs Spiel setzen – und potenzielle B-Waffen-Konstrukteure würden nicht so billig zu einer Inspiration kommen.

New Scientist: Catastrophic immune response may have caused drug trial horror
University of Illinois: Researchers simulate complete structure of virus–on computer


biotop statt golfclub

von nbo / 09.03.2006

China ist immer wieder für einen Thrill gut. Faszinierend, weil es doch zeigt, was für Wirtschaftswunder der Kapitalismus bewirken kann, gruselig, weil die Chinesen es so verdammt ernst damit meinen. Als sie die hierzulande vielgeschmähte Transrapid-Technik kauften, herrschte Eitelsonnenschein. Jetzt ist das Geschrei groß, weil sie den Stolz deutscher Ingenieurskunst künftig einfach selbst bauen wollen. Glaubte etwa jemand ernsthaft, China wolle für immer die billige Werkbank des Globus bleiben? Wer in der Globalisierung bestehen will, muss auf High-Tech setzen, weiß man auch in Peking. Die implizit paternalistische Haltung, die Chinesen könnten doch wohl kaum eine Schwebebahn selbst konstruieren, mutet schon seltsam an angesichts ihres hervorragend ausgebildeten Heeres an Ingenieuren und Forschern. Geradezu ärgerlich ist aber die Ansicht, hier liege ein Fall geistigen Diebstahls vor, der abgestraft gehöre. Das dem Transrapid zugrunde liegende Prinzip des Drehstrom-Synchronmotors ist ebenso physikalisch-technisches Weltwissen wie die Wirkungsweise eines Raketenantriebs. Der Westen aber versteht die vielbeschworene Wissensökonomie als eine Art Golfclub. Wer rein will, muss richtig blechen. Entweder Lizenzgebühren für Patente oder eine kostspielige Forschung dafür, jedes Rad noch einmal neu zu erfinden. Schön dokumentiert, aber hinter diplomatischen Nebelschwaden verschleiert ist das im jüngsten Vorschlag der USA an die World Intellectual Property Organisation (WIPO). Doch wenn es der „Dritten Welt“ an einem besonders mangelt, dann an Kapital. Wenn die überhaupt eine Chance auf eine eigenständige Entwicklung haben soll, braucht sie Zugang zum Knowhow des 21. Jahrhunderts. Deshalb macht sich Chile jetzt bei der WIPO für eine Stärkung der Public Domain ein – also Wissen für alle frei zugänglich zu machen. Was darin für Chancen liegen, zeigen etwa die nicht-westlichen Entwicklungen des Volkscomputers in Brasilien oder des Simputers in Indien. Sie basieren maßgeblich auf selbstentwickelter Hardware und dem freien Betriebssystem Linux (das allerdings nicht ganz Public Domain ist, da es der GNU General Public License unterliegt). In der Wunderwelt der WIPO-Strategen würden beide Länder heute noch PCs und PDAs komplett aus dem Westen beziehen und Kapital für den Tag X sparen, um beides noch einmal ganz neu entwickeln zu können. Das ist finsterstes 20. Jahrhundert. Dass das Zauberwort der Zukunft „Teilen“ heißt, spricht sich langsam herum. Sogar Sun-Chef Scott McNeally hat das begriffen – wohl nicht ganz freiwillig, sondern aus der Not heraus. Und anders, als es die Verfechter geistigen Eigentums beschreiben, ist Teilen alles andere als innovationshemmend. Auch hier ist der Simputer ein gutes Beispiel: Sein Interface und die FlipFlop, bei der sich das Gerät mit raschen Handbewegungen steuern lässt, sind hochinnovativ. Die Technik des 21. Jahrhunderts ist kein Golfclub, sondern ein üppig sprießendes Biotop, von dem alle profitieren können.

WIPO-Vorschlag der USA
WIPO-Vorschlag von Chile


planwirtschaft 2.0

von nbo / 19.01.2006

Vor 15 Jahren hat sich die sozialistische Planwirtschaft als Alternative, die Wirtschaft zu organisieren, aus der Weltgeschichte verabschiedet. Fluff, sank sie in sich zusammen, als das World Wide Web noch ein digitaler Embryo war und PCs mit schlappen 30-Megahertz-Prozessoren eine coole Sache. Ob die Planwirtschaft mit der hochgradig vernetzten Computertechnik von heute besser gelaufen wäre, habe ich mich später manchmal gefragt. Um so erstaunter war ich, als ich kürzlich einen Artikel fand, in dem ganz ernsthaft über eine „Planwirtschaft – auf der Höhe der Zeit“ nachgedacht wurde. Mit Hilfe von neuronalen Netzen und jeder Menge Rechenkraft soll eine permanente Input-Output-Analyse eingerichtet werden, was für die Gesellschaft produziert werden kann und muss – ganz ohne Markt und Preise. Und, lese ich, Hugo Chavez, Präsident von Venezuela und Speerspitze der neuen linken Bewegungen in Lateinamerika, soll sich ernsthaft für diese Idee interessieren und ein entsprechendes Buch ins Spanische übersetzen lassen. Wie würde so eine Planwirtschaft in Echtzeit wohl aussehen? Grundlage müssten Billiarden von Sensoren und Chips in Menschen, Waren und Maschinen sein, die der kybernetischen Planungsmaschinerie ständig Informationen über den Zustand von Konsum und Produktion geben. Lustig, dass das die totale Vernetzung wäre, die New-Economy-Gurus wie Kevin Kelly schon vor Jahren als die Zukunft der Wirtschaft beschworen haben. Und die haben dabei nicht an Sozialismus, sondern an noch mehr Digidollars gedacht. Nicht so lustig, dass das eigentlich ein Orwell’scher Alptraum ist, gegen den sich die Datenschutzdebatte um die Funketiketten für Supermarktprodukte (RFID genannt) harmlos ausnimmt. Denn während man sich auf dem Markt – noch – als Konsument oder Produzent tummeln kann, ohne seine anderen Vorlieben offenzulegen, würde hier jeder zum völlig entblößten Datencluster im Elektronenhirn des großen „Kybernators“. Der wäre dann Ebay, Google und Microsoft in einem. Dagegen hilft nur ein Manifest: Datenschützer aller Länder, vereinigt euch!

junge welt: Planwirtschaft - auf der Höhe der Zeit


das weltbild der A-klasse

von nbo / 08.12.2005

Die Ansicht, Technik sei im Grunde neutral, es komme nur darauf an, was man damit macht, hält sich hartnäckig. Zu verdanken haben wir sie der Sichtweise der Ingenieure, die besser damit leben können, wenn es nicht von ihnen abhängt, ob mit Technik Schindluder getroffen wird. Als Beispiel dient dann gerne die Kernenergie, die man wahlweise als Reaktor oder als Bombe nutzen könne. Doch das ist zu simpel – in technische Artefakte sind immer auch Annahmen über die Welt eingebaut, die nicht sofort ins Auge springen. Aufgefallen ist mir das neulich, als ich in einen Mietwagen stieg. Eine geknautschte A-Klasse, nicht eben der letzte Schrei des Industriedesigns. Aber man nimmt, was man bekommt. Als ich abends ein paar Meter von einer Pizzeria nach Hause fahre und mich - schlimm, schlimm - für die paar Meter nicht anschnalle, piept es. Die Anschnallsicherung. Ich ignoriere sie kurzerhand, worauf das Piepen zu einem Kreischen anschwillt. So laut, dass es in die Gehörgänge schneidet. Moment mal, denke ich, als freier Bürger ist es meine Entscheidung, eine Verkehrswidrigkeit zu begehen. Im Zweifelsfall hafte ich eben. Und hat nicht Angela Merkel gefordert, wir sollten "mehr Freiheit wagen"? Die moderne Vorstellung von Sicherheit im Straßenverkehr ist ins Auto eingebaut, ob es mir passt oder nicht. Nun gut, Mercedes sorgt sich um meine Sicherheit. Aber wie kommt es, dass sich beim Drehen des Zündschlüssels jedesmal automatisch die Türverriegelung senkt? Zu meiner Sicherheit wohl. Aber welche Sicherheit ist hier gemeint? In US-Großstädten und in Südafrika solle man unbedingt mit verriegelten Autotüren fahren, rät jeder Reiseführer. Aber ich befinde mich im prosperierenden Rhein-Main-Gebiet, an dem mir von Straßenräubern an Vorstadtampeln nichts bekannt ist. Nun ist Mercedes ein internationaler Autohersteller, im harten Globalisierungswettbewerb. Da kennt man die Welt. Kündet die automatische Türverriegelung von sozialen Verwerfungen, die auch unsere Großstädte bald ereilt? Eigentlich eine Lappalie. Aber es ist genau die Art von sozialem Kontext einer jeden Technologie, für die Soziologen und Philosophen immer schon das bessere Gespür hatten als Ingenieure. Mag sein, dass ein Geschäftsmann aus der internationalen Businesswelt diese Weltsicht teilt und soviel Fürsorge erwartet. Für mich ist es eine technisch eingebettete Bevormundung. Und von wegen Sicherheit: Rettungsdienste empfehlen seit jeher, nicht mit verriegelten Türen zu fahren. So können sie die Insassen im Falle eines Unfalls leichter aus dem Auto holen. Aber wahrscheinlich sind es nur soziale Underdogs, die alkoholisiert gegen Bäume fahren.




money talks and bullshit walks

von fcb / 02.11.2005

Um 12:55 Uhr geht bei mir über den Ticker, daß die Telekom in den kommenden drei Jahren 32.000 (in Worten: Zweiunddreißigtausend!) Stellen abbauen will. Damit keine betriebsbedingten Kündigungen erfolgen müssen, will der Ex-Monopolist 3,3 Mrd. Euro in die Hand nehmen für Abfindungen etc. Als Begründung wird neben dem "weltweiten Umbruch der Branche" und der "rasanten technologischen Entwicklung" insbesondere der "regulierungsbedingt harte Wettbewerb im Festnetz- und Breitbandbereich in Deutschland" genannt. Gerade bei letzterem Argument kommt mir echt die Galle hoch, zumal selbstverständlich kein Wort über überteuerte UMTS-Lizenzen oder Unternehmensübernahmen weit über Wert beispielsweise in den USA verloren wird. Keine halbe Stunde nach Veröffentlichung dieser Meldung übrigens ist der Kurs der T-Aktie in der Spitze um gute 3 % gestiegen. Das sind mal locker 1 % pro 10.000 abgebaute Stellen. So gesehen rechnet sich das Ganze doch schon.




uns geht's wohl zu gut!

von fcb / 06.10.2005

Auszug aus der heutigen Börsen-Zeitung: Im Interview antwortet der seit Anfang des Jahres amtierende Vorstandsvorsitzende von Siemens, Klaus Kleinfeld, mit folgender Aussage auf den Fragenkomplex "Welche Erwartungen haben Sie an eine neue Bundesregierung? Sind diese [von ihm zuvor skizzierten, Anmerk. fcb] Fortschritte auch mit einer großen Koalition möglich?": "Jede politische Konstellation muss die gleichen Überlegungen anstellen, wenn sie nicht gegen die Wand laufen will. Aber die Bürger des Landes müssen auch mitziehen. Die originären Charakterzüge, für die Deutschland im Ausland bewundert wird, sind ein wenig durch den überproportional gewachsenen Wohlstand der letzten Jahre verschüttet worden. Es ist erforderlich, dass diese Tugenden wieder freigelegt werden: Ehrgeiz, Leistungswille, Fleiß und Ingenieurkunst. Kultur ist ein weiterer wesentlicher Punkt." Dieser Text ist so autorisiert worden, es ist also davon auszugehen, daß das auch so gemeint ist. Nun weiß ich allerdings nicht, in welchem Paralleluniversum sich der werte Herr Kleinfeld bewegt, aber einen "überproportional gewachsenen Wohlstand" habe ich außer bei einigen Unternehmen (doch bezieht er sich in seiner Antwort auf die "Bürger des Landes") in den letzten Jahren nicht gesehen. Die Aussage stammt von dem Mann, dessen Rolex auf einem offiziellen Photo wegretuschiert wurde, und sie wurde wohlgemerkt nicht im Jahr 2000 getroffen. Vor der jüngsten Bundestagswahl wäre sie sicherlich so auch gar nicht gefallen. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Hier spricht nicht der Neid, sondern völliges Unverständnis gegenüber einer solchen Beschreibung der herrschenden Verhältnisse. Wie wäre es mal mit einem umfassenden Reality Check?




anarchy in germany?

von nbo / 22.09.2005

Was für Tage sind das: Patt und Poker in Berlin. Die Wirtschaft jammert über das Wahlergebnis, und mancher aus dem schwarz-gelben Lager dürfte das denken, was ein CDU-Mann am Sonntagabend allen Ernstes einem Sender ins Mikro sprach: "Scheißwähler". Klar ist immerhin: Für weitere neoliberale Rosskuren gibt es in Deutschland keine Mehrheit. Klasse. Wenn es in Europa überhaupt ein Modell gibt, den Sozialstaat im realexistierenden Kapitalismus ein wenig sozialverträglich zu modernisieren, ist es das skandinavische. Inmitten des Palavers über untragbare Steuerlasten sollte man sich im übrigen folgende Statistik auf der Zunge zergehen lassen: Die Steuern auf Vermögen (Erbschaftssteuer, Grundsteuer, Vermögensteuer und andere) machten 1999 in Großbritannien 3,9 % des BIP aus, in den USA 3,4 % - und bei uns schlappe 0,9 %. Bei den Erzkapitalisten wird Vermögen also höher besteuert als hier, wo schon das Wort "Vermögensteuer" Beißreflexe auslöst. Solange hier nicht auch die Vermögenden anfangen, den berüchtigten Gürtel enger zu schnallen, sollte sich jede Diskussion um Sparkurse und Steuersenkungen verbieten. Ja, bis auf weiteres leben wir alle im Kapitalismus. Aber der soziale Gesellschaftsvertrag muss für alle gelten. Wem die Wähler hier nicht passen, sollte vielleicht besser auswandern - z.B. ins gelobte Land auf der anderen Seite des Atlantiks, wo der Sozialstaat schon beseitigt ist. Der Hurrikan Katrina hat es eindrucksvoll unter Beweis gestellt.




it's the energy, stupid!

von nbo / 09.09.2005

Wenn hierzulande von Hightech die Rede ist, sind meistens Bio- und Informationstechnik gemeint. Auch die Nanotechnik, die in keinem Strategiepapier oder Wahlprogramm fehlt, wird oft auf den Kampf gegen unheilbare Krankheiten und die Suche nach noch kleineren, leistungsfähigeren Computerchips reduziert. Sicher zwei wichtige Herausforderungen für die nächsten Jahrzehnte. Doch es gibt mindestens eine Dritte, die uns in diesen Tagen nach der Katastrophe von New Orleans an jeder Tankstelle in Form von heftigen Benzinpreisen entgegenschlägt: eine wirklich zukunftsfähige Energietechnik. Während viele Zeitgenossen damit hässliche, laute Windräder verbinden oder angeblich Arbeitsplätze vernichtende Auflagen, ist Energietechnik inzwischen vor allem eines: eine Hochtechnologie, wie drei Beispiele zeigen. Leuchtdioden sind die effizientesten Lichtquellen, die bislang ersonnen wurden und schon bald vom TV-Bildschirm bis zur Wohnzimmerlampe einsetzbar. Würde China 40 Prozent seiner Glühbirnen gegen Leuchtdioden austauschen, könnte es 100 Milliarden Kilowattstunden sparen – die Energiemenge, die der umstrittene Drei-Schluchten-Staudamm ab 2009 jährlich produzieren soll. Ist schon die Energienutzung nicht optimal, mutet unsere Energieversorgung geradezu absurd an. Die Vitalität der westlichen Zivilisation hängt über einige Pipelines an erschreckend wenigen Öl- und Gasfeldern wie ein Fötus über die Nabelschnur an seiner Mutter. Nanoenergietechnik hingegen könnte die überfällige Abnabelung ermöglichen. Nanosolarzellen sind so flexibel einsetzbar, dass sie bald die künstliche Photosynthese verwirklichen können. Nicht nur Dächer, jede dem Sonnenlicht ausgesetzte Oberfläche könnte mit diesen hauchdünnen Schichten versehen werden. Und im Nanomaßstab verbesserte Materialien verbessern den Wirkungsgrad von Brennstoffzellen und die dazu nötigen Wasserstoffspeicher derart, dass das Heimkraftwerk im Keller nur noch eine Frage der Zeit sein dürfte. „It’s the energy, stupid!“ möchte man den Wahlkämpfern, vor allem im schwarz-gelben Lager, zurufen. Denn wenn die Nabelschnur reißt, erübrigen sich alle Steuerdebatten. Nicht das Steuersystem, eine zukunftsfähige Energieinfrastruktur ist die erste Voraussetzung für eine funktionierende Zivilisation.




die wahrheit ist langweilig

von nbo / 17.08.2005

Die Medienkarawane zieht weiter. Flugzeuge stürzen ab, das ist Stoff für Berichte. Wie mühsam dagegen die Kleinarbeit, die Aufklärung vergangener Katastrophen weiterzuverfolgen, auch wenn sie erst einige Wochen zurückliegen. Daran haben auch die Londoner Bombenattentate vom 7. Juli nichts geändert. Und so geht die Schlagzeile des Independent vom Wochenende unter: "London bombings: the truth emerges". Die Wahrheit ist nämlich verwirrend für die Kulturkämpfer der Gegenwart. Hinter den Anschlägen vom 7. und den vereitelten vom 21. Juli steckte offenbar weder ein Mastermind von Al Qaida, noch sind beide Ereignisse miteinander verbunden. Vielmehr handelt es sich zuallererst um autonom agierende Gruppen von britischen Staatsbürgern, die sich derart radikalisiert haben, dass sie Zivilisten in die Luft sprengen. Auch sind sie nicht in Moscheen radikalisiert worden, berichtet der Independent, sondern in Fitnessstudios. Wir haben es mit EU-Bürgern zu tun, die zwar von Einwanderern aus islamischen Ländern abstammen, aber eben keine eingeschleusten "Schläfer" aus dem Nahen Osten sind. In ihrer wie auch immer begründeten Frustration haben sie auf die einzige militante Ideologie zurückgegriffen, die zurzeit verfügbar ist: einen radikalen politischen Islam. Früher hätten sie ihre Legitimation vielleicht bei Mao gefunden, heute finden sie sie bei Mohammed. Strukturell sehe ich darin keinen Unterschied zu den europäischen Terrorgruppen der 70er Jahre (die übrigens damals auch schon gemeinsame Sache mit der PLO machten). Warum ist das wichtig? Weil es auf eine Bruchstelle INNERHALB der westlichen Gesellschaften deutet. Es handelt sich hier eben nicht um eine fremde Macht, die in den Westen eindringt. Solange dies der Fall ist, kann man derartige Anschläge leicht als "Angriff" abtun. Aber wir haben es hier, anders als bei 9/11, mit einer militanten Opposition von innen heraus zu tun. Deshalb helfen Reflexe nicht weiter, dass uns Osama Bin Laden und seine Getreuen nichts, aber auch gar nichts mitzuteilen hätten, außer Hass. Die Bomber von London teilen uns etwas mit: dass in den europäischen Gesellschaften etwas schief läuft. Multikulturalismus, Integration, Toleranz haben diese Leute offenbar nicht erreicht. Stattdessen ist jede Gesellschaft ein Abbild der Konflikte der Globalisierung im Kleinformat. Es gibt nicht nur einfach Verlierer, es gibt sogar solche, die trotz aller Anstrengungen nicht dazugehören werden. Der Anspruch des Neoliberalismus, als Variante des American Dream, dass JEDER es schaffen kann, ist eine Lüge. Um diese Lüge geht es bei den Londoner Anschlägen, wenn wir sie richtig lesen. Da helfen auch Ausweisungen von potenziellen "Terroristen" arabischer Herkunft nicht. Das innenpolitische Globalisierungsproblem wird dadurch noch nicht gelöst.

The Independent: London bombings: the truth emerges (kostenpflichtig, nur Einleitung)
guerilla news network: London bombings: the truth emerges (ganzer Text)


die 7/7-lüge

von nbo / 27.07.2005

Fast drei Wochen ist die erste Angschlagsserie von London her. 7/7 tauften CNN und andere Medien das Ereignis, Großbritanniens 9/11. Motto: Wir sitzen alle im selben Boot, das von Osama und seinen Schergen beschossen wird. Unsere Medien sekundierten eilfertig und titelten "Angriff auf London" und ereiferten sich einmal mehr über den "Kampf der Kulturen". Als die IRA in Londons U-Bahn bombte, ist niemand auf diese Idee gekommen. Es waren ja nur Nordiren. Nicht die "anderen". Seitdem werden wir täglich überrascht: Die Bomber waren Briten. Warum schrieb eigentlich niemand nach dem Anschlag von Sharm el Sheikh von einem "Angriff auf Ägypten", warum versicherte niemand die Ägypter der "uneingeschränkten Solidarität"? Weil die Opfer vornehmlich westliche Touristen waren? Die Reaktionen offenbaren nichts weiter als postkolonialen Rassismus. Und die westlichen Linken, einst solidarisch mit jeder hergelaufenen Befreiungsbewegung in der "Dritten Welt", weiß immer noch nicht, wie sie reagieren soll. Auch sie tappt in die Postkolonialismusfalle. Denn die unter dem Begriff Islamismus zusammengefasste Guerilla ist die erste seit dem Zweiten Weltkrieg, die sich nicht in irgendeiner Form auf vertrautes westliches Gedankengut stützt. Ho Chi Minh? Studierte in Paris und versuchte den Marxismus für Vietnam zu adaptieren. Fidel Castro, Che Guevara? Noble Kämpfer für "unsere" sozialistische Idee. Mengistu in Äthiopien, Pol Pot in Kambodscha, Guzman in Peru, alles verirrte Ausleger einer hehren Sache. Aber eine Guerilla, die auf einer Religion, und dazu noch auf einer autoritären wie dem Islam fußt? Wie ekelhaft. Und der Ekel vernebelt jedes klare Denken. Das Neue am Al-Qaida-Phänomen ist nur sein globales Operationsgebiett. Die Motivation: Unterentwicklung, Frustration, Demütigung, Unterdrückung ist keinen Deut anders als die anderer Guerillagruppen in den vergangenen Jahrzehnten. Es muss möglich sein, diese Motivation nüchtern zu analysieren, ohne sich vor irgendeinem vermuteten "abgrundtief Bösen", das in den Attentätern steckt, ins Irrationale zu flüchten. Die Bombenleger handeln nach ihren eigenen Wertvorstellungen höchst rational. Wann begreifen wir das endlich? Dass sich ihr Einsatzgebiet von New York bis Bali, von London bis Aden erstreckt, ist überhaupt kein Beweis für einen Kampf der Kulturen. Es ist nur ein Beweis für das Stadium der Globalisierung, das wir bereits erreicht haben. Die Anschläge sind vielmehr Teil des ersten globalen Bürgerkriegs einer heraufziehenden Weltgesellschaft, in der längst alle Weltanschauungen und Religionen in den Metropolen zusammenleben - fast immer friedlich. Der US-Psychologe Steven Hobfoll hat heute in der "Welt" geäußert: "Wenn wir intolerant werden, siegt der Terror." Recht hat er. Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass wir uns in denselben Furor hineinsteigern, den wir bei den Attentätern verabscheuen. Denn das ist die Provokation, die sich in nichts von der Strategie etwa der RAF unterscheidet. Die wollte schon die faschistische BRD "zur Kenntlichkeit entstellen". Das ist damals nicht gelungen, und es muss auch heute dem Al-Qaida-Komplex nicht gelingen. Aber dafür müssen wir erst die Lektion des postkolonialen Rassismus lernen.

Die Welt: "Wenn wir intolerant werden, siegt der Terror"


wann beginnen wir den digitalen kulturkampf?

von nbo / 28.06.2005

Der Supreme Court hat gesprochen: P2P-Netzwerke wie Grokster sind künftig haftbar für Copyright-Verletzungen, die dort getauscht werden. Eine Überraschung ist das nicht angesichts des repressiven Umgangs mit Technologien zur Verbreitung digitaler Produkte in den letzten Jahren. 1984, im Referenzfall, wurde Sony noch freigesprochen, mit der Technologie der Videorecorder Copyright-Verletzungen zu ermöglichen. 21 Jahre später wird hingegen digitale Kreativität per se kriminalisiert. Denn de facto wird damit freies und lizenzpflichtiges Copyright in einen Topf geworfen: Wer als Privatperson oder Independentfilmer/-musiker seine Werke in die Öffentlichkeit bringen will, kann dies nach diesem Urteil praktisch nur noch per Mailingliste oder eigener Website tun, denn in letzter Konsequenz bedeutet das Urteil, das P2P-Netzwerke jederzeit geschlossen werden können. Damit ist eine Entwicklung, die schon John Gilmore von der Electronic Frontier Foundation und Larry Lessig angeprangert haben, auf ihrem vorläufigen Höhepunkt angekommen. Schon die früheren Hifi-CD-Brenner, etwa von Philips, machten keinen Unterschied, ob es sich bei gebrannten Songs um Eigenkreationen oder gerippte CDs handelt. Kopieren von bereits gebrannter Musik wurde technisch blockiert, selbst wenn es sich um Stücke handelte, die man selbst mit der eigenen Band aufgenommen hatte. Im Namen des Big Business werden also die bahnbrechenden Veröffentlichungsmöglichkeiten des Netzes für Independent-Künstler gesperrt – direkt an der Wurzel, auf der technischen Ebene. Die Sicherung von Lizenz-Millionen ist wichtiger als eine prosperierende Kultur. Wie sollen wir damit umgehen? So wie im Falle von Linux einfach eine Paralleltechnologie zu Windows oder Unix zu entwickeln, scheint in diesem Fall unmöglich, denn hier wurde eine Technologie an sich unter Vorbehalt gestellt. Selbst wenn alle Grokster-User nur freies Material anbieten würden, könnte immer noch ein Industrie-Troll geschütztes Material einspeisen, so dass Grokster wiederum auf dem Klageweg fertig gemacht würde. Einem Troll seine Identität als Agent Provocateur nachzuweisen, ist unmöglich. P2P-Netzwerke sind der Willkür des Big Business schutzlos ausgeliefert. Die einzige Antwort kann nur ein langsamer zäher Kulturkampf für eine offene Technosphäre sein, die Befreiung des Codes. Beginnen müsste man eigentlich mit einem Boykott aller Labels und Studios, die diese Entscheidung unterstützt haben. Darunter auch Apple: Werde ich meinen iPod wegschmeißen? Schlimme Vorstellung. Aber wann ist der Punkt gekommen, an dem das Maß voll ist und die eigene Bequemlichkeit zurückstehen muss? Mit diesem Urteil? Klar ist, dass es ein Meilenstein auf dem Weg zu einer geschlossenen, ja Orwellschen Technosphäre ist, vergleichbar nur mit dem Supreme-Court-Urteil von 1981, das den Weg für die Patentierung von Software, Genen oder Geschäftsideen frei machte. Was also tun?

cnet: Supreme Court rules against file swapping
EFF: Supreme Court Ruling Will Chill Technology Innovation


china beginnt in hamburg

von nbo / 10.06.2005

auf eine krasse möglichkeit, mit hartz IV den arbeitsmarkt aufzumischen, hat mich ein freund hingewiesen, der sich am montag zum zwangsassessment für 1-euro-jobs im bereich grafik, webdesign, journalismus einfinden muss. ein so genannter medienpool sammelt in Hamburg 120 arbeitslose medienschaffende ein und "leiht" sie im praktikantenstatus für einen euro die stunde nicht nur an gemeinnützige einrichtungen. wenn man den kostendruck der medienwirtschaft kennt - so will etwa gruner + jahr 20 millionen euro im jahr einsparen –, kann man unschwer erkennen, welche verwerfungen am arbeitsmarkt da entstehen werden. das übertrifft selbst die berüchtigen polnischen spargelstecher und bauarbeiter, die mit 2, 3 euro stundenlohn viel zu teuer sind. das sind bereits chinesische verhältnisse - mitten in deutschland. so lernt man offenbar hierzulande aus dem fernöstlichen wirtschaftswunder. wer will da im ernst noch rot-grün oder schwarz-gelb wählen, wenn sie beide diese entwicklung als einzig vernünftigen weg zu wachstum und beschäftigung bezeichnen? 2005 - das jahr, in dem die BRD zusammenkrachte, wird eines tages in den geschichtsbüchern stehen.

junge Welt: Frei für einen Euro
Freitag: Ein Streitgespräch über Hartz IV


21.000 kilometer...

von nbo / 12.05.2005

...in fünf monaten, durch drei kontinente. von hamburg dammtor mit bussen, bahnen, lastwagen und manchmal auch schiffen nach kapstadt. und da sind wir wieder. ja, es geht, es ist keine fixe idee, und es ist großartig. ein abenteuer, das ich jedem von euch empfehlen kann. keine spirituelle wäsche wie vielleicht indien oder südostasien. aber schon ein vollwaschgang fürs denken. danach schaut man die globalisierung mit anderen augen an, weil nicht nur koloniales erbe und weltwirtschaftssystem an der afrikanischen misere schuld sind und die NGOs durchaus teil des problems sind; man schaut die araber mit anderen augen an, weil sie viel freundlicher sind, als das vorherrschende bild vom religionsterroristen suggeriert, und weil man weiß, woran man bei ihnen ist; und man schaut sein zuhause (auf das wir uns echt sehr gefreut haben) mit anderen augen an, weil hier auf sehr hohem niveau gelitten und genörgelt wird und trotzdem nichts vom fleck kommt. als ich in kapstadt sage und schreibe eine taz vom gleichen tag in die hand bekam, dachte ich nur, meine güte, die deutsche politik ist genauso öde wie immer. arbeitslosigkeit, milliardenlöcher, parteiengezänk, ist hier keine zeit vergangen? auf der anderen seite merke ich nach ein paar wochen, in was für einem overload an informationen, möglichkeiten, meinungen, events wir hier leben. und dass mir das zumindest nicht gefehlt hat. während in afrika menschen apathisch sind, weil sie keine perspektive sehen oder es mangels bildung nicht besser wissen, kann man hier politisch apathisch werden, weil man permanent mit spaßoptionen zugeballert wird. aber die haben absolut keine bedeutung. kreiseln mit höchster beschleunigung um den nabel der gegenwart, ohne sich vorwärts zu bewegen. in äthiopien habe ich mich dagegen gewundert, dass dort manchmal entschleunigung bis zum stillstand herrscht. das ist auch nichts, das war schon frustrierend zuzuschauen. was also ist die richtige geschwindigkeit des lebens? was ist aktion? wo wollen wir hin? worauf warten wir eigentlich? es gibt keinen grund, nicht einfach aufzubrechen. aufbruch ist möglich, und irgendwo kommt man an. das immerhin weiß ich nach den 21.000 kilometern.

no sleep till kapstadt - der ganze blog mit route und bildern


spitting message

von nbo / 28.09.2004

Digitale Kommunikation wird immer unzuverlässiger. „Komisch, deine Mail habe ich nicht bekommen“, heißt es nicht mehr selten, vor allem, wenn man Einladungen an eine ganze Liste verschickt hat. Übereifrige Spamfilter feiern hier billige Erfolgserlebnisse, während sie bei realer Spam versagen. Doch das ist nur ein Vorgeschmack auf das wahre Desaster: Wenn das Telefonieren irgendwann komplett auf die internetübliche IP-Übertragung umgestellt sein wird, läuft unsere Kommunikationssphäre Amok – zu Spam kommt „Spit“ (Spam over Internet Telephony). Dann klingelt mindestens 20mal am Tag das Telefon, und ein freundlicher, natürlich weiblicher Roboter säuselt uns Viagra-Discounts ins Ohr. Die US-Firma Qovia entwickelt deshalb schon jetzt einen „Spitfilter“. Wenn der so gut funktioniert wie Spamfilter, werden wohl nicht wenige unserer Anrufe bei Freunden und anderen im Nichts enden. Und in 60, 70 Jahren wird man dann lächelnd auf das „digitale Zeitalter“ zurückblicken, während der wasserstoffberittene Bote ein ganz analoges Telegramm zustellt.

heise.de: Spam-Blocker für VoIP


a day in the life

von nbo / 14.09.2004

Das Schöne am medial erzeugten Global Village ist seine unüberbietbare Unterhaltsamkeit. Früher musste man dafür Moebius’ „John Difool“ oder ähnlich großartige Sciencefiction lesen. Heute genügt ein Blick in den täglichen Newsstrom: Ein Kubaner in der Provinz Pinar del Rio will 70 cm große Kühe gezüchtet haben, die vier bis fünf Liter Milch am Tag geben. „Das sind Tiere für die Terrasse, leicht zu halten“, zitiert AP den Züchter Raul Hernandez. Hat da der AP-Reporter mit einem Tabakbauern in Pinar del Rio neben einer selbstgedrehten Zigarre noch was anderes geraucht? Früher wäre der Fall klar gewesen. Heute wundert es uns nicht mehr, wenn einer wirklich 70 cm große Kühe züchtet. Die Kubaner sind ja durch ihre Misere auch besonders pfiffig geworden. Gentechnik können sie sich allerdings noch nicht leisten, weshalb  Herr Hernandez wohl einige Zeit in sein Projekt investiert haben wird... Zapp! In Berlin ist ein Rentner mit einer russischen Panzermine unterm Sakko in einem Gerichtsgebäude gefasst worden. Kein Tschetschene. Der Wahnsinn bricht also auch hier aus. Das Gericht hatte neulich entschieden, dass der Mann für eine Operation selbst zahlen muss. Da wollte er denen halt mal zeigen, was ’ne Harke ist. Hatte halt noch eine Panzermine zuhause rumliegen... Zapp! In den USA will ein ehemaliger Air-Force-Angehöriger eine Atombombe gefunden haben. Einfach so liegt sie auf dem Meeresboden vor der Küste von Georgia. Seit sie 1958 verloren ging - verloren... Zapp! Wow, in der Ukraine sind ein paar Typen dabei erwischt worden, wie sie eine 100 Meter lange Brücke klauen wollten. Eine Stahlbrücke. Auf die Idee muss man erst mal kommen. Auf die Idee kann man aber kommen in einem Land, in dem es offenbar Altmetall nur zu so horrenden Preisen gibt, dass die Leute die Zäune, die sie eigentlich schützen sollen, selbst beschützen müssen... Und während ich dies schreibe, wird auf RTL eine Brustvergrößerung live übertragen. Auf diese Idee kann man kommen in einem Land, in dem Einschaltquotenrekorde offenbar so selten geworden sind wie Aluminium in der Ukraine. Heiliger Difool, was für ein Tag.




schabernack im ticketshop

von nbo / 17.08.2004

Neulich im Web: Zum ersten Mal will ich mir Kinokarten im T-Online-Ticketshop kaufen. Toll, denke ich, mit Platzauswahl. Dann geht’s zum Bezahlen: Kreditkarte  oder Online-Überweisung? Die Frage beantwortet sich schnell, da bei Kartenzahlung T-Online einen Systemfehler meldet. Also probier ich’s mit der Überweisung. Man müsse nur PIN und TAN des Kontos eingeben, heißt es. Ich hangel mich durch und komme zur entscheidenden Seite. Und was steht da? Zusätzlich zu PIN und TAN werden eine Online-Nr. und ein DTA-Gateway gefordert. Was bitte ist ein DTA-Gateway? In den Ticketshop-FAQ taucht das Wort nicht auf. Ich rufe bei T-Online an. "Dafür bin ich nicht ausgebildet worden, aber ich kann ihnen die T-Online-plus-Hotline geben", sagt das Callcenter. Klar, eine 0190-Nr. - ich soll also 60 Cent pro Minute zahlen, um rauszukriegen, was T-Online mit DTA-Gateway meint, anstatt es auf der Webseite einfach dazuzuschreiben. Meine Bank-Hotline weiß es zum Ortstarif: "DTA-Gateway? Wie lang ist denn Ihre Online-nr?" Ich: "10 Stellen". Die Bank: "Dann können sie dieses Online-Überweisungssystem nicht nutzen, das baut nämlich auf dem alten BTX-System der Telekom auf.“ So ist das mit dem Fortschritt.




"ethnische" waffen sind keine science fiction mehr

von nbo / 27.07.2004

Die US-Firma NitroMed hat ein Herzmedikament speziell für Schwarze angekündigt: BiDil könnte schon 2005 auf den Markt kommen. Diese Nachricht ist wissenschaftlicher Sprengstoff größten Kalibers. Ist das etwa die Wiederauferstehung der durch Analysen des menschlichen Genoms längst beerdigten Rassen-Phantasmagorie? Seit längerem ist bekannt, dass die Genunterschiede zwischen zwei Nachbarn aus Hamburg größer sein können als die zwischen einem Dänen und einem Ghanaer. Für eine Rasseneinteilung gibt es damit keine biologische Grundlage. Tatsache ist aber auch: Es gibt in der Menschheit etwa 3 Mio. Genunterschiede, SNPs genannt, und ganze Bevölkerungsgruppen können SNPs haben, die andere nicht haben. Hier setzt BiDil an. Das Problem ist aber nicht nur eine Vermarktung als „African American Drug“. Es zeigt erstmals, dass die seit einiger Zeit kontrovers diskutierten "ethnischen" B-Waffen, die SNPs einer bestimmten Bevölkerung ansprechen, keine Wahnvorstellung von Pessimisten sind. BiDil könnte der arglose Anfang eines neuen Horrors sein.

Nature News: "First 'black' drug nears approval"
Freitag: "Wenn Buchstaben zu Waffen werden"


McFAQ: zu wenig antworten auf meine burger-fragen

von nbo / 14.07.2004

Vor einigen Tagen fand ich eine neue Ausgabe von „Themen – Service für Presse, Hörfunk und Fernsehen“ in der Post. Das Blatt wird regelmäßig von unterschiedlichsten Branchen zur, nun ja, ergänzenden Information von Journalisten bestritten. Nicht immer uninteressant. Diesmal von McDonald’s. Kein Wunder: Morgen läuft „Super Size Me“ im Kino an, der missratene 30-Tage-Selbstversuch, sich ausschließlich von Mc-Essen zu ernähren. Ich erfahre im Themenheft, dass 90 % aller McDonald’s-Zutaten aus Deutschland stammen. Immerhin! Dass die Zubereitung nach dem internationalen HACCP-Standard kontrolliert wird. Wie ausgeklügelt die Logistik ist. Und doch bleibt ein fader Nachgeschmack: Was ist mit dem „Kleingedruckten“, all jenen im heutigen Industriefood üblichen Zusatzstoffen? Das Mc-Rindfleisch komme nicht aus Massentierhaltung, heißt es in den FAQ. Und das Hähnchenfleisch? Und sind die 30 % US-Weizenmehl, die allein den Mc-Brötchen ihren typischen Geschmack geben können, gentechnisch verändert? Viele Antworten, aber einige wichtige fehlen. Kann oder will uns McDonald’s nicht mehr sagen? Das reicht nicht, um "Super Size Me" den Wind aus den Segeln zu nehmen. Morgen werde ich mir definitiv den Film "reinziehen".

Spiegel Online: "Super Size Me" - Angriff der Killer-Burger
McDonalds.de: FAQ zu Qualitätsfragen


His name is robert paulson

von fcb / 03.07.2004

Mitunter treibe ich mich gerne auf Karaoke-Veranstaltungen rum und gebe dort die eine oder andere Weise zum Besten. Wenn man nur oft genug auf solche Events geht, stellt man fest, daß auch andere sich immer wieder da hingezogen fühlen (ob die auch alle so eitel sind wie ich?), so daß es fast so etwas wie eine Karaoke-Community in Frankfurt gibt. Darunter sind Menschen jeglicher Couleur, Neigung und Ausprägung, zum Teil auch sehr skurrile Gestalten (einer nennt sich beispielsweise "Duell"). Ein anderer war Otto, ein schwuler Asiate, der sich stets die größten Schnulzen herausgesucht hatte. Ich fand ihn immer ein wenig befremdlich, mit seiner Sonnenbrille mit herzförmigen Linsen, seiner spätsiebziger Langhaarfönfrisur und seiner überaus penetrant tuckigen Art. Niemand, mit dem ich sonderlich warm geworden bin unter all den anderen Karaokesängern. Wir haben nie ein Wort miteinander gewechselt. Als Lisa und ich letztens zum Wohnzimmerkaraoke in die Instant Lounge kamen, begrüßte mich Volker, einer der Veranstalter, und erzählte mir, daß sie eigentlich überlegt hatten, die ganze Sache ausfallen zu lassen, denn vor wenigen Tagen wurde Otto nur wenige Häuser weiter in der Schwulenkneipe Retro, beziehungsweise davor, erschlagen.Im ersten Moment dachte ich, ich hätte mich verhört und er meinte "geschlagen". Aber Volker erklärte, daß Otto wohl von einem Typen mit einem Aschenbecher erschlagen wurde, während an die 20 Menschen zugeschaut haben ohne einzugreifen. Ich bin immer noch fassungslos. Ich kann nicht genau beschreiben, was mich am meisten aufwühlt. Die Tatsache, daß da ein Mensch, der sich seit kurzen in meinem erweiterten Bekanntenkreis befand, nicht mehr existiert; daß es wohl eine schwulenfeindliche Tat war (ein mutmaßlicher Täter wurde anscheinend gefaßt); oder daß so viele Menschen einfach zugesehen haben. Von Ottos Freunden war an diesem Abend in der Instant Lounge keiner da. Von denjenigen Sängern, die da waren, kannte wohl niemand Otto näher. Aber diejenigen, die ihn schon erlebt und gehört hatten, waren ebenso geschockt wie ich, und obwohl ich nicht der Einzige bin, der Otto immer ein wenig seltsam fand, wird er uns bei diesen Veranstaltungen fehlen.




es wird immer analoge platten geben

von nbo / 30.06.2004

Während Apple und BMW ankündigen, den iPod künftig passend zum Autoradio zu liefern, hatte ich letzte Woche in Cannes ein großartiges Erlebnis der analogen Art. Dort war Werbefilmfestival. Hunderte wichtige, aufgekratzte, vollgekokste Werber und Filmer schoben sich den ganzen Tag zwischen Strandbars und -parties, die eher Hitech-Schlachten glichen, und der superöden Martinez-Bar hin und her. Wir waren da nun gelandet und dachten nach dem ersten Tag, wie kann man bloß das noch drei weitere Tage aushalten? Dann nachts um zwei der Entschluss: da müssen wir Action gegen setzen. Also gingen wir mit einem tragbaren, batteriebetriebenen 70er-Philips-Plattenspieler (samt Boxen) und vier Single-Alben runter an die Promenade – ich hatte die prophylaktisch mitgenommen. Direkt gegenüber den Menschentrauben in der Martinez-Bar bauten wir das Zeug auf. Und dann kamen Stevie Wonder, Bob Marley, Chic, Donna Hightower... Und was passiert? Die Leute, die vorbeikommen, fangen an zu tanzen, Typen, die eben noch über Digitaleffekte geredet haben, geraten beim Anblick der alten Vinylsingles und des Philips in Verzückung ("It's the fucking greatest thing I've seen in Cannes"). We're back to the roots. Drei Nächte machen die Digerati mit, bis weit nach Sonnenaufgang, die Aktion hat sich rumgesprochen. Technik, Big Business, Entertainment - die Essenz ist am Ende nur die Musik, die aus krächzenden Boxen kommt. Der Spirit der 60er weht für einen Augenblick über einen Jet-Set-Boulevard. Da geht was. Es hat mich umgehauen.




der assembler ist tot, es lebe die schreibtischfabrik

von nbo / 10.06.2004

Der kalifornische Ingenieur Eric Drexler hat 1986 der Welt die Vision des sich selbst vervielfältigenden Nanoroboters, des Assemblers, geschenkt, der in Schwärmen von Milliarden jeden beliebigen Gegenstand herstellen kann. Den Alptraum lieferte er frei Haus mit: Assembler könnten auf ihrer Suche nach verwertbaren Rohstoffen amoklaufen und die Biosphäre der Erde zerstören. Die Geister, die er rief, wurde er nicht mehr los. Die Scientific Community verübelte ihm die Vision, weil sie unwissenschaftlich sei, und für viele Zeitgenossen war sie purer Horror. Drexler beharrte dennoch lange auf dem Konzept, weshalb dessen interessanter Kern unterging: ein Gerät, mit dem Haushalte Gegenstände „ausdrucken“ können, die industrielle Produktion also in Nanofactories daheim wandern könnte. In einem neuen Paper hat Drexler nun eine erste bemerkenswerte Kurskorrektur vorgenommen: Die Nanotechnik der Zukunft kann auch ohne selbst-replizierende Assembler die Schreibtisch-Fabrik für jedermann schaffen. Jetzt sind seine Kritiker am Zug.

Eric Drexler & Chris Phoenix: Safe Exponential Manufacturing
Auszug aus nbos Buch "Nano?!": Die Assembler-Frage


big brother, ganz olympisch

von nbo / 01.06.2004

Nach der vorübergehenden Flucht des „Kalifen von Köln“ hat sich der Ton der Sicherheitsdebatte weiter verschärft. Und obwohl die Ausweitung der Überwachung auch hierzulande als Antwort auf den „globalen Terrorismus“ beschlossene Sache ist, kommt sie nur allmählich in Gang – Budgetbeschränkungen und demokratischen Spielregeln sei Dank. Wie man die schnell und elegant umgeht, macht Griechenland vor. Dort wird zum Schutz der Athener Olympiade im August ein Überwachungssystem aufgebaut, das „state of the art“ ist. Besorgte Sportfreaks aus aller Welt, die dabei sein wollen, werden erleichtert sein. Aber wenn sie wieder abgereist sind, wird das rund 255 Millionen Euro teure IT-System bleiben, das u.a. sämtliche Kameras und Sensoren in Athen, Thessaloniki und vier weiteren Olympiastätten mit 116 neu geschaffenen Operationszentralen der Polizei in Echtzeit verbindet. Dies werde die neue Infrastruktur der Polizei, bestätigt Eleftherios Ikonomou, Sprecher des griechischen Innenministeriums. Da sage noch einer, die Olympiade wäre nur noch ein blödes Medienspektakel.




bill gates ist cooler

von nbo / 14.05.2004

64 Kilometer – das ist schon beeindruckend. Der Amerikaner Mike Mevill ist als erster Privatmann ohne die Hilfe staatlicher Raumfahrtorganisationen an den Rand des erdnahen Weltraums aufgebrochen. Das zeigt, dass die Raumfahrt mit den heutigen Möglichkeiten an Technik und Finanzierung auch privat gemeistert werden kann. Der Flug ist für Mevill ein wichtiger Schritt in Richtung Weltraumtourismus. Dafür hat Microsoft-Mitgründer Paul Allen etliche Millionen Dollar spendiert. Klingt cool. Aber eigentlich ist es doch blödsinnige Kapitalvernichtung. Dass es irgendwann Charterflüge in den Orbit geben könnte, möchte man der Stille des Alls nun wirklich nicht wünschen. Aber das ist nicht alles. Der andere Microsoft-Mitgründer Bill Gates, für viele der Inbegriff des üblen Kapitalisten, lässt seine überzähligen Millionen auf der Erde springen: für die Bekämpfung von Malaria und anderen Krankheiten, die nur die nichtwestliche Welt plagen und daher für Pharmakonzerne uninteressant sind. Let’s face it: Bill Gates ist cooler.

Netzeitung: Privatmann fliegt an den Rand des Weltraums
Bill & Melinda Gates Foundation


ungleichgewicht des schreckens

von fcb / 11.05.2004

Der Kampf der lieben Unterhaltungsindustrie gegen Raubkopierer treibt immer neue Blüten. Wie vor einigen Tagen bei Heise zu lesen war, zeigen die Hausdurchsuchungen und Aufklärungsaktionen wohl die von der Filmindustrie erhoffte Wirkung. Das scheint die Macher darin zu bestärken, noch einen Gang nachzulegen, "um den Trend zu immer mehr Raubkopien noch in diesem Jahr zu brechen" [Heise]: Nun sei eine Sommeraktion mit dem Titel "Knast on Tour" geplant, bei der jeder die Gelegenheit bekäme, "in einer nachgebauten Gefängniszelle für fünf Minuten das Leben eines ehemaligen Raubkopierers kennen zu lernen" [Elke Esser, Geschäftsführerin der Zukunft Kino Marketing GmbH (ZKM)].Alleine der Titel und Begründung der Aktion sind schon entlarvend, aber angesichts dieser wirklich bahnbrechenden Idee fragt man sich doch gleich, warum diese Maßnahme nur auf Urheberrechtsbrecher beschränkt bleiben soll. Diese Abschreckungsmaßnahme ließe sich doch ohne weiteres auch auf die gesamte Bandbreite an kriminellen Machenschaften anwenden. An einem Samstag auf der Frankfurter Zeil könnte man so sicherlich ganze Heerscharen von Taschen- und Kaufhausdieben von ihrem verwerflichen Tun abhalten. Das wäre doch mal ein gelungener Anfang, analog könnten weitere Schritte gegen alle andere Formen des Verbrechens ad infinitum vollzogen werden. Blöd bloß, daß wir angesichts unserer Verfassung hier nur halbe Sachen machen können: In den USA hingegen könnte man daneben auch gleich noch die Aktion "Electric Chair On Tour" ins Leben rufen (sic!).Die hiesige Filmindustrie sollte sich die Idee zu dieser Sommeraktion schleunigst patentieren lassen, vielleicht winkt ihr am Ende sogar der Friedensnobelpreis. Ein Bundesverdienstkreuz für die gelungene Verbrechensbekämpfung ist allemal drin.

Aktionen gegen Raubkopierer angeblich erfolgreich


otto schily bestellt in redmond...

von nbo / 06.05.2004

Otto Schily hat sich in seiner Amtszeit viele Freunde gemacht mit seiner autoritären Vorstellung davon, wie man den Rechtsstaat schützt. Während er mit den Grünen um die abgebrochenen Verhandlungen zum Zuwanderungsgesetz streitet, hat er Anfang der Woche Microsoft-Chef Steve Ballmer getroffen und eine Kooperation in Fragen der IT-Sicherheit vereinbart. Auf die Frage, worum es im Detail gehe, wollte Schily nicht antworten. Das hätten wir aber schon gerne genauer gewusst, während die nächste Wurmplage wieder einmal den Windows-Teil des Internets befallen hat. Was kann Ballmer ihm wirklich Überzeugendes angeboten haben? Eine böse Erinnerung kommt auf: an den berüchtigten „NSA-Key“, eine angebliche Schnittstelle für Kryptografie-Schlüssel, die Microsoft für den US-amerikanischen Geheimdienst NSA in Windows angelegt haben soll. Hat Otto Schily einen BND-Key bestellt? Wundern würden einen nichts mehr in dieser Terror-Paranoia, in der der Rechtsstaat von seinen Beschützern mit Hightech demontiert wird.

heise.de: Microsoft unterstützt Bundesinnenministerium bei IT-Sicherheit
heise.de: Debatte um NSAkey geht weiter (Sept. 1999)


Wenn schon revolutionär, dann bitte konsequent!

von fcb / 27.04.2004

FIFA-Präsident Sepp Blatter, bereits berüchtigt für seine hanebüchenen Versuche, den Fußball zu erneuern, hat sich mal wieder mit einem absurden Vorschlag ins Gespräch gebracht. Laut Reuters-Meldung von heute mittag ist er der Meinung, daß jedes Spiel einen Gewinner haben sollte.Nee, oder?Seine Idee, daß jedes Spiel bei einem Remis nach 90 Minuten per Elfmeterschießen entschieden werden soll, ist in sich so wahrhaft revolutionär wie seine Begründung in ihrer Schlichtheit ergreifend ist: "Wenn man Karten oder irgendein anderes Spiel spielt, gibt es immer Gewinner und Verlierer. Wir sollten den Mut haben eine finale Entscheidung in jedem Fußballspiel herbeizuführen".Damit wird der Fußball endlich seiner Rolle als Spiegelbild der Gesellschaft vollkommen gerecht: Gewinner, Verlierer und nix dazwischen. Das bloße Bemühen, einfach nur dabei sein: für die Füße. Nein, es muß ein klares Oben und Unten geben. Harte Arbeit, technisches Vermögen, ein Kämpferherz, taktische Finesse: in den Mülleimer damit. Lassen wir einfach König Zufall regieren!Aber Herr Blatter, was soll der ganze Umstand? Warum nicht gleich konsequenterweise den Spielausgang vor Anpfiff auswürfeln? Und vorher bitte noch massiven Punktabzug für alle Mannschaften, die nicht in Adidas ausgerüstet sind! Gelbe Karten für alle, die nicht in einem Hyundai-Auto angefahren oder in einem Emirates-Flieger angereist kommen. Und wo wir gerade dabei sind: Die zu vergebenden Punkte sollten in Buds umbenannt werden.Damit würden Sie, werter Herr Blatter, endgültig als Retter des dahin siechenden Fußballs in die Annalen eingehen. Nur Mut!




blutdruck per bluetooth

von nbo / 22.04.2004

Wissenschaftler an der Uni Michigan haben eine „Stentenna“ entwickelt: Das ist ein Stent, also eine Stützprothese für zuvor verstopfte und freigeschabte Arterien, die auch den Blutdruck messen und die Daten an einen Empfänger senden kann. Man könnte auch sagen, eine Art RFID-Tag für den Kreislauf. Ob das für einen Kranken Fluch oder Segen ist, diese Frage sollte man nicht zu schnell beantworten. Wer unter Bluthochdruck leidet, wird womöglich auf sein Stentenna-Display so häufig und so ungeduldig starren wie jetzt viele Leute, die auf eine SMS warten, auf ihr Handy. Treppe rauf, Blutdruck rauf. Glas Wein getrunken, Blutdruck rauf. Das Ackern des eigenen Körpers wird in Echtzeit verfolgbar. Sich selbst belügen ist nicht mehr, eine Eigenschaft, in gerade Herzkranke brillieren. Und irgendwann wird so eine Technologie dann in ein hippes Massenprodukt auch für Gesunde umfunktioniert. „Wie geht’s?“ – schon werden alle Körperdaten per Bluetooth 3.0 rübergebeamt. „Oh lass uns nicht trinken gehen, du hast heute keine Kondition.“ Der Fitnesswahn von heute wird ein Witz dagegen sein.




der harte dauerfrühling des cyberspace

von nbo / 18.03.2004

Nichts ist so alt wie das Bookmark von gestern: Tote Links und abgemeldete Domains kennen wir alle. Sie sind das Pendant des Cyberspace zu umgestürzten Bäumen im Wald oder von Erosion angefressenen Steilküsten. Der Cyberspace ist ein digitales Ökosystem, das unüberschaubar vor sich hin wuchert. Oft überfordert es uns – und auch die Unternehmen, die dort ihre Schaufenster und Warenlager eingerichtet haben. Die Münchner Firma Stellent hat festgestellt, dass nur ein Viertel aller deutschen Unternehmenssites aktueller als einen Monat sind. Die Zähmung des allgegenwärtigen Datendschungels kostet offenbar Energie, die für das Aufräumen des Hauses fehlt. In der realen Welt kann man sich das für den Frühlingsanfang (übermorgen) aufheben. Im Winter nimmt einem niemand das Durcheinander in den eigenen vier Wänden übel. Im Cyberspace gibt es leider keinen Winter: Hier herrscht Dauerfrühling, und die User verlangen jeden Tag Sonnenschein, gepflegten Rasen und gutgelaunten Service. Wie unmenschlich. Wann werden endlich Jahreszeiten fürs Internet erfunden?

heise.de: Verfallsdatum überschritten -- überholte Informationen im Internet


NanoMeetsPop?

von nbo / 09.03.2004

Edelgard Bulmahn hat heute ihre neue Nanotechnik-Initiative vorgestellt: Mit 200 Mio. Euro über vier Jahre fördert die Bundesregierung die Felder NanoFab, NanoLux, NanoMobil und NanoForLife. Immerhin vier prägnante Begriffe – endlich lernt auch die deutsche Hitech-Community, dass Klingeln zum Geschäft gehört. Nur der Betrag ist nicht so beeindruckend. George W. Bush lässt allein in diesem Jahr 847 Mio. Dollar Nano-Förderung springen. Noch brauchen sich die Europäer mit ihrer Forschung überhaupt nicht zu verstecken. Doch in den USA greift schon wieder die Euphorie wie einst beim Web: Es gibt bereits Nano-Magazine, -Newsletter, –Venture-Capitalists... Hierzulande versprüht „nano“ hingegen Maschinenbau-Charme. Das Bundestags-Büro für Technikfolgen-Abschätzung hat in seinem kürzlich vorgelegten Bericht „Nanotechnologie“  „die Schaffung einer zentralen Informationsstelle für die breite Öffentlichkeit“ im Netz gefordert. Gute Idee, wenn da endlich auch mal Popkultur mit einfließt. Wie wäre es also mit NanoMeetsPop als 5. Bein der Initiative?

Bundesregierung startet Innovationsinitiative "Nanotechnologie erobert Märkte"
ab 19. März: "NANO?! Die Technik des 21. Jahrhunderts" (von nbo)


überinformation vs. privacy

von nbo / 19.02.2004

Eine neue Bedrohung beunruhigt die Privacy-Szene: die RFID-Chips, die jedem Ding eine eigene Seriennummer geben, die sich  auslesen lässt. An Produkten angebracht, ermöglichen sie so die genaue Verfolgung des Warenflusses. Und, wie Datenschützer argwöhnen, auch eine Analyse von Konsumverhalten, die den Big-Brother-Staat wieder einen Schritt näherbringt. Foebud hat nun zur Demo gegen Metro aufgerufen, das RFID-Chips seit einem Jahr testet. Natürlich kann man dagegen protestieren. Halten wir aber kurz den Protestreflex zurück. Wenn wir die Freiheit der Information fordern - z.B. als MP3-Files und damit gegen die Musikindustrie argumentieren -, müssen wir dann nicht konsequenterweise auch den freien Fluss ALLER Datenkonstrukte zulassen, also auch den Datenschatten von Produkten UND unserer Verhaltensweisen? Die totale Datenkontrolle etwa von MP3s ist technisch unmöglich - und ebenso ist es totale digitale Privacy. Die Gegenstrategie kann nur sein: totale Offenheit mit gezielter Überinformation. Daten zurückzuhalten ist eine Illusion.

Demonstrationsaufruf von Foebud für den 28.2.2004 bei Metro in Rheinberg


georges nächster kampf

von nbo / 12.02.2004

George W. Bush hat eine weitere Grundsatzrede gehalten. Nach dem Bekenntnis vom Wochenende – „I’m a war president“ – hat er jetzt den Kampf gegen Entwicklung und Verbreitung von Massenvernichtungswaffen ausgerufen. Daran ist nichts falsch. Nur warum nutzt die US-Regierung nicht konsequent bereits existierenende Instrumente? 1975 verabschiedete die UNO die B-Waffen-Konvention. Seitdem von 143 Staaten unterzeichnet, ist sie nie effektiv in Kraft getreten, vor allem weil sich die USA geweigert haben, internationale Kontrollen in ihren Militärlaboren zuzulassen. Solange es solche Kontrollen nicht gibt, können andere Regierungen im Verborgenen B-Waffen entwickeln. Damit nicht genug: Die US-Regierung hat 2002 das MIT Institute for Soldier Nanotechnology ins Leben gerufen. Dort werden zwar nur Defensiv-Waffen entwickelt. Aber gerade in den USA läuft die Forschung an neuen nanomedizinischen Verfahren bereits auf Hochtouren – und von maßgeschneiderten Therapien zu ganz neuen maßgeschneiderten B-Waffen ist es kein weiter Schritt. Der Kampf fängt zu hause an, George.

Netzeitung: Bush fordert verstärkten Kampf gegen Verbreitung von Massenvernichtungswaffen


john brunner revisited

von nbo / 05.02.2004

In den 70ern hat man apokalyptische Visionen noch ernst genommen. Man ging sogar auf die Straße. Heute sind sie ein guter Plot für ein Computerspiel oder für einen Thriller. Neulich habe ich so eine Vision in die Finger bekommen: John Brunners „Schafe blicken auf“ von 1972. Darin beschreibt er unsere Gegenwart als eine Zeit, in der Luft, Boden, Wasser und Lebensmittel von raffgierigen Konzernen mit einem unglaublichen Chemikaliencocktail verseucht und verpestet worden sind. Jeder Bürger leidet an mehreren Krankheiten, und auf die Straße kann man nur mit Atemmaske. Obwohl das Buch nicht angestaubt wirkt, legt man es erleichtert zur Seite und denkt: Ist ja alles ganz anders gekommen. Oder kommt es erst jetzt? Auch wenn es zwei unterschiedliche Arten von Viren sind: MyDoom und das Vogelgrippe-Virus sind in ihrer Entstehung Produkte der Zivilisation. Aber nicht von raffgierigen Konzernen – es ist die Komplexität der Technosphäre, die Brunner nicht vorhersah, die uns aber ebenso über den Kopf wachsen könnte. Denn sicher ist: MyDoom und Vogelgrippe sind nicht das Ende dessen, was möglich ist. Nur die Vorhut.




die militarisierung des weltraums

von nbo / 23.01.2004

Dass die ESA-Sonde „Mars Express“ den ersten wissenschaftlich harten Nachweis für Wasser auf dem Roten Planeten gefunden hat, ist eine kleine Sensation. Eine weitere Zacke, die aus der Krone der irdischen Hybris bricht. Unser Planet ist nicht nur geometrisch nicht das Zentrum des Universums: Auch der Exklusivanspruch, die einzige Welt mit Leben oder Voraussetzungen dafür zu sein, wird immer unhaltbarer. Nach diesem Fund ist noch wahrscheinlicher, dass auf dem Mars eine Lebensform zumindest in ferner Vergangenheit existiert haben könnte. Doch die Untertöne der Entdeckung sind unschön. Die ESA jubelt, als habe sie die Scharte des verlorenen „Beagle 2“ auswetzen wollen, erst recht, da jetzt auch der NASA-Marsrover verstummt ist. Der europäisch-amerikanische Konflikt schwelt auch auf dem Mars – hier getarnt als sportlicher Forscher-Ehrgeiz. Dazu kommt die Mars-Rede von Bush letzte Woche, die von Eroberungsrhetorik und unausgesprochener Konkurrenz mit China geprägt war. Die Militarisierung des Weltraums ist längst im Gange.

ESA Portal: Mars Express sees its first water
FREITAG: Mars, Mut und Missionen


die mär vom robot-forscher

von nbo / 15.01.2004

Der weltweite Roboterpark hat ein neues Mitglied: den „Robo-Scientist“ der University of Wales. Er ermittelt selbständig die Funktion von bisher unverstandenen Hefegenen. Was ihn von einem gewöhnlichen Automaten unterscheiden soll, ist eine formale Logiksprache, in der er neue wissenschaftliche Hypothesen zu den Genen formulieren und überprüfen könne, heißt es. Schon orakeln Medien von arbeitslosen Forschern. Fehlt nur noch, dass ein Monitor abgebildet wird, der uns die Zunge rausstreckt. Mal abgesehen davon, dass es täglich Brot von Rechnern ist, formallogische Aussagen abzuarbeiten: Die Sprünge in der Wissenschaft sind nicht logischen Prozeduren, sondern dem Phänomen Kreativität zu verdanken, deren Hirnprozesse nicht annähernd verstanden sind. Der mäßig kreativen Arbeit der Hefegen-Analyse weint denn auch keiner nach: „Wir hatten Robot-Forscher schon lange, wir haben sie nur Diplomanden genannt“, witzelt ein Wissenschaftler. Eigentlich ist es nur ein weiterer Industrieroboter – nicht mehr und nicht weniger. Die Wissenschaft ändert das nicht.

Nature Science Update: Introducing robo-scientist


sprechendes geld

von nbo / 14.01.2004

Es gab bereits Gerüchte, die Europäische Zentralbank wolle Banknoten mit Minisendern („RFID tags“) als Fälschungsschutz versehen. Datenschützern wurde ganz anders. Zumindest in amerikanischen Kasinos scheint die hauseigene Währung aufgerüstet zu werden: Spielchips sollen bald RFID tags bekommen. Damit wollen die Kasinobesitzer auch feststellen, welchen Weg die Plastikteile durch ihre Spielhöllen nehmen. Lassen wir kurz die Big-Brother-Gedanken beiseite und der Phantasie freien Lauf. Mit ultraflachen Prozessoren versehenes Geld würde der abstrakten Geldmenge „M3“ endlich eine Bedeutung geben. Die Zentralbanker wüssten, wo der Rubel rollt oder unter der Matratze liegt. Eine ganz neue Konjunkturpolitik würde möglich, endlich wäre das widerspenstige Geld gezähmt, das immer dort fehlt, wo man es braucht. Mehr noch: Das „sprechende“ Geld könnte uns eine SMS schicken, wenn wir unser einprogrammiertes Budget überziehen wollen, einen Höllenalarm losschlagen, wenn wir es trotzdem ausgeben. Der Kapitalismus bekäme das überfällige Feintuning verpasst.

New Scientist: Casino chips to carry RFID tags


krieg häppchenweise

von nbo / 06.01.2004

Zum Jahreswechsel habe ich Post von der Hamburger Sparkasse bekommen. Doch drinnen sind keine Weihnachtsgrüße oder Wünsche für ein gutes 2004. „Information zum Terrorausschluss für ABC Waffen“ steht da. Was? Tatsächlich: Unfälle, die durch den Einsatz von ABC-Waffen verschuldet sind, werden ab sofort aus der Unfallversicherung meiner Kreditkarte ausgeschlossen. Widerspruch führt zur Kündigung der Karte seitens der Bank. „Die allgemeine weltpolitische Lage macht... eine Neueinstufung des Risikos durch Terroranschläge... nötig.“ Wir erinnern uns: Die Anthrax-Briefe 2001 stammten sehr wahrscheinlich aus einem US-Labor selbst; die B- und C-Waffen von Saddam Hussein sind bis heute in keinem Erdloch aufgetaucht. Weiß die Versicherungswirtschaft etwa mehr, als wir in den Medien erfahren können? Oder ist dies eine neue virtuose Spielart des Info War? Niemand weiß, ob es heute einsatzbereite Massenvernichtungswaffen in Terroristenhänden gibt. Allein die Möglichkeit ihrer Existenz führt zu einer häppchenweisen Ausrufung des Kriegszustands. Wer weiß, was morgen im Briefkasten ist.




such den phaeton!

von nbo / 26.11.2003

Der VW Phaeton ist ein großes, starkes Auto. 5 Meter lang, 2 Tonnen schwer, 420 PS. Jeder Autozocker hätte es schwer, diesen Straßenkreuzer zu verstecken. Für den VW-Konzern ist das ein Leichtes: Die Wolfsburger können ihn, simsalabim, zum Verschwinden bringen. Einfach so im Rechner. Sie können das so gut, dass sie anschließend selbst nicht mehr wissen, wo er steht. Davon bekam die „Bild“ Wind und berichtete letzten Samstag, bei VW seien zwölf Phaeton verschwunden. 1,2 Mio Euro in Luft aufgelöst. Gestern tauchten sie auf einem Werksparkplatz wieder auf. Sie seien „auf eine falsche Kostenstelle gebucht“ worden, sagte ein Sprecher. Wenn wir zuhause etwas verlegen, wundert uns das nicht. Aber ein Weltkonzern mit globalem Rechner-Netzwerk, ausgeklügelten Datenbanken und Data-Mining-Programmen? Irgendwelche Mitarbeiter werden gewusst haben, wo sie die Phaetons geparkt hatten. Aber ihre Köpfe ließen sich nicht wie in „Matrix“ ans Netzwerk anschließen. So bleibt das alte Bonmot „Wenn VW wüsste, was VW weiß“ das Grundproblem des Wissensmanagements. Die Komplexität eines Global Players eilt offenbar den Möglichkeiten der informationstechnischen Revolution davon. Und irgendwann hat das Pentagon zwei oder drei Sprengköpfe verlegt – natürlich nur im Rechner...

Wolfsburger Allgemeine: Phaeton-Panne: Luxuswagen sind da, Volkswagen hatte sich nur verzählt!


die raubkatze schlägt zu

von jue / 31.10.2003

Letzte Woche noch herrschte Partylaune in der Mac-Gemeinde: Apple hatte das lang ersehnte Update seines Betriebssystem Mac OS X auf den Markt gebracht - die Version 10.3, der ihre Entwickler liebevoll den Namen "Panther" gegeben haben. Unglaublich schnell sollte die Raubkatze sein, handzahm in der Bedienung und zudem Windows-Fans das Fürchten lehren. Doch seit heute ist eines klar: "Panther" eignet sich nicht als Haustier. Wie zahlreiche Mac-Besitzer in Webforen berichten, löscht das Betriebssystem bei der Installation versehentlich externe Festplatten. Der Alptraum eines jeden Computerbesitzers: Vor dem Update geht man auf Nummer sicher, legt ein Backup aller privaten Daten an und hinterher sind Familienfotos, Briefe und die mehrere Gigabyte große MP3-Sammlung futsch. Nur, weil ein paar Programmierer einen kleinen Fehler gemacht haben. Einen solchen Fauxpas hat sich bislang nicht einmal Softwareriese Microsoft geleistet, dessen Windows schon seit etlichen Jahren als Betriebssystem gewordenes Sicherheitsrisiko gilt. Diesen Titel muss es sich nun mit der datenhungrigen Raubkatze aus Cupertino teilen.

Wired: Bye-bye data - Glitch in Panther


macchiavelli im weltraum

von nbo / 26.10.2003

Aufbruch ins All - dieser Traum ist schon lange schal geworden. Er hat etwas von diesem abgestandenen Technokraten-Unwesen der 50er und 60er. Mit einer Note von Lebensraum-Politik: Die „Terraner“ haben keinen Platz mehr auf ihrem Planeten (woran sie nur selbst schuld sind). Um so bemerkenswerter ist da der neue chinesische Aufbruch ins All. Diese Euphorie, mit dem das offizielle China seinen ersten bemannten Raumflug mit der Rakete Shenzhou 5 feiern lässt. Könnte es sein, dass es hier nicht um ein Konkurrenzprojekt zu den USA geht? Dass man gar nicht in den Orbit will, um dort besser zuschlagen zu können, wenn man Taiwan einsackt und die Amerikaner es verteidigen wollen? Stellen wir uns vor, es hätte im Politbüro in Peking vor ein paar Jahren eine zweite Mondrede gegeben. China ist das einzige Land der Erde, das noch den Willen und den Machiavellismus aufbringt, seine Einwohner ins All zu hieven. Die Deportationen der Zensunni-Wanderer aus Frank Herberts "Dune" fallen mir ein. Das All als Alptraum - irgendwann made in China? Shenzhou 5 lässt mich schaudern.

Die Zeit: "Partner im All"


fälschung, paranoia und wirtschaftswunder

von nbo / 10.10.2003

Dass es gefakete MP3s in Tauschbörsen gibt, die nur Loops enthalten und von der Musikindustrie als Waffe gegen „Piraten“ in Umlauf gebracht wurden, hat sich herum gesprochen. Die Firma Macrovision geht mit einer Software namens Fade einen subtilen Schritt weiter. Fade deaktiviert nämlich nicht Raubkopien von Spielen, sondern lässt nach einiger Zeit die Kugeln am Ziel vorbeifliegen, die Wagen und Raumschiffe vom Kurs abkommen – das Spiel läuft ins Chaos. Man bemerkt den Fake also nicht sofort. Da fallen mir nanotechnische Materie-Compiler ein. Mit denen „druckt“ man irgendwann beliebige am Rechner entworfene Gegenstände „aus“. Die Vorstufen gibt es schon. Was macht die Industrie? Richtig, sie nutzt ein „Materie-Fade“ – und die Kanne, die ich mir rücksichtslos selbst ausgedruckt habe, wird nach 3 Tagen undicht. Wow! Konsum wird zur Paranoia: Ist das Second-Hand-Regal echt, oder liegen morgen früh die Bücher auf dem Boden? Ein Produzent wird dann zum Zertifizierer: Nur meine Ware ist echt. Ihr müsst alle Neuware kaufen! Gibt das ein Wachstum! Schröder sollte eine Fade-Kommission berufen.

New Scientist: "'Subversive' code could kill off software piracy"


leben in der matrix 3

von nbo / 07.10.2003

Im Oktober-Heft von Spektrum der Wissenschaft fragt sich Redakteur Christoph Pöppe, ob wir eigentlich merken könnten, dass wir in einer Matrix leben, wenn es denn so wäre. Die Heisenbergsche Unschärferelation könnte so etwas sein. Weil die Matrix-Schöpfer nur eine endliche Zahl von Dezimalstellen für Messgrößen vorgesehen haben, werden z.B. dem Impuls ein paar Stellen weggenommen, wenn man den Ort exakter misst. Eine nette Idee, die aber eine sehr dynamische Speicherverwaltung voraussetzt. Noch interessanter wären die potenziellen Bugs in unserer Matrix. Da gäbe es doch einige: die kalte Kernfusion, die sich nie wiederholen ließ, Rupert Sheldrakes morphogenetische Felder und die Telepathie der Hunde, die er seit Jahren beweisen will, das Bermudadreieck, Entführungen durch Aliens und wohl auch unsere Träume. Die Liste könnte so lang fortgesetzt werden, dass einem angst und bange werden kann. Alles Buffer Overflows in unserer Matrix. Und die Dawkins’schen Meme sind schlampig programmierte Endlosschleifen. Wie kommt man da raus? In einem Monat wissen wir mehr!




gates'en statt googlen?

von nbo / 22.09.2003

Sie können es einfach nicht lassen. Microsoft hat eine neue Mission: die Websuche zu erobern. Offenbar ist es in Redmond ausgemachte Sache, dass man sich in den nächsten Kampf stürzt. Mit Google. Dabei hatte Google-Gründer Sergey Brin neulich noch sybillinisch gemeint, eine Übernahme der Suchmaschine Nr. 1 durch Microsoft sei einen Gedanken wert. Aber die Gates-Company will nun eine eigene Suchmaschine bauen. Ob „mit“ oder gegen Google: Beide Aussichten sind beunruhigend (leider muss ich hier immer wieder Beunruhigendes vermelden). „Mit“ Google würde nach den Desktops dieser Welt auch das wichtigste Tor ins Web an Microsoft fallen. Ohne Google wird die neue MS-Suchmaschine in Windows integriert – und das wichtigste Tor ins Web direkt auf den Desktop fallen (und damit das vollendet, was MSN nie geschafft hat). Früher stand IBM einmal für die Allmacht der Computertechnik in der Hand eines Konzerns. Heute ist es Microsoft. Noch immer - das Gates-Imperium als Dinosaurier abzuschreiben, ist völlig unangebracht. Die nächsten 5 Jahre werden noch einige Überraschungen bringen.

CNN: Microsoft goes after Google


schnittstellen für die totale kontrolle

von nbo / 15.09.2003

Ich mag Handys immer noch nicht. Es gibt kaum etwas Blöderes als diese schlechten Klingelmelodien. Da sind Störsender, die die Mobilteile in Gebäuden blocken können, ein Segen. Was aber die britische Firma Iceberg Systems ausheckt, ist beunruhigend. Sie wollen mit ähnlichen Störsendern künftig die Kamerafunktion in Handys deaktivieren. Überall dort, wo jemand nicht möchte, dass Bilder gemacht werden. Das klingt erstmal plausibel, denn plötzlich wird jedes Handy zur Bond-Kamera. Nun verhandelt Iceberg mit den Geräteherstellern, einen standardisierten Empfänger für das Blockadesignal einzubauen. Und da schrillen meine Alarmglocken (z.B. als „kleine Nachtmusik“). Damit werden Schnittstellen in persönlicher Technik geschaffen, die eine intransparente Kontrolle von außen ermöglichen. Die Fotodeaktivierung wird nicht der letzte Schritt sein. Hand in Hand werden Staat und Wirtschaft neue No-Go-Areas schaffen, die einen Eingriff in meine Technik rechtfertigen sollen – so wie gerade beim Urheberrecht. Die Überwachung ist groß und George Orwell ist ihr Prophet.

heise.de: Fernabschaltung für Kamera im Handy


closed shops sind von gestern

von nbo / 04.09.2003

Die unendliche Geschichte der Software-Patente ist wieder um eine Farce reicher. Nippon Electric will also den Webshop mit Kundenlogin erfunden haben. Am 26. August haben sie dafür Patentschutz beim Europäischen Patentamt beantragt. Harharhar! Wenn da nicht die EU-Kommission Druck machen würde, Software-Patente endlich auch in dieser Weltgegend einzuführen. Immerhin haben sich die EU-Parlamentarier „nicht über den Tisch ziehen“ (quintessenz.org) lassen und die Abstimmung verschoben. Interessanterweise entdecken zur selben Zeit die Großen im e-Business die Vorteile der Offenheit. Amazon, Google und eBay haben vor längerem schon die Schnittstellen zu ihren Datenbanken zugänglich gemacht. Jeder kann nun darauf zugreifen und Informationen herausziehen – die Lizenz dazu gibt es umsonst. Daraus ist eine regelrechte Community der „Hacks“ geworden. Die nützen Usern ebenso wie dem „Online-Laden um die Ecke“, der in irgendeiner Weise von den Großen profitiert (z.B. Amazon-Partnerprogramm). Das ist morgen – Nippon Electric war, hoffentlich, gestern.

O'Reilly-Bücher: "Google Hacks", "Amazon Hacks" etc.
quintessenz.org: Patent auf Webshops angemeldet


wir brauchen keine open-source-RAF

von nbo / 25.08.2003

Seit Wochen versucht SCO, über die Patentverletzungsklage gegen IBM, GNU/Linux anzuschießen. SCO-Unix-Code sei von der Szene geklaut worden (akribische Recherchen im Unix-Stammbaum lassen daran zweifeln), und das gesamte Open-Source-Konzept basiere letztlich auf Diebstahl. SCO-Chef Darl McBride beschwört auf einer Konferenz gar das Recht, Software zu verkaufen, wofü ihn Bill Gates lieben wird. Der hatte in den 70ern in einem offenen Brief gequengelt, mit Software müsse man auch Geld verdienen können. Alles riecht derart nach Kampagne, dass Gelassenheit angesagt ist. Doch nun scheinen einige Linux-Jünger die Nerven zu verlieren: Viel deutet daraufhin, dass der SCO-Server durch eine DDoS-Attacke blockiert ist. So wie ein Teil der 68er durchs Establishment marschierte und ein Teil zu Terroristen wurde, könnte sich die  Open-Source-Bewegung an einer Gabelung befinden: Zwischen Geschäft und Cyberguerilla. Die aber wäre eine Katastrophe. Denn ausbaden müssen die politischen Folgen nicht DoS-Spinner, sondern die Dritte Welt, für die GNU/Linux digitale Unabhängigkeit bedeutet.

heise.de: Raymond ruft zum Abbruch der DDoS-Attacke gegen SCO auf


good riddance & how low can you go?

von fcb / 19.08.2003

Der Tag beginnt schon mal gut, wenn direkt nach dem Einloggen als erstes folgende Meldung im News-Ticker erscheint: "Hamburgs Bürgermeister entlässt Innensenator Schill". Good Riddance! Bei Ole von Beusts Ausführung "Er sei zu der Entlassung gezwungen gewesen, weil Schill charakterlich nicht geeignet sei, die Behörde zu führen" dachte ich noch: Das hat aber lang gedauert, bis Du das gerafft hast. Aber so nach und nach kamen die Details bei Reuters auf den Schirm. Mittlerweile ist raus, daß Schill wohl gedroht hat, den Bürgermeister zu outen und mit Informationen zu einer angeblichen Affäre mit dem Justizsenator an die Öffentlichkeit zu gehen, sollte von Beust den Schill-Spezi Wellinghausen feuern. Wenn das mal keine Nötigung von Verfassungsorganen darstellt. Von daher, Chapeau, Herr von Beust, Sie haben die einzige mögliche Reaktion und Schill endlich die Tür gezeigt. Allein dafür, daß die Pfeffersäcke den haben so hoch kommen lassen, hätten sie kräftig eins auf die Zwölf verdient gehabt, aber was sollen wir Hessen sagen? Wir haben hier den Koch, der nicht viel besser ist, und wir sind auch noch Wiederholungstäter.Auf einer völlig anderen Note: Nicht nur bei Elbe und Rhein wurden am Wochenende in Folge der Hitzewelle historische Tiefststände notiert. Auch im deutschen Fernsehen wurde am Sonntag abend wieder mal ein solcher erreicht. Leider aber scheint diese Entwicklung im Gegensatz zu deutschen Flüssen bodenlos zu sein. Sat1 hat nämlich ein neues Showformat, Family Date, in dem drei junge Männer bei einer Familie vorstellig werden, weil jeder von ihnen mit der Tochter des Hauses eine Kreuzfahrtreise machen möchte, aber nur einer die Möglichkeit dazu erhalten wird. Wem von den Dreien dieses zweifelhafte Glück zuteil wird, entscheidet indes nicht das junge Mädchen, sondern die Eltern, nachdem sie die drei Kandidaten auf Herz und Nieren geprüft haben, verschiedene peinliche Details aus der Vergangenheit der drei zum Vorschein gebracht werden und sie sich am Ende auch noch einem Lügendetektortest unterziehen müssen. Abysmal!Der sich dahinter verbergende Konservativismus ist, wie sich im Verlauf der Sendung zeigt, jedoch nur Fassade, das Ganze meines Erachtens ohnehin nur eine Ausrede der ehrgeizigen und selbstgefälligen Eltern, ihre Tochter im Fernsehen zu platzieren. Denn nachdem die drei Kandidaten ausgiebig Gelegenheit erhalten haben, sich lächerlich zu machen und sie gleichzeitig mehrfach unter anderem von guten Freunden (sic!) komplett bloßgestellt wurden, entscheiden sich die Eltern nach großem Trara und vielen Tränen für ... denjenigen, der zugegeben hatte, halbwegs regelmäßig in tschechischen Bordellen zu verkehren, um sich danach damit zu brüsten, was er dort alles für läppische zehn Euro geboten bekommen hat. Hoffen wir, daß zumindest die deutschen Flüsse ihren Tiefgang bald zurück erhalten, beim deutschen Fernsehen, insbesondere bei Sat1, ist nichts mehr zu retten.




blaster oder die quadratur des MS-zirkels

von nbo / 19.08.2003

Wieder einmal Wurmbefall auf den Windows-Rechnern dieser Welt. Und das, obwohl Bill Gates am „Microsoft Security Day“, am 15.1.2002, Sicherheit zur höchsten Priorität erklärt hatte. Dumm nur, dass er zwei Jahre davor die .NET-Architektur für Microsofts Web Services ebenfalls zum Unternehmensziel erklärt hatte. Und dass er irgendwann auch beschlossen hatte, groß ins Spielgeschäft einzusteigen.  Wie sich nun zeigt, laufen diese Ziele auf die Quadratur des Zirkels hinaus. Denn um die .NET-Dienste oder die Online-Spiele bequem nutzen zu können, lieferte Microsoft Windows XP nicht mit voll eingeschalteter Firewall aus. Die hätte aber ausgereicht, um Blaster vom eigenen Rechner fernzuhalten. Microsoft tanzt wie immer auf zu vielen Hochzeiten gleichzeitig. Der Gigant will alles – und zwar sofort. Der User allerdings auch. Er hätte den Patch Mitte Juli aufspielen können. Aber das ist Arbeit. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass es PC-Unfälle ebenso wie Autounfälle gibt. Egal, wie sicher die Maschine ist: Wenn Schnarchnasen am Steuer/an der Tastatur sitzen, haben wir ein Problem.




die big 5 und die iTunes-lektion

von nbo / 13.08.2003

Morgen startet die Popkomm. Dann werden die großen Label mit t-online wohl ihr angekündigtes deutsches Musikportal aus der Taufe heben. Downloads zum Kaufen und nieder mit den Piraten! Nach bild.t-online.de und heute.t-online.de also auch musik.t-online.de (oder so). Wird dann alles gut für die Musikindustrie? Mein Tip: Auch das wird ein Flop. Weil die Phonoleute das Problem noch immer nicht begreifen. Dabei haben sie mit dem Apple Music Store sogar die Lösung vor Augen. 1) Dieser ist KEINE WEB-ANWENDUNG. Er ist nahtlos in iTunes integriert, also in die eigene Musiksammlung auf dem Mac. Und das macht die Online-Musik einfach, schnell und übersichtlich. 2) Die „Sleeper“ unter den Käufern, Hörer, die mit 25 ihren Geschmack abgegeben haben und keine CDs mehr kaufen, können hier EFFIZIENT IN NEUES REINHÖREN. Das können sie nicht im Radio, da läuft nur Schrott, bei WOM muss man anstehen, und das Prelistening bei Amazon etc. ist eine Plugin-Tortur. Anstatt Kids und Twens, ihre alten Melkkühe zu kriminalisieren, könnten die Big 5 so die wirklich POTENTE Kundschaft erreichen – und das Problem wär gelöst.




tits and ass! where the cupboard once was bare - now you knock and someone's there

von fcb / 04.08.2003

Nachdem in den letzten Tagen wieder mal (eigentlich wie immer) der News-Ticker meinen Adrenalinspiegel bedenklich hoch gejagt hat (homophobe Katholiken, Bürgerkriege, die niemanden jucken, deutsche "Stars", die sich überall breit machen müssen), kam heute doch mal wieder was rein, das mir ein langanhaltendes Schmunzeln abgerungen hat.Inmitten des Bohais, ob nun Arnie Gouverneur von Kalifornien werden will und was Larry Flynt dazu meint, kam heute eine Meldung, die auch mal so beschreibt, mit was für politischen Programmen die anderen Kandidaten antreten. Selbstverständlich findet sich dort der übliche Müll und noch 'ne Menge Schwachsinn mehr (z.B. von der Werbe-Ikone Angelyne der Slogan: «Denkt rational pink«), aber eine Kandidatin sticht besonders hervor. Und das nicht weil sie eine Pornodarstellerin ist, sondern weil sie einen wirklich, wie ich finde, guten Vorschlag gemacht hat, wie die exorbitanten Haushaltslöcher von Kalifornien gestopft werden können: Der Porno-Star Mary Carey schlägt nämlich vor, Brustimplantate zu besteuern. Also ich bin wirklich sprachlos, das ist einfach brilliant, noch dazu in Baywatch-California, Home of Pamela Anderson. Das wären sichere Einnahmen in beträchtlicher Höhe und sie träfen nur in seltensten Fällen die sozial und wirtschaftlich Benachteiligten. Das grenzt schon fast an Kommunismus: Mary Carey for Governor!




breitseite auf die nanotech-szene

von nbo / 01.08.2003

Technikfolgenabschätzung klingt ja sehr sinnvoll. Aber praktisch kommt nicht viel mehr dabei raus als einige wortreiche Empfehlungen von Kommissionen und vielleicht noch ein Grenzwert. Kein großes Technikgebiet ist bisher im Ansatz gestoppt worden, selbst wenn Risiken früh erkennbar waren: Nicht die Atomkraft, nicht die Gentechnik, nicht die medizinische Reproduktionstechnik. Entscheidend ist, ob es wirtschaftliche Interessen gibt, die diese Techniken pushen, oder Bedürfnisse von normalen Menschen, die sie erfüllen. Gestoppt werden Technologien nur durch ihr eigenes inhärentes Unvermögen. Das gleiche wird auch für die Nanotechnik gelten – nur weiß noch niemand, was ihr inhärentes Unvermögen wäre. Auch die ETC Group aus Winnipeg, Kanada, nicht. Ihre Kampagne für einen Nanoforschungsstopp, an der sich nun auch Greenpeace beteiligt, ist deshalb zwiespältig. Wenn sie von „Atomtech“ statt Nanotech spricht, klingt das zuerst nach Propaganda. Damit wird die Debatte schon vergiftet, bevor sie richtig in Gang gekommen ist.

km 21.0: Deja Vu - die neue Nanotech-Debatte


will the real dieter bohlen please shut up, please shut up, please shut up!

von fcb / 30.07.2003

Heute mittag kam bei Reuters die Meldung, daß "Deutschlands erfolgreichster Plattenproduzent" (allein davon wird mir übel), der ubiquitäre Dieter Bohlen, uns künftig auch als Comic-Figur (wieso eigentlich "künftig auch"? What exactly is the difference?) belästigen wird.Seine 800.000 mal verkaufte (jetzt muß ich richtig kotzen) Autobiografie «Nichts als die Wahrheit« soll als Comic von der Produktionsfirma Universum Film auf die Leinwand gebracht werden. Das Projekt läuft den Angaben zufolge unter dem vorläufigen Arbeitstitel «Dieter: Der Film« (wahre Sturzbäche an Erbrochenem zieren gerade mein Keyboard). Der Trickfilm werde voraussichtlich im Herbst 2004 in die Kinos kommen. Die Entwürfe für die Trickfigur Bohlen sollen von der TFC Trickompany kommen, die sich offensichtlich für nichts zu schade ist und bereits Figuren wie «Werner« und «Das kleine Arschloch« auf die Kinoleinwand gebracht hat (wieso sie dann eigentlich nicht als Arbeitstitel «Das große Arschloch« gewählt haben, erschließt sich mir nicht, immerhin liegt das doch auf der Hand).Wie Bohlen aussehen soll, sei noch nicht entschieden, sagte eine Universum-Sprecherin, aber schlimmer als die Realität kann es ja meines Erachtens kaum werden. Außer natürlich, «Dieter: Der Idiot« beschließt, sich modisch wieder an seinem Outfit im jüngst wiederholten Schimi-Tatort zu orientieren.Unter anderen sollen die Ehe mit Verona Feldbusch und das inzwischen aufgelöste Duo Modern Talking (unser Flehen wurde zur Abwechslung mal erhört) die Themen dieses Machwerks bilden. Aber warum? Immerhin müssen keine öffentlich-rechtlichen Gebührengelder dran glauben (und können weiterhin der Bundesliga zugute kommen), denn produziert wird das Ganze laut Reuters von Universum Film, Universal Pictures und RTL-Television (die entblöden sich offensichtlich auch nicht mehr) produziert.Und leider ist davon auszugehen, daß der Film ein phänomenaler Erfolg wird. O tempora, o mores!




hirn-outsourcing

von nbo / 16.07.2003

Für die meisten ist Mathematik ein Unterfangen zwischen Magie und Idiotie. 1998 „bewies“ der US-Mathematiker Thomas Hales, dass die dichteste Kugelstapelung jene Pyramidenhäufchen sind, in denen Obsthändler in aller Welt ihre Orangen stapeln. Kepler hatte das vor 400 Jahren vermutet. Der gesunde Menschenverstand weiß es seit Jahrtausenden. Über vier Jahre haben Gutachter nun versucht, den 250-Seiten-Beweis zu verifizieren, bevor er publiziert wird. Jetzt sind sie „erschöpft“, berichtet Nature, und nur zu 99 % sicher, weil sie Hales’ Computercode nicht restlos checken können. Der hatte den Beweis nur mit massivem Rechnereinsatz bewältigt: 5000 Kugelpackungen wurden durchgerechnet. Ein weiteres Beispiel für den Übertrend in der Wissenschaft: Das Hirn-Outsourcing. Komplexe Probleme wie Klimasimulationen oder Proteinfaltungen – kurz: die Wirklichkeit – bewältigen nur Rechenknechte. Die Zeiten, in denen fundamentale Wahrheiten „elegant“, also knapp formuliert werden konnten – e=mc2! –, sind vorbei vorbei. Aber wer die Reformdebatte in Berlin verfolgt, wusste auch das längst.




das ende der sternzeit

von nbo / 24.06.2003

Mit gut einer Million Sekunden Verzögerung habe ich die vorletzte Nature-Ausgabe gelesen. Bei folgender Schlagzeile stutzte ich: „Astronomen verteidigen Extrasekunden in Zeitdebatte“. Zeitdebatte? Ja, die International Telecommunication Union möchte die 1972 eingeführte Schaltsekunde in der „Universalzeit“ wieder abschaffen. Die wurde von Astronomen seitdem jedes Jahr einmal eingeschoben, um der langsamer werdenden Erdrotation Rechnung zu tragen, woran die Anziehungskraft des Mondes Schuld ist. Begründung: Die GPS-Navigation etwa geht bereits 13 Sekunden vor, weil sie sich nach der unkorrigierten internationalen „Atomzeit“ richtet. Die Folge könnten Flugzeugabstürze sein, warnt die ITU. Astronomen dagegen sind beim Justieren ihrer Teleskope auf die Universalzeit angewiesen. Man könnte das alles als Witz abtun. Aber  es verrät etwas über den Charakter der Technosphäre: In ihr gehen die Uhren anders. Sie entwickelt ganz langsam, fast matrix-artig, ihre eigene Raumzeit. Tag und Nacht sind in ihren Metropolen sowieso keine Bezugspunkte mehr. Es geht ums Funktionieren. Wer braucht da noch die Sterne?




leben in der matrix 2

von nbo / 10.06.2003

Mit zwei Wochen Verspätung habe ich „The Matrix Reloaded“ gesehen. Allen, die es noch vorhaben, soviel: Nicht weiterlesen, reingehen und die Verrisse des Feuilletons schnell vergessen. Abgesehen von den ersten 30 Minuten mit Klischee-SciFi-Kulisse (John Difool, Star Wars etc. lassen grüßen) offenbart sich die Matrix in ungeahnten Abgründen. Wir dachten, die Matrix sei ein Versklavungsinstrument böser Maschinen? Kinderkram. Die Matrix ist ihr eigener Akteur, in der auch die Maschinen nur eine Rolle spielen. Sie ist das Unversum selbst. Sie wird bevölkert von autonomen Routinen, die sich gegenseitig bekämpfen – und sie hat mehrere Level. Zion ist nicht die Realität, sondern nur eine Metamatrix. Neo ist nun ein Level höher gegangen, mehr nicht. Jenseits der Matrix gibt es nur Code und noch mal Code. Das Außen ist unerreichbar – also existiert es nicht. Mit den Radikalen Konstruktivisten könnte man auch sagen: Wir sind Gefangene unseres Riesenprozessors Gehirn. Was tun? a) Abschalten (Buddha), b) weiterspielen (Merowinger: „It is only a game“).

Zum Nachlesen: Die Dialoge aus "The Matrix Reloaded"
Zum Weiterbrüten: "Exegesis of the Matrix" von Peter B. Lloyd


elchtests für intel!

von nbo / 02.06.2003

Was war das für ein Gefeixe, als vor Jahren die Mercedes-A-Klasse auf Testfahrten aus der Kurve flog. Dabei war die kurze Kiste doch für die Stadt konzipiert worden, wo man ständig scharf um die Ecke biegen muss. Seit heute ist es offiziell: Auch Intel hat seine A-Klasse – die „Centrino Mobile Technology“. Die war vor 2 Monaten als der Durchbruch zum drahtlosen Internet lanciert worden. Es klang so toll: Eingebaute WLAN-Karte, ein stromsparender, hocheffizienter Chip. Kaufen, anschalten, anmelden, lossurfen. Ja, da ist nur eine Kleinigkeit, wie Intel nun einräumt. Centrino MT funktioniert nur mit 5 Virtual-Private-Network-(VPN)-Programmen, und auch nur, wenn man einen speziellen Treiber deaktiviert hat. Dummerweise nutzen gerade Firmen VPNs, um ihre Netzwerke vor Datenschnüfflern zu schützen. Deaktiviert man aber den Treiber, wird die Anmeldung in öffentlichen Hotspots zum Profi-Gefrickel. Ich stelle mir nur mal meinen Vater mit seinem neuen Centrino-Notebook in der DBLounge vor... ;-) Vielleicht sollten sie den Elchtest auch in der Hardware-Branche einführen.

Wired.com: Why Centrino and VPNs Don't Mix 


die büchse der pandora

von nbo / 23.05.2003

SARS trifft die Welt zu einer Zeit, da die Nerven blank liegen, dank Al-Qaida, 9/11, Bioterrorismus, Irak-Krieg, Rezession... Spekulationen überschlagen sich: Ist SARS ein außer Kontrolle geratener B-Waffen-Versuch, oder kommen diese rätselhaften Coronaviren gar aus dem All, wie der britische Astronom Chandhra Wickramasinghe behauptet? Als Mikro-Independence-Day? Einen schlichteren Gedanken äußert Mae-Wan Ho vom Londoner Institute for Science in Society: Die herkömmliche Biotechnik sei inzwischen so effizient, dass im Labor Evolutionsschritte im Zeitraffer ablaufen könnten - mit allen erdenklichen Mutationen, die ein Virus so fremd erscheinen lassen. Um dann ein Outbreak-Szenario zu bekommen, bedürfe es keiner Militärs oder Bösewichte. SARS wäre „nur“ ein biotechnischer Betriebsunfall. Solche Möglichkeiten lassen den jeder Paranoia unverdächtigen Astronomen Sir Martin Rees in seinem Buch „Our Final Hour“ die Apokalypse an die Wand malen. Wir müssen zugeben, dass wir die Technosphäre weder verstehen noch beherrschen. Wir sind ratlos.

Mae-Wan Ho: Bioterrorism and SARS
"Our Final Hour" von Sir Martin Rees


wie man aus müll geld macht

von nbo / 20.05.2003

Eine der absurdesten Entwicklungen ist der Patentwahn. Was früher nie patentwürdig gewesen wäre, wird heute selbstverständlich geschützt und bringt dem Patenthalter nette Lizenzgebühren ein: Algoritmen, Pflanzen, Gene! In der Logik des Informationskapitalismus ganz richtig, denn die Ideen und Konzepte selbst sind das Produkt, nicht ihre Materialisierung. Wichtig ist, dass es sich um eine Erfindung handelt. Eine bahnbrechende Erfindung, die der Welt bisher entgangen war, hat offenbar der neuseeländische Immunologe Malcolm Simons in den 80ern gemacht: die Junk-DNA, also jene Abschnitte des Genoms, die keine Erbinformation tragen. Nicht dass es sie schon seit Millionen Jahren gäbe. Ach was. Simons hat ein Patent darauf angemeldet und erhalten, das inzwischen der australischen Firma GTG gehört. Die kassiert jetzt fröhlich Unis in aller Welt ab, die mit Junk-DNA experimentieren, weil sie in aller Unschuld annahmen, das sei ein Produkt der irdischen Evolution. Und eines Tages müssen werdende Mütter am Eingang des Kreißsaals ein Lizenzabkommen unterschreiben, weil... war nur ein Spaß.

GTG Grants License to University of Utah, Salt Lake City, USA


moving digital

von nbo / 05.05.2003

Es fing zu einfach an: Ein Anruf bei der Telekom, dass ich mit Telefon und DSL umziehen möchte, und die Hotline sagt "Geht in Ordnung"! 2 Tage vor dem Umzug geht mein DSL nicht mehr. Reklamation bei der Störungsstelle: Zu früh! Dort herrscht Ratlosigkeit: Wie, Sie ziehen um? Au Backe! Am Tag vor dem Umzug wird meine ISDN/Telefonleitung in der alten Wohnung gekappt, genau um 15:00 h. Um 15:11 h ruft die Störungsstelle auf dem Handy an: Ihr DSL geht jetzt wieder. Ich glaub, ich lüge! Am Tag des Umzugs kommt die Telekom und fummelt an der Dose in der neuen Wohnung rum: Ihr DSL geht heute abend wieder.  Die DSL-Verbindung bleibt an diesem Abend tot und auch am nächsten Tag (1. Mai, Tag der Arbeit, klar). 2 Tage nach dem Umzug erneuter Anruf bei der Störungsstelle: Mein DSL geht nicht. Antwort: Welches DSL? Ich: Meins. Störungsstelle: Aber sie haben gar keinen Umzug beantragt. Ich beiße in den Hörer. Störungsstelle: Das müssen Sie bei einer anderen Hotline reklamieren. Dort herrschen wieder Ratlosigkeit und Übersprungshandlungen à la "kleinen Moment, ich fahre mal den DSL-Server hoch". Hochfahren? Anschalten! Heute, 5 Tage nach dem Umzug, ist mein DSL immer noch tot. Being Digital? Vielleicht ab Mittwoch. Wahrscheinlich später. Definitiv irgendwann.




apples online-musik-service: handwerk statt kunst

von nbo / 29.04.2003

Eigentlich hatten ja alle auf eine Sensation gehofft. Es ist schon so lange her, das Napster-Beben. Würde Steve Jobs das Ei des Kolumbus aus dem Hut zaubern, das den Krieg zwischen Usern/Tauschbörsen und Musikindustrie überflüssig werden lässt? Nein, Apple hat sich fürs Handwerk entschieden. Der neue Music Store ist übersichtlich und nahtlos in iTunes und die iPod-Technik eingearbeitet. Das ist immerhin ein Fortschritt: Ein Klick für Dotmac-User, und der Song-Kauf ist abgewickelt. Keine Formatfragen, kein Kopfzerbrechen wegen des Bezahlmodus, auch kein Abo. So funktioniert das Bezahlmusikgeschäft. Aber das war's auch. Denn Apples Konzept ist das eines Closed Shops. Es ist einmal mehr dieselbe Politik, für die Microsoft seit Jahren Prügel bezieht. Bei Apple soll das aber immer etwas anderes sein. Sicher, Steve Jobs vergaß in San Francisco nicht den Seitenhieb, die Musikindustrie behandle downloadende User wie Kriminelle. Doch am Ende ist Apple ein Konzern wie jeder andere. Und wenn es um Dollars geht, heißt es: keine Experimente. Rip, Mix, Burn? Apple sagt laut und deutlich "Jein". Das reicht nicht: Der Download-Krieg geht weiter.

Apple Music Store
heise.de: Apple macht Musik


von nbo / 23.04.2003

Elon Musk hat ein Kunststück vollbracht: Als der Cyberspace schon zum Milliardengrab mutiert war, verkaufte er sein Startup im vergangenen Jahr für stolze 1,5 Mrd. Dollar. Paypal war die letzte große Erfolgsstory des Internets. Jetzt macht der Bezahldienst den Käufer eBay noch reicher. Für Musk ist das offenbar nur noch mit einem wahren Griff nach den Sternen zu toppen. Er will mit seiner neuen Firma SpaceX zum ersten Mal ein privates Raumfahrtunternehmen auf die Beine stellen, dass kommerziell erfolgreich ist. SpaceX soll Satelliten billiger als alle staatlichen Behörden in den Orbit bringen. Die Raketentechnik wird nun auf Ineffizienz hin durchforstet, klobige Kabelschächte z.B. durch Ethernet-Verbindungen ersetzt. Am Ende könnte der Cyberspace das ideale Trainingslager für den entscheidenden Sprung gewesen sein, den die alten Kolosse wie die Nasa nicht mehr hinbekommen: hin zu einer neuen Selbstverständlichkeit des Weltraums. Der Columbia-Absturz war das Ende einer Ära - SpaceX könnte der Beginn einer neuen sein.

Wired News: Net Maverick Sets Sights on Space


SARS - die "gleichörtlichkeit" der technosphäre

von nbo / 17.04.2003

Der Begriff der „Gleichzeitigkeit“ ist durch das Internet revolutioniert worden. Wenn Informationen in Sekundenbruchteilen ohne nennenswerte Kosten um den Globus transportiert werden können, ist überall „jetzt“, und ein Gedanke in Tokio kann verzögerungslos ein Ereignis in New York auslösen. Die Kehrseite: Computer-Viren, also Informationsparasiten, agieren plötzlich überall und Jetzt. SARS, ein „echtes“ Virus, zeigt nun nach AIDS oder der Rückkehr der Tuberkulose, dass die neue Technosphäre sich auch in Richtung einer „Gleichörtlichkeit“ bewegt. Ein Krankenhaus in Hongkong liegt aufgrund des billigen - wenn auch noch nicht kostenlosen - globalen Transportnetzes in unmittelbarer Nachbarschaft von Hamburg-Fuhlsbüttel. Dieser Gedanke ist zwar schon in der Sciencefiction-Literatur gewälzt worden, in der Öffentlichkeit noch nicht richtig angekommen. Die Globalisierung schafft mit der Technosphäre auch ein Weltökosystem, dass die reale Biosphäre überlagert. Die Epidemien, die die Europäer in Amerika und Polynesien auslösten, werden sich im 21. Jh. noch einmal wiederholen.

DLR: Tropenkeime per Luftfracht – was kommt nach Influenza, Malaria und SARS?


von nbo / 14.04.2003

Das „Buch des Lebens“, das menschliche Genom, ist fertig durchbustabiert. 3 Jahre nach der Beta-Version und 50 Jahre nach der Entdeckung der Doppelhelix-Struktur durch Watson und Crick. Der konzeptionelle Durchbruch war aber schon Ende der 40er dem Mathematiker John von Neumann gelungen, als er einen „universellen Selbst-Kopierer“ entwarf. Dessen Bestandteile sind: ein Bauplan (= die DNA), ein Kopiermechanismus (= die Zelle) und ein Konstrukteur (= der Organismus). Der Clou daran war, dass der Bauplan vom Konstrukteur nicht nur gelesen und ausgeführt, sondern gleichzeitig auch als Kopie weitergegeben wird. Auf diese banal anmutende Idee war bis dahin niemand gekommen. Craig Venter, der Mann, der die Genomentschlüsselung zum medienwirksamen Rennen machte, hält sich nun nicht damit auf, die Bedeutung des Genoms zu enträtseln. Er will ein künstliches zusammenbauen, er will einen neuen „Selbst-Kopierer“ in die Evolution setzen - der keinem natürlichen Konstrukteur entstammt. Das wäre der radikalste Sprung, den das Leben auf diesem Planeten seit Milliarden Jahren gemacht hat. Seine Bedeutung können wir nicht einmal erahnen.

Wired News: Human Genome Map Complete


ein klonverbot der anderen art

von nbo / 10.04.2003

Für alle, die den Klonfanatikern vom Schlage eines Severino Antinori oder der Raelianer-Sekte misstrauen, gibt es eine vorläufige Entwarnung: Primaten lassen sich nach neuesten Forschungsergebnissen nicht klonen. Eine Gruppe von Medizinern der University of Pittsburgh versucht seit einigen Jahren, Rhesus-Affen zu klonen. Bisher vergeblich: „Es gibt ein molekulares Hindernis“, gestand Leiter Gerald Schatten nun ein. In einer Reihe von 716 Versuchen gingen offenbar während des Klonvorgangs jedes Mal einige entscheidende Proteine verloren. Die Folge war, dass die Chromosomen der Rhesus-Embryos völlig durcheinander gerieten, der genetische Code sich zu biologischem Unsinn entwickelte. Bei Kühen, Schafen, Mäusen tritt das Problem nicht auf. Natürlich kann man sicher sein, dass jetzt diverse Biotechniker alles daran setzen, den Fehler zu finden. Aber es ist eine beruhigende Pointe, dass im Reagenzglas eine Art chromosomale Unschärferelation gilt - je fragwürdiger die Absicht, desto absurder das Genpuzzle. Die Wissenschaft ist um eine vorläufige Grenze reicher.

New Scientist:  Human cloning currently 'almost impossible'


gandhi digital

von nbo / 07.04.2003

Die neue McCarthy-Ära ist längst angebrochen. „Wer nicht für uns, ist gegen uns“, diese Maxime hat George W. Bush deutlich genug herausgestellt. „Total Information Awareness“ soll „die dagegen“ ausfindig machen. Das ist schon beunruhigend. Viel beunruhigender ist das Ergebnis eines Meetings der User Log Data Management Working Group am Rande der Computer, Privacy & Freedom Conference in New York: Das größte Privacy-Leck sind die ganz gewöhnlichen Server Logs, in denen festgehalten wird, welcher Rechner wann mit welcher IP-Adresse auf eine bestimmte Site zugegriffen hat. Forscher der Carnegie Mellon University haben einen Algorithmus vorgestellt, der Surfer doch aus diesen verstreuten Datenspuren rekonstruieren kann. Lange Zeit hatte man das für unmöglich gehalten. Gibt es eine Schutzstragie? Ja, zumindest hierzulande: die eigenen Daten total offenlegen, denn das Wettrüsten aus Datenspionage und neuen Krypto-Tarnkappen zerstört die Grundidee des Netzes. Diesen Kampf können auch die Privacy-Advokaten nicht gewinnen. Wenden wir Gandhi aufs Netz an, um es zu bewahren!

The Register: The trails left in Web server logs


collateral damage: der cyberspace ist nicht unteilbar

von nbo / 28.03.2003

Seit Jahren haben Regierungen in aller Welt sich maßlos darüber geärgert, dass politische Grenzen im Netz nicht durchzusetzen sind. Der Ausbruch des 3. Golfkrieges zeigt nun leider, dass der Cyberspace sehr wohl teilbar ist: So weigerte sich ein amerikanischer Ebay-Anbieter, seine Ware einem höchstbietenden Kunden aus Kanada zu verkaufen, weil die Kanadier der US-Aggression skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen; so versuche ich seit Montag vergeblich, die englische Seite von Al Jazeera aufzurufen, die wiederholt gehackt wurde und im Zuge von Passwortänderungen beim Registrar NSI dann gleich ganz aus dem Netz abtauchte. NSI beeilte sich zu versichern, das sei allein Al Jazeeras Problem gewesen. Wie auch immer, es gibt plötzlich auch ein ANDERES Flussufer im Netz. Wer den Fluss überqueren will, wird daran gehindert, wer ihn überquert hat, geächtet. Soviel zur grenzenlosen Freiheit des Cyberspace. Hatte das Internet bei 9/11 schon kurzzeitig versagt, damals allerdings technisch, versagt es jetzt erneut, in dem Anspruch einen schrankenlosen Informationsraum darzustellen. Und diesmal aus politischen Gründen! Traurige Tage sind das.




buena vista communication club

von nbo / 11.03.2003

Während wir uns den Kopf zerbrechen, ob wir nicht vielleicht ein Zweithandy nötig haben, ja und PDA-Funktionen sollten ja auch drin sein, und dann: lieber GPRS, UMTS oder Wifi..., währenddessen existieren noch weitgehend handyfreie Länder auf diesem Planeten. Kuba zum Beispiel. Da piept nichts auf der Straße oder im Laden, keine dieser unsäglichen 3-Ton-Melodien, es ist alles noch so wie damals. Telefone schrillen in Hauseingängen wie in alten Schwarz-Weiß-Thrillern. Das einzige Mal, als ich mich durchgerungen hatte, eins der ganz wenigen Internet-Cafes (in der Stadt Trinidad) aufzusuchen, hieß es, wie im Sozialismus nicht unüblich: „No hay conneccion.“ Es gibt keine Verbindung. No hay! Also gingen wir wieder in die Nacht zurück und tranken noch einen Mojito. Und irgendwie fehlte nichts. Diese künstliche Aufgeregtheit, die Jagd nach der schnellsten Meldung entpuppte sich als unerheblich: Die Situation in der Irakkrise war nach 3 Wochen Offline-Zeit in einer karibischen DDR noch dieselbe. Nur die selbstreferentielle Medienblase ist etwas gewachsen. No hay Informationsfortschritt. Oder?




von jue / 27.02.2003

In zwei Wochen öffnet die Cebit ihre Pforten. Und tatsächlich gibt es dieses Mal einige Innovationen zu sehen - etwa Intels Pentium-M (auch als „Banias“ bekannt). Das Innovative am jüngsten Pentium-Spross ist allerdings nicht etwa, dass er die nächste Marke auf der nach oben offenen Gigahertz-Skala erreicht, sondern dass endlich einmal ein Prozessor den Realitäten im Arbeitsalltag angepasst wurde. Sprich, er verbraucht nur einen Bruchteil der Energie seines Vorgängers und entwickelt wesentlich weniger Hitze. Die Folge: Notebook-Fans dürfen sich auf Geräte freuen, die durch geringes Gewicht und kompakte Maße anstatt durch nervige Lüftergeräusche auffallen. Und das, obwohl der Pentium-M ähnlich schnell ist wie aktuelle Mobile-Pentium-4-Chips. Allerdings fordert dieser Fortschritt Tribut: Die neuen Chips sind nur noch mit maximal 1,6 Gigahertz statt der zur Zeit möglichen 2,4 Gigahertz getaktet. Weil Intel seinen Kunden aber in den letzten Jahren mit viel Marketing-Power weisgemacht hat, dass Gigahertz = Geschwindigkeit bedeutet, um die nominell langsamere Konkurrenz zu diskreditieren, droht der Pentium-M erst einmal zum Ladenhüter zu werden. Man darf gespannt sein, wie Intel das Problem löst.




von jue / 07.02.2003

Der Cebit geht es schlecht: Gestern haben die beiden Softwareriesen Adobe und Corel erklärt, sich die Cebit dieses Jahr verkneifen zu wollen. Offiziell heißt es, man plane für dieses Jahr „branchennähere Events“. Inoffiziell – das weiß jeder – sind den beiden Companies natürlich die Kosten für das Hannoveraner IT-Spektakel zu hoch. Insgesamt denken etwa 1.400 Ausstellern so – nach rund 7.900 Ständen im letzten Jahr werden in diesem Jahr gerade einmal 6.500 erwartet. Und statt 674.000 Besuchern rechnet die Veranstalterin Deutsche Messe AG nur noch mit 600.000 - "wenn überhaupt". Arme Deutsche Messe AG – etwas später als alle anderen bekommt sie jetzt zu spüren, dass die Boomzeiten endgültig vorbei sind. Ein Glück, dass sie rechtzeitig für schlechte Zeiten vorgesorgt hat – auf den Internet-Seiten der Messe prangt seit einigen Tagen ein riesiges Ebay-Werbebanner. Damit lassen sich wenigstens ein paar Cent verdienen.

CeBit Homepage


der letzte tag der neuen welt

von nbo / 03.02.2003

„It feels like 9/11“, hat der Mann der toten Columbia-Astronautin Laurel Salton gesagt. Das ist mehr als eine Floskel. Der Absturz ist das Ende einer Raumfahrt-Ära, so wie 9/11 auch ein Wendepunkt der Geopolitik war. Als ich 14 war, las ich begeistert Jesco von Puttkamers „Der erste Tag der neuen Welt“, das Buch über den neuen Space Shuttle Columbia. Natürlich glaubte ich, dass die Raumfähre einen Aufbruch markiert. Inzwischen ist längst klar, dass der Shuttle ein Auslaufmodell ist, Teil des Raketenzeitalters der Raumfahrt, das auf teurer Einweg-Technologie und Kolonisierungsphantasien für den Weltraum beruhte. Auch die Internationale Raumstation ist ein Produkt dieses Denkens, ein Anachronismus in instabilem Orbit, der der Wissenschaft kaum nützt. Die Zukunft der Raumfahrt wird pragmatischer sein: Sie wird den Robotern gehören. Die langweilen sich nicht auf dem Weg durchs Sonnensystem, und für blöde Klempner- und Aufräumarbeiten im erdnahen Weltraum - dem äußersten Teil der Technosphäre - sind sie auch besser geeignet. Der Mensch kann da draußen ohnehin nicht existieren. Er bekommt nur Muskelschwund. Der 1.2.2003 war der letzte Tag der neuen Welt.




von nbo / 30.01.2003

Die Systemadministratoren in aller Welt atmen auf. Die Slammer-Wurmplage ist abgeflaut, nachdem eine Viertelmillion Server befallen worden waren. Und jetzt lehnen wir uns wieder bequem zurück bis zum nächsten Mal. Es hat ja keine User getroffen. Richtig? Falsch. Slammer ist Teil des neuen Virentrends: Es geht nun an die Substanz des Netzes. Die Zeit der Halbstarkenwitzchen, in Code gegossen, um Büroarbeiter zu nerven, Frauen zu beindrucken oder was auch immer, geht zuende. Die neuen Würmer gehen effizient gegen die Rechner vor, die den globalen Datenverkehr erst ermöglichen. Ihr Ziel: Das Netz in die Knie zu zwingen. Code Red war der Wendepunkt, der erste, der dieses Konzept in die Tat umsetzte. Das Alarmierende an Slammer ist, dass man diesmal nicht Microsoft die Schuld in die Schuhe schieben kann – sie hatten ihren Patch vor Monaten veröffentlicht –, und dass es in dem sehr kompakten Code keine Hinweise auf den Absender gibt. Mag sein, dass in einigen Tagen die derzeit obligatorische Al-Qaida-Spur enthüllt wird. Davon sollten wir uns nicht täuschen lassen. Es gibt da draußen Leute, die den digitalen GAU planen. Dagegen wird 9/11 harmlos sein.




von jue / 27.01.2003

Jetzt geht es der Internet-Wirtschaft an die Substanz: Letzte Woche verkündete die Paybox AG überraschend, dass sie ihren Endkundenservice einstellt. Paybox war das wohl sicherste Bezahlsystem, das es hierzulande im Internet gab. Wo immer man zur Kasse gebeten wurde, gab man einfach seine Handy-Nummer an, bekam einen Rückruf und bestätigte die Transaktion durch die Eingabe seiner PIN. Das Geld wurde automatisch vom Girokonto an den Empfänger überwiesen. Einfacher ging es nicht. Sicherer wohl auch nicht, weil zwei getrennte Netze - das Internet und das Handynetz - zugleich ins Spiel kamen. Bereits eine Million Kunden hatten sich am Ende für den Dienst angemeldet und berappten 10 Euro im Jahr dafür. Wenn das kein Erfolg ist! Doch offenbar hat es nicht gereicht: Im November zog sich die Deutsche Bank - bis dahin im Besitz von 75 Prozent der Anteile - aus der Paybox AG zurück. Und weil sich kein neuer Investor finden ließ, war jetzt über Nacht Schluss. Ein herber Schlag für die gesamte Internet-Wirtschaft - sie muss auf eine wichtige E-Währung verzichten. Und wahrscheinlich auch auf ein paar Kunden, die sich an das sichere Bezahlen mit Paybox gewöhnt hatten.




von nbo / 25.01.2003

Der dmmv hat eine Pressemitteilung geschrieben. Ein neues Portal wird präsentiert: der-friedhof.info, friedhofsgaertner.biz... (insgesamt 4 Domains für das Portal). Das ist doch mal was in diesen tristen Vorkriegstagen. Man fühlt sich fast an den guten alten Hype von vor 2000 erinnert, als jeder Internetfurz euphorisch beworben wurde. Ich klicke mal hin. Eine metallische Stimme begrüßt mich: „Herzlich willkommen“, sie klingt so unwirklich wie aus dem Jenseits. Auf der Seite dann News über Friedhöfe in NRW. Ich beteilige mich an einer Umfrage, wie ich bestattet werden will. „Friedwald“, was ist das denn? Im Wald unter Bäumen wie Eichendorffs Taugenichts vielleicht? Das gefällt mir nicht schlecht. Weiter komme ich dann nicht. Der Rest ist ein geschützter Bereich - für die Friedhofscommunity. Na dann melde ich mich doch mal im Jenseits. Die Anmeldung schlägt fehl. Irgendwie klappt da was mit dem Passwort nicht. „Zugriff verweigert“! Hätte mich ja auch gewundert. Hab noch viel vor. Das Jenseits kann warten.

Portal "Der Friedhof"


von nbo / 15.01.2003

Eigentlich ist es eine Sensation: Microsoft will seinen Windows-Quellcode für Regierungen und Behörden öffnen. Nur Schurkenstaaten dürfen ihn nicht sehen. Was ein jahrelanger Antimonopol-Prozess nicht vermochte, schafft die Konkurrenz von Linux, das sich wegen seiner Offenheit und geringen Installationskosten bei Staatsapparaten immer größerer Beliebtheit erfreut. Dass den Redmondern Linux nicht geheuer war, zeigen die firmeninternen „Halloween“-Papiere, die im Netz kursieren. Trotzdem sollte man einen Moment innehalten: Warum gerade jetzt? Gibt es irgendeinen nicht so offensichtlichen Grund? Ja. 4 Buchstaben. TCPA. Diese Initiative von Microsoft, Intel und Hewlett Packard hat sich vorgenommen, PCs schon auf Hardware-Ebene sicherer zu machen. Was toll klingt, könnte aber das Wintel-Monopol ganz zementieren: nämlich über Lizenzen, die Software-Hersteller für TCPA-Konformität zahlen müssen. Im Netz kreist bereits die These, TCPA sei der Tod für Open Source. Dann könnte sich Microsoft sogar Transparenz leisten - und nebenbei dafür feiern lassen.

Financial Times: Microsoft to reveal code for Windows free


von nbo / 13.01.2003

2003 wird nicht mehr über das Internet geredet. Es ist einfach da. Geredet wird wieder über den Spaß: Film und Musik. Davon können die Leute nicht genug bekommen, und plötzlich ist wieder ein Markt mit Wachstumspotenzial da. Schaut man sich die Neuheiten, das Branchenraunen der CES in Las Vegas an, bekommt man fast den Eindruck, wir befänden uns gerade am Ausgang der Entertainment-Bronzezeit. Bedingt durch inkompatible Medientechnologien, die Trennung in IT und Unterhaltungselektronik, barocke Vertriebskonzepte der Konzerne, war das Video oder die CD, die man gerade wollte, ausverkauft, verliehen, zu teuer oder nicht abspielbar. Die Verheißung ist nun: Ihr könnt künftig alles haben, wann und wo immer ihr wollt. Formate, Kabel, Plattformen? Das war gestern. Jetzt kommt ein Medienschlaraffenland aus WLAN-vernetzten Audio/Video-Servern mit Festplatten-Recording und Timeshift Streaming etc. Kurzsichtig, wie Profitstreben nun mal macht, hat die IT-Industrie damit ein Todesurteil ausgesprochen: über die Medien, wie wir sie kennen. Denn die User werden das Copyright dann endgültig in die Tonne treten. Napster war ein Witz dagegen.




von nbo / 10.01.2003

Radiohören in Hamburg ist eine Zumutung. Kurvt man im Auto durch diese tolle Stadt, muss man sich von übelsten Rotationen, Blödrock und Oldies berieseln lassen. Die Kassetten von damals hat man schon tausend mal gehört - was tun? Ach könnte man doch einen MP3-Player in einen Radiosender verwandeln. Man kann. Ein neues Aufsteckmodul, iTrip genannt, das auf der Macworld in San Francisco vorgestellt wurde, sendet die MP3s auf einer frei wählbaren UKW-Frequenz mit knapp 10 Metern Reichweite ins Autoradio. Das haut mich wirklich um. Ich stelle mir vor, was demnächst an Ampeln passiert. Im Auto nebenan dreht eine Frau am Sender, weil wieder nur Schrott läuft. Kommt genau ins Hitmix ihres Nachbarn. Er lächelt ihr wissend zu. Sie lächelt zurück. 20 Sekunden später geben alle Gas, und der Song verschwindet im Rauschen. Am nächsten Tag schaltet sie eine Anzeige: „Wir standen gestern an der Ampel, und im Radio lief gerade dieser irre Song. Mail mir...“ Geschichten, die der „Digital Lifestyle“ schreiben wird. Das Teil wird 35 Dollar kosten und im Frühjahr rauskommen.

Griffin Technology: iTrip


bei anruf strg-alt-entf

von jue / 10.01.2003

Stolz verkündet T-Mobile dieser Tage, dass es ab März ein neues Smartphone in die Läden bringen will - auf Basis der Windows Edition für Smartphones. Für Microsoft ein Grund zum Feiern, ist die Bonner Telekom-Tochter doch das erste Unternehmen hierzulande, das das große Wagnis eingeht. Denn ein Wagnis ist es wirklich: In Großbritannien, wo Konkurrent Orange das erste Windows-Handy der Welt auf den Markt gebracht hat, musste Microsoft bereits eine blutige Nase einstecken. Das Orange SPV beherbergt so viele Fehler, dass zahlreiche "early adaptor" das Gerät enttäuscht zurückgeschickten. Kein Wunder: Wer wissen will, warum die GPRS-Datenübertragung nicht reibungslos funktioniert, dem erteilen hilflose Orange-Mitarbeiter an der Hotline nur den gut gemeinten Rat, das Gerät einmal aus- und wieder anzuschalten. Wie man es halt mit jedem Windows-Gerät mache! Für T-Mobile mag man hoffen, dass Microsoft aus dem britischen Betatest gelernt und seinen jüngsten Betriebssystem-Spross kräftig überarbeitet hat. Sonst heißt es demnächst im D1-Netz: "Dieser Anschluss ist vorrübergehend nicht zu erreichen - der Teilnehmer bootet gerade sein Handy!"




von nbo / 07.01.2003

Der 9/11-Sicherheitswahn treibt immer schlimmere Blüten. Ein Telepolis-Forumsteilnehmer ergeht sich in beißendem Sarkasmus, vielleicht auch Antiamerikanismus - und schon folgen Klage, Strafbefehl über 1500 Euro, Verhandlung morgen am 8.1. Beweismaterial liefert t-online, das im Unterschied zu den meisten anderen Providern die Verbindungsdaten seiner Nutzer 80 Tage speichert. So viel als kleiner Vorgeschmack auf das, was uns blüht, wenn das Teledienstedatenschutzgesetz im Sinne der Content-Produzenten geändert wird. Der Freundin ein MP3 von einer neuen CD geschickt, dem Freund einen Hinweis auf Ungereimtheiten in Bushs Politik samt despektierlichem Kommentar. Und schon droht Post vom Provider, deinem Online-Blockwart. Das idiotische Somm-Urteil vor ein paar Jahren konnte man noch als Ignoranz gegenüber einem neuen Medium abtun. Das zieht jetzt nicht mehr. Aus Protest möchte ich hier schon mal ein paar verdächtige Worte loswerden: ich BIN ein langSCHLÄFER, der sich beim EntLADEN des Kofferraums übernommen hat. Zum Wachwerden lege ich erst einmal eine ANTHRAX-Platte auf...

telepolis: Engine of Justice


the world is not enough

von nbo / 28.12.2002

Möglich, dass Weihnachten 2002 als Datum in die Geschichte eingehen wird, an dem die Menschheit aus eigener Kraft einen Seitensprung der Evolution wagte: indem der erste geklonte Mensch auf die Welt kam. Vielleicht ist die Erklärung der Raelianer-Sekte auch nur Horror-PR. Sicher ist aber: Klonkinder werden kommen. Die Technosphäre schließt längst das Genom ein, und beim Umbau der Welt macht der Homo faber, der keine Grenzen der aus Jahrmillionen ererbten Natur akzeptieren kann, vor sich selbst nicht halt. Zwar ist Klonen die ultimative Form der Langeweile, weil nichts Neues entsteht und nur Eitelkeit bis zum Exzess gepflegt wird. Aber wir werden uns auch daran gewöhnen - müssen. Ob das Klonen ein Seitensprung der Evolution bleibt - was schwerstens zu hoffen ist -, entscheiden nicht wirkungslose Verbote, sondern die Evolution selbst. Einiges spricht dafür, dass Klone keine robusten Wesen sein werden. Das ist eigentlich die ganze Hoffnung all derer, die Klonen ablehnen. Geben wir zu, dass wir es nicht verhindern können - so hart diese Erkenntnis ist.




von nbo / 18.12.2002

Komisch, ich habe keine Rechner zusammengelötet, als ich 12 war, nie einen Technikrausch gehabt. Jetzt sammeln sich die dollsten Spielzeuge in meiner Wohnung, die Verpackungen stapeln sich in der Küche. Ein TV-Tuner, der das iBook zum Fernseher und Harddisk-Video-Rekorder macht, ein phantastischer Sony-Beamer für das ultimative Heimkinoerlebnis, ein iPod (schon fast gewöhnlich), diverse Handys... Als ich dank Airport-Karte in Hamburgs erstem WLAN-Hotspot an der Alster gleich auf der Pressekonferenz lossurfen kann, freue ich mich wie ein Schneekönig. Kein Zweifel, ich bin angefixt. Und werde unduldsam. Die Modem-Erfahrung macht mich krank, mein altes Mini-Motorola-Handy, das mal der letzte Schrei war, nervt wegen seiner schlechten Usability. Wie wichtig sind all diese Technologien, frage ich mich? Wie kommt es, dass ich mir nicht mehr die Tage vor dem WWW vorstellen kann? Die ganze Technowelt ist nur geliehen, ich kann sie mir nicht leisten, sie kostet Tausende von Euros. Dass ich auf der vorderen Seite des digitalen Grabens bin, ist das Glück des Testers. Mehr nicht. Will, nein kann ich noch zurück?




von nbo / 15.12.2002

Google wird langsam unheimlich. Die Suchmaschinenleute haben ständig brillante neue Ideen, und die nicht zuletzt, weil sie sich bei ihren Usern umhören. Nachdem wir neulich Google News bestaunt hatten, bin ich jetzt hin und weg von Google Webviewer. Das Durchblättern der Suchergebnisse in einer Art Slide Show erleichtert die eigene Auswahl relevanter Sites noch einmal deutlich, weil mit einem Blick klar wird, ob es sich um einen Forumsbeitrag, eine Uniseite oder eine kommerzielle Site handelt - ohne dass man die Seite erst aufrufen muss! Doch hier und bei anderen Diensten wie Froogle (Produktsuchmaschine) und Google Webquote (Einblendung von Bewertungen einer Site durch Dritte) wird klar: Google wird zum „Apple-Microsoft-Leviathan“ des Dataminings. Apple, weil die Lösungen unglaublich verständlich, elegant und innovativ sind. Microsoft, weil Google schon kursierende Konzepte „berührt“. Der Viewer etwa erinnert sowohl an Metabrowser als auch an die Netzpiloten. Da ziehen dunkle Wolken auf.

Google Viewer
Google Webquotes


die kernschmelze der globalisierung

von nbo / 11.12.2002

Bilder der Anti-Nachrüstungsdemos Anfang der 80er waren uns schon wie Dokumente einer weit entfernten Zeit vorgekommen. Damals, als die atomare Bedrohung viele in schleichende Panik versetzte. Dann kamen Gorbatschow, das Ende des Ost-Blocks und des Wettrüstens. In diesem Jahr vereinbarten die USA und Russland eine weitere umfangreiche Verschrottung von nuklearen Sprengköpfen. Doch jetzt droht das zweite atomare Zeitalter. Die taktischen Atomwaffen werden rehabilitiert, wie aus einem Papier der Bush-Regierung hervorgeht. Ein „Mini-Nuke“ über Bagdad, über Pjöngjang, über Tripoli ist eine Option für die US-Sicherheitspolitik. Offiziell verkauft als Vergeltung für Angriffe mit Massenvernichtungswaffen, z.B. mit Anthrax-Sporen. Die tauchten vor einem Jahr in amerikanischen Briefkästen auf, und vieles deutet daraufhin, dass sie aus einem US-Labor stammen. Für Trittbrettfahrer wird die Verlockung noch größer: Noch nie waren die Chancen so groß, mit einer Attacke aus persönlichem Frust einen Nuklearschlag irgendwo auf dem Globus auszulösen. Auch das ist Globalisierung 2002.

Spiegel Online: USA drohen mit atomarem Gegenschlag


von nbo / 05.12.2002

Die Bedeutung der Sprache zur Manipulation einer Gesellschaft ist einer der faszinierendsten Aspekte in Orwells „1984“, der hinter den plastischeren „Televisoren“ und dem Terror des Parteiapparats leider ein wenig untergeht. Wie immer ist die Realität auch hier subtiler und grotesker. Heute werden Wörter nicht von einem Informationsministerium bearbeitet, sondern von windigen Unternehmen per Markenrecht okkupiert. Ein Berliner ist jetzt bei dem seltsamen Versuch gescheitert, kopfschmerz/gastronomie/krebs/brustkrebs.info auf juristischem Wege dem bisherigen Besitzer der Domains abzuluchsen. Die Schiedsstelle der WIPO hat eine entsprechende Klage zurückgewiesen. Richtig. Nun ist dieser Fall eher zum Lachen. Aber er erinnert wieder einmal daran, dass eben nicht nur Bürgersteige privatisiert werden, sondern schleichend auch die Sprache. Wer kann noch „windows“ aussprechen, ohne an Bill Gates oder Microsoft zu denken? Und wie artikuliert man das Trademark-Zeichen dahinter? Als arabischen Knacklaut? Als südafrikanischen Schnalzlaut? Meine Gedanken schweifen aus dem ---




suspicion breeds confidence

von nbo / 04.12.2002

Spam ist ein großes Ärgernis. Aber vor lauter Eifer, diese Pest des Informationszeitalters auszumerzen, schießen einige Dienste mit Kanonen auf Spatzen. Vorhin habe ich eine Partyeinladung an etliche Bekannte geschickt, darunter etwa 20 web.de-Adressen. Was passierte? Die Einladung an die web.de-ler kam zurück: „Access denied“. Offensichtlich ist ein Betreff wie „forget 2002“ (das Party-Motto) und ein Absender mit „.com“ verdächtig. In diesem Jahr, das man wirklich besser vergessen sollte, blüht die totale Paranoia. Alles ist verdächtig. Eine Kultur des Misstrauens entwickelt sich, angefacht von autoritären Terroristenjägern ebenso wie von gutmeinenden Bürgerrechtlern. Beide bekämpfen Information, da wo sie zur Waffe zu werden droht. Computer sind dabei keine Hilfe: Auch im Jahr 2002 ist kein Filter in der Lage, eine Partyeinladung von einem verkappten Pornoangebot zu unterscheiden. Die Informationsrevolution erstickt an sich selbst. "Suspicion breeds confidence" hieß es im Film "Brazil" zynisch. Dieser Geist hat leider auch das Netz infiziert.




von jue / 01.12.2002

Dass der ehemalige Mobilcom-Chef Gerhard Schmid ein Spieler ist, wissen wir spätestens seit seinem Streit mit France Telecom. Als öffentlich wurde, dass sich der ehemalige Geschäftspartner aus dem deutschen UMTS-Geschäft und damit auch aus Mobilcom zurückziehen wollte, begann Schmid das Zocken. Wochen lang hielt er mit immer neuen Forderungen an die Franzosen Mobilcom-Aktionäre und -Mitarbeiter in Atem: Um möglichst viele seiner Schäfchen ins Trockene zu bringen, nahm er sogar die drohende Pleite seines einstigen Vorzeige-Unternehmens in Kauf. Die Aktie fuhr Achterbahn, Banken mussten fällige Kredite immer wieder stunden und sogar der Staat sprang schließlich mit einer Bürgschaft für das angeschlagene Unternehmen in die Bresche. Die Risiko-Strategie war erfolgreich – Schmid konnte FT ein Zugeständnis nach dem anderen abringen. Wen wundern da seine neuesten Zukunftspläne? Laut Focus plant er, eine Lottogesellschaft mit dem Namen „Super Tipp 49“ zu gründen. Eines hat Schmid schließlich gelernt: Mit Zocken lässt sich Geld verdienen.




von nbo / 29.11.2002

Seit ein paar Tagen bin ich süchtig. Süchtig nach „Turn“. Ich spiele es zwischendurch, beim Telefonieren und kurz vorm Einschlafen auch noch mal. Eigentlich ist es nur eine Anordnung von Drehkreuzen in einer Pseudo-3D-Darstellung: Schwingt man eins durch einen Klick herum, dreht es vielleicht das Benachbarte weiter, das wieder eins anstößt usw. Der Punkt ist, dass man nicht weiß, wieviele Drehungen der eine Klick auslöst. Zugrunde liegt ein simples Set von Regeln, aber das Ergebnis ist nicht vorhersagbar. Das ganze ist angewandte Chaostheorie, fast eine Simulation der Evolution. Mal gibt es einen Sturm von Rotationen wie die Artenexplosion im Kambrium vor Milliarden von Jahren, und wenige Sekunden später ebbt die Welle der Drehungen ohne erkennbaren Grund jäh ab. Als ob ein großes Artensterben eingesetzt habe - ohne jede äußere Einwirkung. Möglicherweise sind die Dinosaurier doch ganz von selbst ausgestorben. „Turn“ ist eine noch bessere Antwort als „42“.

Turn - das Spiel. Vorsicht, Suchtgefahr!


von jue / 25.11.2002

Die Regulierungsbehörde hat wieder einmal Lizenzen an die deutschen Mobilfunk-Betreiber verteilt. Allerdings nicht für irgendeinen neuen Highspeed-Internet-Standard, sondern für GSM – jenen guten alten Standard, auf den wir in der mobilen Kommunikation schon seit Jahren vertrauen. Im Klartext: Die deutschen Mobilfunk-Gesellschaften glauben immer weniger an den vermeintlichen Heilsbringer UMTS und haben daher eine Verlängerung für ihre alten Mobilfunklizenzen bis 2009 beantragt. Denn anstatt die ganze Republik mit neuen Sendemasten zu bepflanzen, wollen sie angesichts knapper Kassen und riesiger Schuldenberge jetzt nur noch das Nötigste in UMTS investieren. Und das hat die Regulierungsbehörde bei der UMTS-Lizenzvergabe klar definiert: Bis Ende 2005 müssen ihre Netze gerade einmal 8,5 Prozent der Fläche Deutschlands abdecken. Außerhalb der Ballungsräume wollen die Unternehmen daher auch weiterhin mit GSM-Masten funken – weil sich (hört, hört!)  der Aufbau der UMTS-Netze dort nicht rentiere. Jetzt ist es also raus: Für viele Deutsche wird es auch künftig keine mobilen Auffahrten auf die Datenautobahn geben, sondern nur schnöde, holprige GSM-Feldwege.




von nbo / 21.11.2002

Dieses Durcheinander von Festnetz- und Mobiltelefonen braucht kein Mensch. All die Geräte, die Nummern, die verschiedenen Tarife. Werden wir in 20 Jahren POTS, the plain old telephone system, endlich los sein? In Argentinien helfen sie der Entwicklung zu einer Wireless World auf sehr unkonventionelle Weise nach: Die Leute klauen in großem Stil die Telefonleitungen. Dort ist die wirtschaftliche Situation inzwischen so unterirdisch, dass es sich lohnt, das Kupfer aus den Kabeln als Rohstoff zu verkaufen. Die argentinische Telefonica schätzt, dass 700 Tonnen Kupfer „gewonnen“ wurden und eine halbe Million Menschen deshalb eine tote Leitung haben. Damit wird auch der Anstieg des Kupferexports um 16,5 Prozent im ersten krisengeschüttelten Halbjahr 2002 erklärt. Die drahtlose Informationsgesellschaft wird manchmal auf Wegen erreicht, die in keinem Branchenplan auftauchen. Es zeigt aber auch: Im Unterbau des Informationszeitalters zählen nur reale, physische Güter. Kommunikation macht nicht satt.

Wired: Argentina's New Wireless Problem


von nbo / 18.11.2002

Nachrichten von der anderen Seite des Atlantiks sind zur Zeit meistens beunruhigend. Die Republikaner erobern das Capitol, die Kriegsvorbereitungen laufen, neue Ölförderprogramme in US-Naturschutzgebieten stehen bevor. Aber dann das: Ein großer Teil der Wissenschafts- und Ingenieursjobs in der US-Armee ist unbesetzt, in der US Air Force gar ein Fünftel! Geld und Ruhm locken anderswo, aber offenbar nicht in der Entwicklung besserer Tools für chirurgische Angriffe. Das lässt hoffen, dass die eingeleitete Militarisierung der US-Gesellschaft noch oberflächlich ist. Die nötige Forschung in der Wirtschaft dazuzukaufen, kostet die US-Armee etwa das Doppelte. Was fehlt, sind eigentlich Droiden, die in Star Wars zum selbstverständlichen Inventar gehören. Aber der Krieg ist der Vater aller Dinge: Vielleicht ist das die Geburtsstunde eines ungeahnten Booms in Künstlicher Intelligenz - weil sich die menschliche Intelligenz weigerte und lieber zivil lebte.

Wired: Tech Brain Drain Pains Military


von nbo / 14.11.2002

Begonnen hat alles mit der Flagge. Flatterte sie im Mondlandungsfilm oder nicht? Auf dem atmosphärenlosen Mond darf nichts flattern, es sei denn, das ganze wäre in einem Studio entstanden und das Apollo-Programm ein Fake. Die Anhänger dieser Theorie werden immer mehr, weshalb die Nasa nun ein Buch über die Echtheit der Mondlandung (!) finanziert. Unglaublich, denn wir haben es hier mit einer wirklich blödsinnigen Verschwörungstheorie zu tun. Die angeblichen Beweise für eine Fälschung werden auf der lesenswerten Site von Mike Bara und Steve Troy (s.u.) jedenfalls sehr schön seziert. Anders als viele andere Verschwörungstheorien ist diese entscheidbar: Man kann einen Satelliten hinschicken und die Oberfläche fotografieren, bis auf wenige Meter genau (wie mit dem Mars bereits geschehen), was 2004 passieren soll. Dass das Weltraumteleskop Hubble nicht weiterhilft, liegt an seiner Auflösung, die nur das 10fache der Mondfährenreste erkennen kann. Oder hat die Nasa etwa...?

Who mourns for Apollo? or: What is only a paper moon?


von nbo / 12.11.2002

Vision ist ein verbranntes Wort. Wie viele CEOs der Old und New Economy haben nicht damit um sich geworfen, wenn sie über das Internet sprachen? Garniert mit hohlen Phrasen wie „interaktiv“, „multimedia“ und „revenue stream“, aber man wurde beim Zuhören das Gefühl nicht los, sie hätten so auch über einen milliardenschweren Hundezucht-Boom geredet. Was für ein Erlebnis, dann Tim Berners-Lee zuzuhören! Der Mann ist echt. Er hat wirklich eine Vision. Er vibriert vor Begeisterung, wenn er über sie spricht. Das semantische Web, das seine Erfindung des WWW vollenden soll. Mit fast kabarettistischen Stimmlagen, ausladenden Gesten und trockenem Humor redet er in einem atemberaubenden Tempo, ohne dabei abzuheben (zugegeben, seine Schuhe könnten besser sein). Nie für möglich gehalten. „The Web must be a universal space“, ruft er aus und warnt vor Kontrollversuchen durch Big Business und Big Government. Und sitzt jetzt wahrscheinlich schon wieder an der Arbeit. Ein Lichtblick.




von jue / 06.11.2002

Ein Aufschrei ging durchs Internet. Online-Dienste meldeten heute, der italienische Provider Tiscali, hierzulande Nummer 3 in der Surfergunst, schränke die Bandbreite seiner DSL-Nutzer bei P2P-Anwendungen ein. Betroffen seien vor allem Musik-Tauschbörsen wie Kazaa oder eDonkey - Datenreisende könnten ihre Lieblingssongs nur noch im Schneckentempo tauschen. Offiziell hat Tiscali eine Sperrung dementiert, niedrigere Surf-Geschwindigkeiten aber bereits vor Tagen mit „dynamischer Bandbreiten-Regulierung“ entschuldigt. Nachdem das Angebot einer günstigen 20-Euro-Flatrate (AOL verlangt 25, T-Online 30 Euro) einen Kundenansturm ausgelöst hätte, müsse man nun die Kapazitäten gerecht auf alle Dienste verteilen. Nachtigall, ick hör dir trapsen! Einerseits werden Ideen wie diese schon seit längerem von der Musikindustrie, die dem Volkssport Copyright-Verletzung nur zu gern ein Ende bereiten würde, lanciert. Andererseits wäre die Sperrung einzelner Dienste, sollte es sich doch um eine Schikane handeln, ein geeignetes Mittel, unwirtschaftliche Hardcore-User zu vertreiben. Akzeptabel sind verkrüppelte Flatrates so oder so nicht – es ist nicht Sacher der Provider, zu entscheiden, was ihre User im Netz treiben.




von nbo / 05.11.2002

Seit Jahren warten wir auf DAS neue Interface. Schluss mit Linklisten undkurzen Text-Teasern. Der Mensch, das augensaugende Wesen, erzählen unsExperten, wartet auf etwas Intuitives. Sehen und Verstehen. Neugierig geheich also zu kartoo.com, einer Suchmaschine, die ihre Ergebnisse als fiktiveLandkarte von Sites präsentiere, wie ich gehört habe. Gebe meinen Namen alsSuchbegriff ein, das habe ich – ach, Eitelkeit – bei Google schon öftergemacht. Ich weiss also, was rauskommen muss. Das Kartoo-Ergebnis ist,gelinde gesagt, nicht nachvollziehbar. Keine Ahnung, was ich mit dengefundenen Seiten zu tun haben soll. Es sieht zwar alles sehr ästhetischaus, ergibt aber überhaupt keinen Sinn. 10 Sites werden gefunden, die ichüberhaupt nicht kenne. Ich checke zwei, aber mein Name ist dortunauffindbar. Dada statt Google. Als Gesellschaftsspiel ist das nichtschlecht. Die New Economy tritt in ihre wahrhaft subtile Phase: Finden istso bourgeois, so zielgerichtet. Suchen und verwirrt sein ist das Gebot derStunde. Immerhin hat Kartoo den Zeitgeist getroffen.

Suchseite Kartoo.com


von nbo / 29.10.2002

„Ted is wounded and angry.“ Ted Turner hat die Schnauze voll von AOL. Und Steve Case will auch nicht mehr. Er würde den müden Riesen lieber früher als später aus AOL Time Warner herauslösen. Szenen einer Ehe, die weder aus Vernunft noch aus Liebe geschlossen wurde, sondern aus kapitalistischer Hybris. Doch jetzt kommt das „Schneller, höher, weiter“ an sein Ende. Schuld sind angeblich die Dotcom-Lümmel, die noch nie etwas von Wirtschaft verstanden haben. Für das Netz könnte sich diese Abwendung der Old Economy vom Hype als Segen erweisen. Denn in dem Maße, wie die Wirtschaft sich wieder auf reale Produktion konzentriert und die e-Economy zum Informations- und Vertriebskanal „degradiert“ wird, entstehen Freiräume für die alternativen Ökonomien und Communities des Netzes. AOL wird nicht dazu gehören: Es ist ein Fossil aus der Zeit vor dem Web. Das digitale Kambrium ist vorbei, Steve.

Facing Criticism, Case Weighs Spinoff of AOL


eine datenbank läuft amok

von nbo / 25.10.2002

Die MIT Technology Review ist ein tolles Magazin. Ich bestell ein Probe-Digitalabo. Aber die propietäre Reader-Software läuft nicht unter Mac OS X. Ich funk den Support an, blase alles ab. Wenig später eine zweite Mail: „We have not yet received payment.“ Wie? Ich erkläre die Lage. Antwort: No Problem. 3 Wochen später: „Time is running out!“ Dann folgen Drohungen. Was geht hier ab? Ich abonniere entnervt die Printausgabe. 1. Oktober: „You've left us no choice but to cancel your digital subscription...We hope you will take the correct action and remit your payment.“ Protestmail von mir und postwendende Entschuldigung folgen. Bald auch die erste Printausgabe im Briefkasten. Und dann gestern das: „Our policy mandates that your subscriber record be added to our permanent "delinquent" file.“ Die Datenbank läuft Amok. Sie erträgt mich nicht: den Kunden, diese unwürdige Kohlenstofflebensform. Da kommt was auf uns zu.




von nbo / 23.10.2002

Real Networks, noch Nr. 1 für Audio-Player und -Streaming, rutscht weiter in die Tiefe. Der Verlust hat sich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (3. Quartal) fast verdoppelt. Entlassungen sind geplant, und der Code von Reals Programmen soll offengelegt werden (in der „Helix Community“). Deja Vu: „Netscape!“ und „Mozilla!“ klingelt es da in meinen Ohren. Das war abzusehen. Der Media Player kommt gebündelt mit Windows, Quicktime mit Mac OS. Als ich im Januar 2000 Rob Glaser fragte, ob ihn der Windows Media Player nicht beunruhige, verwies er nur auf seine Nutzerbasis von damals 90 Millionen. Zahlen! Das Problem ist, dass Media Player und Quicktime einfach besser sind. Und Real hat keine Plattform, mit der es sich untrennbar verbunden hat, wie Linux. Nicht mal zur Gnu Public License hat sich Glaser durchgerungen. Auch die Open-Source-Aktion gerät noch halbherzig. Ciao Real! Das Artensterben nach dem digitalen Kambrium geht weiter.

Real Networks weitet Verluste aus


von nbo / 20.10.2002

Ich hatte es schon gelesen. Heute habe ich es endlich mit eigenen Augen gesehen: Googles neue News-Seite. Soll ich lachen oder weinen: „This page was generated entirely by computer algorithms without human editors“, steht am Fuß der Seite. Nachrichten aus 4000 Medien per Programm durchsucht, zu Themen gruppiert und nach Relevanz – welcher auch immer – sortiert. Journalismus im klassischen Sinne ist das nicht mehr, aber es treibt die Möglichkeiten des Nachrichtenmediums Internet zu seiner äußersten logischen Konsequenz: den medialen Stand der Dinge in seiner ganzen Breite sortierbar abzubilden und den User zum Schlussredakteur zu machen, der durch Klicks gemäß seinen Prioritäten seine persönliche „Zeitung“ draus macht. Für Nachrichten-Junkies, denen die Meldung alles und die Marke des Mediums nichts ist, eine Offenbarung, für den klassischen Journalismus eine Kopfnuss. Die Krise der Zeitung ist in eine neue Phase getreten.

Google News - unbedingt checken!


von jue / 15.10.2002

Nun ist es amtlich: Quam verschwindet von der Bildfläche. Selbst die mühsam und mit vielen Werbe-Millionen erkauften GSM-Kunden werden fallen gelassen. Unter der Vorwahl 0150 heißt es demnächst  „Kein Anschluss unter dieser Nummer!“ Den Kunden wird freilich der Wechsel T-Mobile empfohlen. Dafür erhält Quam von seinem Bonner Wettbewerber immerhin 50.000 Euro plus eine Prämie für jeden wechselwilligen Kunden - der wohl größte Eingangsposten, den das deutsche Joint Venture von Telefónica und  Sonera jemals verbuchen durfte. Nur eines mutet auf den ersten Blick seltsam an: Das Unternehmen hält offiziell - wie übrigens auch der ins Straucheln geratene Konkurrent Mobilcom - an seiner Milliarden teuren UMTS-Lizenz fest. Auf den zweiten Blick jedoch sieht man klarer: Würden die beiden Firmen die Karten offen auf den Tisch legen und dem Milliardengrab UMTS eine öffentliche Absage erteilen, wäre ihre Lizenz im Handumdrehen wertlos. Dann aber müssten sie ihre komplette Investition sofort abschreiben – was nicht nur die Bilanzen kräftig verhageln würde, sondern zumindest auch Mobilcom Kopf und Kragen kosten könnte.

Leichenschau im Web: www.quam.de


von jue / 12.10.2002

Was Mama nicht weiß, macht sie nicht heiß – dieser Ausspruch galt zumindest noch in meiner Jugend als universelles Credo. Künftige Teenager-Generationen werden allerdings von elterlicher Unwissenheit wohl nicht mehr in dem Maße profitieren. Zumindest, wenn das Kalkül der US-Firma Pomals aufgeht. Für rund 100 Euro will das Unternehmen GPS-Empfänger (Global Postioning System) auf den Markt bringen, die Eltern in die Handys oder Schultaschen ihres Nachwuchses einbauen können. Sobald dann auch nur der geringste Zweifel an dem Verbleib der Sprösslinge besteht, lassen sich diese via Satellit orten. Ein Mausklick auf die Pomals-Webseite, die das Kind als Punkt auf einer Landkarte darstellt, genügt - der Seelenfrieden der Eltern ist wieder hergestellt. Allerdings nur solange, bis sie selbst Opfer einer GPS-Überwachung werden. Denn das Tool dürfte neben besorgten Vätern und Müttern bestimmt auch noch andere Zielgruppen interessieren. Eifersüchtige Liebhaber und misstrauische Arbeitgeber zum Beispiel. Fehlt nur noch, dass die nächste Geräte-Generation auch noch feststellen kann, was der Geortete gerade tut.

Pomals-Unternehmensseite


von jue / 09.10.2002

Ein Händedruck war bisher eigentlich immer eine freundliche, aber wenig funktionale Geste. Das wird jetzt anders. Wie heise online berichtet, hat der japanische Telefon-Riese NTT ein neues Datenübertragungsverfahren erfunden, das die Leitfähigkeit des menschlichen Köpers ausnutzt. Damit soll es PDA-Besitzern bald möglich sein, schon beim begrüßenden Händeschütteln automatisch Daten wie elektronische Visitenkarten austauschen. Spezielle PDA-Module wandeln  Bits und Bytes in schwache elektrische Signale um, die bei Körperkontakt mit einer Geschwindigkeit von bis zu 10 MBit pro Sekunde über die Haut übertragen werden. Welche eine Freude! Nach B2B- und P2P- gibt es jetzt endlich auch H2H (hand-to-hand)–Netzwerke. Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Musik-Industrie auch massiv gegen Händeschüttler vorgeht – schließlich lassen sich bei den angepeilten Geschwindigkeiten problemlos ganze Lieblings-CDs mit nur einem feuchten Händedruck übertragen.

heise online: Datenaustausch per Händedruck


von nbo / 08.10.2002

Ist das ein Akt der Verzweiflung oder ein besonders brutales Muskelspiel? Microsoft will Kunden unter den kleineren Unternehmen mit besonders günstigen Krediten zum Kauf von MS-Software helfen. Es ist sogar von null Prozent Zinsen die Rede. Das ist an sich nichts Neues. Autohersteller finanzieren potenziellen Kunden schon seit Jahren auf diese Weise den neuen Wagen. Und auch die Computerbranche nähert sich der Phase einer reifen Industrie. In der Logik des kapitalistischen Geldsystems ist diese Antwort auf eine drohende Marktsättigung richtig: Geldknappheit darf nicht die Konsumfähigkeit ankratzen. Also muss eine Infusion her. De facto bedeutet es aber, eine Nachfrage, die so nicht vorhanden ist, zu erzeugen. Das System versucht, sich wie Münchhausen an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Möglich ist das aber nur in fast-monopolistischen Industrien. Mit Marktwirtschaft hat das nichts mehr zu tun.




kafka-surfer

von nbo / 03.10.2002

„Internet-Verbindung - Die Anmeldung ist fehlgeschlagen.“ So wird eine persönliche Katastrophe der Gegenwart annonciert. Das Tor ist geschlossen, das Klopfen verhallt. Und der Symbolbearbeiter des 21. Jahrhunderts ist ohne die Fütterung mit den Symbolen, die er sich hinter dem Tor reinschlingen muss, ein Nichts. Gestrandet in der alten Welt, die ihn schon lange nicht mehr ernähren kann, weil nicht viele Menschen nötig sind, um die belebte und unbelebte Materie für die Bedürfnisse von Millionen aufzubereiten. Der Symbolbearbeiter zieht alle Kabel ab, checkt das DSL-Modem, den Pots-Splitter, macht einen Neustart, weil er nicht weiß, wieso das Tor zugeschlagen wurde. Er wird nicht darüber informiert. Wie in Kafkas Gleichnis vom Türhüter. Der Mann, der Einlass begehrte, erfuhr nie, warum er nicht rein durfte. Kafka hat die Traurigkeit des Cyberspace vorweggenommen. Wir dürfen sie erleiden. (PS: Nach 1 Stunde in der überlasteten Hotline entpuppte sich das ganze als T-Online-Ausfall in Hamburg)




von jue / 30.09.2002

Die letzte Woche war die Woche des UMTS. Zugegeben, mit Mobilcom hat nach Quam faktisch der zweite von sechs deutschen Konzernen mit Lizenz das Handtuch geschmissen. Abgesehen davon gab es aber Positiv-Meldungen. Nokia etwa hat in Helsinki sein erstes UMTS-Handy vorgestellt. Und Mobilkom (mit k!) hat in Österreich das nach eigenen Worten „erste UMTS-Netz Europas“ eingeschaltet. (Das seit einem Jahr funkende mmo2-Netz auf der Isle of Man haben die PR-Strategen offensichtlich übersehen) Eiderdaus! Haben wir jetzt also endlich den lang versprochenen Turbo für die Datenautobahn? Nix da, das erste UMTS-Handy von Nokia enttäuscht. Gerade einmal 128 Kilobit pro Sekunde beim Runterladen bringt das 6650 auf’s Tacho. Wo sind die versprochenen Megabit-Raten? Und mit knapp 150 Gramm Gewicht liegt der Kommunikationsklumpen wie ein Stein die Tasche. Nein, das hat nichts gemein mit den verbreiteten Visionen der leichten, schnellen, flachen Alleskönner. Bis es die endlich gibt, wird wohl noch der eine oder andere europäische UMTS-Konzern die Flinte ins Korn werfen.

Nokia 6650: "neue Maßstäbe in der Kommunikation"


von nbo / 27.09.2002

Ein Stern am Himmel der Wissenschaft ist verglüht. Der Physiker Jan Hendrik Schön wurde von den Bell Labs wegen gefälschter Messkurven gefeuert. Wieso macht einer das? In zwei Jahren war er Autor oder Co-Autor von 80 Papern. Ein Paper alle 10 Tage. So viel entdeckt niemand. Es geht ja auch längst um strategisches Publizieren: häppchenweise und häufig. Das treibt die Zitatquote hoch und bringt Forschungsgelder. Ein enormer Druck. Doch die fehlende Unvoreingenommenheit hat eine tiefere Dimension. Jede große Theorie einer Disziplin steckt eine Landkarte des Entdeckbaren ab. Das größte Prestige in der Scientific Community bekommt der Pionier, der die Grenze weit hinausschiebt, nicht der, dessen Experimente alles in Frage stellen. „Falsche“ Messergebnis werden so zum Ausweis der Unzulänglichkeit eines Forschers, nicht aber der Theorie. Ein viel subtilerer Druck, der im Studium beginnt. Und die Wissenschaft an der Wurzel vergiftet.

Bell Labs announces results of inquiry into research misconduct


von nbo / 25.09.2002

Heute nachmittag neue Tablet PCs gesichtet. Mit Handschriftenerkennung. Wir können also den Monitor als Kladde benutzen. Kein Medienbruch = Zeitersparnis, argumentiert Microsoft. Alles muss schneller gehen, vom Kopf durch die Hände ins Medium in die Zirkulation. Warum eigentlich? Weil es um einen gewaltigen Traum geht, der langsam zum Vorschein kommt: Wir wollen Ideen in Echtzeit materialisieren können. Gedanken SOFORT in Bilder, Texte, über computergesteuerte Prozesse sogar in Aktionen umsetzen. Wir wollen am Ende alle Interfaces zwischen Gehirn und Prozessen in der Technosphäre ausschalten. Telekinese. Was werden wir in 50 Jahren über die Handschriftenerkennung lachen, wenn uns Drähte zur Rechner-Steuerung aus dem Kopf baumeln. Matrix live. Und selbst dann werden wir noch überlegen, wo man noch Zeit einsparen kann. Dann müssen wir schneller denken lernen.

Microsoft: A New Interaction with Your PC
ct 6/99: Mit Gedanken einen Computer steuern


von nbo / 23.09.2002

Der Wahlabend. Hochrechnung folgt auf Hochrechnung. Doch nicht nur das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Schröder und Stoiber ist erstaunlich. Auch das, was unten links auf dem ARD-Bildschirm unter den Balken der Partei-Prozente flimmert. „.net Microsoft“. Sieh mal einer an. Obwohl an den Hochrechnungen nichts, aber auch gar nichts anders ist als bei den Wahlen vorher, die Ergebnisse auch nicht schneller eintrudeln, die Balken nicht mehr oder weniger Pixel haben, das Logo des Quasimonopolisten ist offenbar unverzichtbar. Ist das die Gegenoffensive nach dieser unbotmäßigen Debatte im Bundestag, ob nicht besser Linux auf den Rechnern des Parlaments laufen soll? Müssen wir uns Sorgen machen, gar eine neue Verschwörungstheorie ausdenken? Ja, wir sollten uns Sorgen machen. Ausgerechnet das öffentlich-rechtliche Fernsehen entblödet sich nicht, eine demokratische Wahl durch das Branding eines fragwürdigen Konzerns herabzuwürdigen. Die Vereinnahmung der Politik durch die Ökonomie hat eine neue Stufe erreicht: die der demokratischen Symbolik.




wem gehört die bandbreite?

von nbo / 20.09.2002

Ja, es gibt sie noch die Wildnis. Ausgerechnet im Cyberspace. Auf digitalen Weidegründen lassen Datennomaden drahtlos ihre Rechner grasen. Markieren die besten Stellen mit Kreide an Hauswänden. Warchalking nennt man das. Nokia nennt es Diebstahl. Das Einloggen und Mitsurfen in Wireless-Netzwerken stehle Bandbreite. Eine heftige Debatte tobt nun: Kann man so etwas Abstraktes klauen? Kann Bandbreite Eigentum sein? In der Logik des Online-Kapitalismus ja: Bandbreite ist ein Produktionsmittel. Das ist, als ob man sich aus einer Schreinerei einfach für ein paar Stunden eine Säge nimmt, aus einem Fuhrpark einen Laster. Die Warchalker spielen gerade die gesamten Marxschen Fragen für die Digitalsphäre durch: Sie sind Kommunisten im Sinne des 19. Jahrhunderts. Die Antwort werden Mauern aus Kryptographie oder Verfolgung durch die Staatsgewalt sein. Die Warchalker werden nicht durchkommen. Sie müssen selbst Bandbreiten-Genossenschaften bilden.

BBC: Wireless hitchhikers branded as thieves


von nbo / 18.09.2002

Am Anfang war die grenzenlose Wildnis. Der Mensch durchschnitt sie mit Zäunen und Mauern, um Identität herzustellen und Besitz zu sichern. Ein sehr plumpes Vorgehen. Die neue Technosphäre wird von einer eleganteren Brutalität sein: Wir können den Anschein von Naturbelassenheit, von Leere erwecken und doch alle Claims abgesteckt haben. Wer dann nicht sehen kann, muss fühlen. So wie die Kühe, die von unsichtbaren elektrischen Zäunen des französischen Agrarforschungszentrums Cemagref eingepfercht werden. Betreten sie die Warnzone, bis zu 1,50 m vom Draht entfernt, löst das elektrische Feld des vergrabenen Drahtes in einem Chip, den die Kuh um den Hals trägt, ein Warnsignal aus. Überschreitet sie den Draht, setzt es einen Stromstoß. Die Alp bleibt fotogen, die blöde Kuh bleibt stehen. Welch ein Modell für die Metropolen dieser Welt! Der ver-chipte Mob bleibt außen vor, während die Devisenbringer die Sehenswürdigkeiten filmen.




von nbo / 16.09.2002

Wenn das Gruseln vor Chinas Netzzensur (s. 14.9.) zu billig ist, gilt gleiches auch für die Schadenfreude über Microsofts Virenanfälligkeit. Die Attacken erreichen jetzt das Goodwill-Territorium der digitalen Welt: die Linux-Community. Der Wurm Slapper infiziert auf Linux basierende Apache-Server, die etwa 60 % aller Webserver ausmachen. Zur Stunde, nach 3 Tagen, sind es 14.000 Server, was sogar die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Code Red aus dem letzten Jahr übertrifft. Slapper hat offensichtlich die Funktion, ein P2P-Netzwerk aufzubauen (vergleichbar  Musiktauschbörsen), um dann von den beteiligten Servern eine massive Denial-of-Service-Attacke fahren zu können. Ist es nur eine Machtdemonstration von Microsoft-Schergen? Klar ist, dass es Leute gibt, die das Netz zur Strecke bringen wollen - egal aus welcher Ideologie heraus. Slapper ist eine Warnung, dass sie es tatsächlich irgendwann versuchen könnten. Es gibt keine Zufluchtsorte im Netz.

Global Slapper Worm Information Center


china ist überall

von nbo / 14.09.2002

China ist das Land, das uns noch richtig gruseln lässt: Dort gibt es unheimliches Wirtschaftswachstum und unheimliche Repression simultan. Tatsächlich hat die chinesische Regierung im Cyberwar gegen ihre eigenen Bürger eine neue Offensive eingeleitet. Nicht nur wird seit kurzem Google blockiert. Inzwischen werden auch die Online-Zugänge der User zum Absturz gebracht, die Google aufrufen wollen. Die IP-Verbindung wird für 5 Minuten unterbrochen. Doch das Gruseln vor der chinesischen Netzzensur ist zu billig. Klar, wo es nur staatliche Provider gibt, lässt sich der Hahn leicht zudrehen. Aber auch im Westen arbeiten politische Kräfte längst daran, Provider zu ihren Handlangern zu degradieren - im Kampf gegen Terroristen oder Datenpiraten. Natürlich auf juristisch einwandfreiem Wege. Wenn diese Politik nicht Thema einer neuen Bürgerbewegung wird, werden wir uns eines Tages einloggen und feststellen, dass China überall ist.

New Scientist: Google keywords knock Chinese surfers offline


Der kalte krieg ums copyright: kampf oder entspannungspolitik

von nbo / 12.09.2002

Endlich klare Worte: Digital-Rights-Management-Technik kann das Copy&Download-Problem im Netz nicht lösen, weil sie nicht funktioniert. So kann man ein Ergebnis der neuen Studie des Deutschen Multimedia-Verbandes zum Stachel im Fleisch von Musik- und Software-Industrie zusammenfassen. Wie dann? Ganz in der Stimmung des 9-11-Jahrestages empfehlen die Autoren a) juristische Daumenschrauben: konsequente Umsetzung der Cybercrime-Konvention 2001 - also letztlich Kriminalisierung aller, die Dateien kopieren und in Netzwerken tauschen, und b) Überwachung: Provider sollen gezwungen werden können, „Copyright-Verletzer“ in ihrem Subnetz zu melden. „Mit der Bagatellisierung von Piraterievergehen muss endlich Schluss sein“, droht dmmv-Vize Felsenberg. Ist ein Copyright-War unvermeidlich? Nicht ganz: Die Studie hält die Option einer Pauschalabgabe auf Datengüter, eine Art „Netz-Gema-Gebühr“ für User, offen. Nur das wird einer Ökonomie fürs 21. Jh. gerecht.

Die Studie: Medienverbände fordern effektiven Schutz digitaler Inhalte


von nbo / 09.09.2002

Der Krieg hat soziale Hierarchien oft aufgebrochen, manchmal eingeebnet. Die Underdogs kämpften an der Front, räumten Ruinen im Hinterland oder hielten den Alltag aufrecht. Im neuen „War on Terrorism“ – ohne Front und Massenmobilisierung – dürfte sich dagegen eine Spaltung vertiefen: die zwischen Kommunikationselite und -proletariat. In Washington und New York wird, so berichtet „Wired“ in seiner September-Ausgabe, ein Wireless Priority Service (WPS) im Mobilfunk getestet, der Anrufen ausgewählter VIPs auf speziell eingerichteten Motorola P280 Vorrang einräumt. Wir erinnern uns: Am 11.9.2001 brachen dort die Mobilfunknetze zusammen, weil jeder spontan zum Handy griff. Der Unterschied des WPS zur bereits existierenden Festnetz-Analogie GETS ist: Der Ruf eines VIPs kommt immer durch, auch wenn es nur um eine Pizzabestellung geht. Fehlt nur noch, dass Provider und Backbone-Carrier demnächst genötigt werden, die Datenpakete dieser Leute zu bevorzugen. So ermöglicht der neue Krieg den Mächtigen, die „Parvenüs“ der Internet-Revolution zurechtzustutzen.




von nbo / 04.09.2002

Seit Wackersdorf-Tagen war keine Technologie mehr so umstritten wie die Grüne Gentechnik. Also musste ein runder Tisch her, das lieben die Deutschen. Aber ohne Bürgerbeteiligung, weil das alles verkompliziert. Der Abschlussbericht des „Diskurses Grüne Gentechnik“ dokumentiert dementsprechend Stagnation. 30 Gruppen haben noch einmal ihre Positionen dargelegt. Und, Überraschung! schon geht der Streit los. Die Pro-Fraktion habe nur Akzeptanz durchdrücken wollen, um eine Freigabe der Technologie für den Markt zu beschleunigen, sagen Kritiker. Diesen habe das Interesse an den Mühen der Konsensbildung gefehlt, da Kampagnen wie die „Wanderbanane“ des BUND ihnen derzeit leichter Punkte in der Öffentlichkeit brächten, maulen Befürworter. Wichtiger wäre eine breite gesellschaftliche Debatte gewesen, die nachvollziehbare Nutzungsszenarien und damit eine demokratische Entscheidungsgrundlage erarbeitet. Ihr Fehlen wird sich noch rächen.

Infos und Abschlussbericht zum Diskurs Grüne Gentechnik
Die Zeit: Schön, dass wir geredet haben (nbo)


dialog mit einer gottesfürchtigen maschine

von jue / 01.09.2002

Maschine: „Guten Morgen bei der Deutschen Bank 24. Bitte geben Sie Ihre 3-stellige Filialnummer ein. Sie können alle Eingaben wahlweise über ihre Telefontastatur oder über Spracheingabe machen.“ / Ich: „600“ / Maschine: „Bitte geben Sie jetzt Ihre 7-stellige Kundennummer ein!“ / Ich: „1234567“ / Maschine: „Bitte geben Sie jetzt Ihre 5-stellige Telefon-PIN ein.“ / Ich: „12345“ / Maschine: „Bitte beachten Sie, der Sprachcomputer wurde für sie optimiert. Nutzen Sie ab sofort die bequeme Möglichkeit, uns ihre Wünsche mündlich mitzuteilen. Ein Stichwort genügt!“ / Ich: „Ich möchte mich gerne beraten lassen.“ / Maschine: „Sie wünschen Informationen zu EC-Karten?“ / Ich: „Nein.“ / Maschine: „Bitte antworten Sie mit Ja oder Nein.“ / Ich: „Nein.“ / Maschine: „Was können wir für Sie tun?“ / Ich: „pesönliche Beratung.“ / Maschine: „Sie haben Fragen zum Finanzstatus ihres Depots?“ / Ich: „Nein.“ / Maschine: „Bitte wiederholen Sie Ihre Eingabe!“ / Ich: „Nein, in Gottes Namen.“ Maschine: „Vielen Dank, wir verbinden Sie jetzt mit einem Mitarbeiter.“

Besser: Online-Banking auf der Internet-Seite der Deutschen Bank 24


von jue / 28.08.2002

Amerikanischen Besitzern von Palm m130-Handhelds ist jetzt der Kragen geplatzt: Sie wollen in den USA Sammelklage einreichen, meldet heise online. Damit machen sie ihrer Wut über die wissentliche Falsch-Werbung des PDA-Marktführers Luft. Dieser hatte in ganzseitigen Anzeigen damit geprahlt, das Display seines jüngsten Sprösslings könne satte 65.536 Farben darstellen. Die Fachwelt war begeistert, hatte es doch endlich ein Hersteller geschafft, einen Mini-Computer mit brillantem Farbdisplay für unter 400 Dollar auf den Markt zu bringen. Doch das Werbeversprechen entpuppte sich als dreiste Lüge. Der m130 kann exakt 4.096 Farben anzeigen und streckt diese mit Software-Tricks auf gerade einmal 58.621 Farbkombinationen. Das gab Palm letzte Woche zwar kleinlaut zu, schloss aber aus, die falsch beworbenen Geräte auszutauschen. Die Quittung kommt jetzt – ein Verfahren, das den ohnehin angeschlagenen Konzern Kopf und Kragen kosten könnte. Bleibt zu hoffen, dass die Palm-User Erfolg haben - denn sonst drohen Computer-Käufern künftig sicherlich noch mehr vermeintliche Super-Rechner.

heise online: US-Sammelklage gegen Palm


von jue / 26.08.2002

Die EU-Kommission will eine UMTS-Kooperation zwischen T-Mobile und O2 genehmigen, meldet die Financial Times Deutschland. Die beiden Konzerne hatten schon vor etwa einem Jahr beschlossen, die Infrastruktur ihrer UMTS-Netze gemeinsam zu nutzen. Bislang stand die Partnerschaft allerdings nur auf dem Papier – und eine Zustimmung der EU auf der Kippe. Wenn beide Konzerne jetzt tatsächlich auf dem britischen und dem deutschen Markt zusammenarbeiten und damit etwa drei Milliarden Euro der veranschlagten UMTS-Ausbau-Kosten sparen dürfen, ist das der erste Lichtblick für die Schulden gebeutelte Branche seit langem. Allerdings verändert sich dadurch auch die Startaufstellung für den Mobilfunk-Markt von morgen: Die Pole-Position hat nicht mehr unbedingt, wer das dickste Marketing-Budget oder das erste Netz hat, sondern wer die größte Mobilfunk-Allianz schmieden kann. Vodafone, France Telecom & Co sollten sich also sputen und schleunigst potente Partner für das europäische Mobilfunk-Rennen finden.

FTD: T-Mobile darf UMTS mit O2 aufbauen


von nbo / 24.08.2002

Mit der Realität tuen sich Wissenschaftler seit Jahrhunderten schwer. Die wird deshalb gerne zu eleganten Gleichungen vereinfacht. So leicht wollte es sich Richard Damania von der University of Adelaide nicht machen und berücksichtigte in seiner Untersuchung der Wirksamkeit von Umweltabgaben explizit den Effekt der Korruption. These: Wer die Umwelt stärker verschmutzt, ist wirtschaftlich potent genug, um sich von Abgabenlasten „frei zu kaufen“. Diese Anreizstruktur berücksichtigt Damanias Rechnung nun. Ergebnis: Wer viel verschmutzt, sollte weniger zahlen müssen - sonst wird er mittels Bestechung seine Emissionen schönen. Korruption wird also als „Naturgesetz“ in ein Gleichungssystem eingesetzt. Der absurde Drang der Ökonomen, ihre Wissenschaft nach dem Vorbild der Physik zu formulieren, läuft vollends Amok: In WIRKLICHKEIT wird hier nur vor der normativen Kraft des faktischen Kapitalismus kapituliert. Aber wetten, dass dieses Argument in den Umweltdebatten nach Johannesburg auftaucht?

New Scientist: Heavy environmental polluters 'should pay less'


von nbo / 21.08.2002

Wenn die Wirtschaft lahmt, verlieren die Konzerne schon mal die Nerven: Die Lufthansa etwa droht, Miles&More-Kunden, die ihre Meilen bei eBay versteigern, sofort die Meilenkonten zu schließen; Musiklabels heuern Leute an, die aus Endlosschleifen falsche MP3-Dateien bauen und in Tauschbörsen einschleusen. "Wir sind bisher sehr großzügig zu unseren Kunden gewesen", sagt RIAA-Chefin Hilary Rosen zu dieser „Verteidigung“ des Copyrights. Will heißen: Wir ertragen unsere Kunden nicht mehr. Denn die meisten der User, die Musik runterladen, sind ja doch CD-Käufer. Intelligente, netzaffine Konsumenten werden plötzlich von der Traumzielgruppe zu Halbkriminellen. Der digitale Fortschritt ein Alptraum der Konzerne? Wenn er Arbeitsplätze wegzurationalisieren hilft, wird den Joblosen geraten, sie sollten ihr „Produkt Arbeitskraft“ flexibel und kreativ neu gestalten. Recht so: Sollen Konzerne bessere Produkte machen, anstatt einen Kleinkrieg gegen ihre Kunden anzuzetteln. Würden Arbeitslose sich so rüde wehren, kämen sie in den Knast.

Lufthansa will gegen Miles-Auktionen im Web durchgreifen


von jue / 19.08.2002

Dass moderne Technologien nicht nur Bequemlichkeit, sondern auch schlechte Manieren forcieren, ist spätestens klar, seitdem Handys den öffentlichen Raum erobert haben. In Cafes und Bibliotheken klingeln und nerven sie. Kein Wunder, dass in New York ein Verbot diskutiert wird, wie wired.com heute meldet. Ein Stadt-Abgeordneter will für Handy-Telefonate im öffentlichen Raum sogar 50 Dollar Strafe kassieren – und die mobilen Massen auf diese Weise zur Raison bringen. Für die UMTS-Industrie in Europa ist zu hoffen, dass das Beispiel nicht auch hier Schule macht. Denn Handy-Verbote in der Öffentlichkeit vertragen sich nicht mit den Immer-und-Überall-im-Netz-Visionen, die bald Milliarden in ihre Kassen spülen sollen. Nach den heftigen Protesten gegen Mobilfunk-Masten wäre eine Erziehungsmaßnahme à la New York ein kostenspieliger Rückschlag.

wired.com: Hush Hush Hooray, Says NYC



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