abseits

von nbo / 12. Januar 2007

Wie viele andere vermutlich auch war ich beim ersten WM-Spiel erstaunt über dieses komische kleine Headset am Ohr von Schiedsrichter und Linienrichtern. Kann sein, dass es mit der direkten Kommunikation der Unparteiischen 1966 die Farce ums Wembley-Tor nie gegeben hätte. Aber irgendwie berührte mich dieser unmittelbare Einbruch von IT – der im American Football schon länger üblich ist – in den archaischen, weil simplen und launischen Fußball unangenehm. Immerhin war uns der „Ball mit Chip“, den das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen 2005 mit viel Fanfare angekündigt hatte, noch erspart geblieben – das Ding funktionierte nicht richtig. Wesentlich radikaler ist schon ein System, das Forscher an der Universität Sidney ersonnen haben. Sie versehen Basketballtrikots mit mehreren Displays, die zum Beispiel die Anzahl der Fouls und erzielten Körbe eines Spielers zeigen. Die Daten werden von einem Zentralrechner am Spielfeldrand an einen Empfänger gesendet, der ebenfalls ins Trikot eingelassen ist. Ebenso könnte die noch verbleibende Spielzeit angezeigt werden, sagen die Forscher. Ihre äußerst originelle Begründung für diese Innovation: Die Spieler könnten so mehr Vertrauen in die Taktik ihrer Mannschaft bekommen. Das mag einen Trainer wie Thomas Doll vom niederlagen-verseuchten HSV ansprechen, der sich offenbar bei seiner Mannschaft den Mund über taktische Konzepte fusselig redet. Mir fällt dazu aber sofort Enki Bilals düsterer Comic „Abseits“ ein. In diesem fiktiven Bericht erzählt ein Reporter Mitte des 21. Jahrhunderts, wie der Fußball mittels implantierter Chips und anderer Regeländerungen zu einem brutalen Gladiatorenkampf mutierte. Wer eine mustergültige Vorlage nicht ins Netz hämmerte, bekam einen Stromstoß. Klar, daran werden die Sidneyer nicht im Traum gedacht haben. Sie folgen nur dem Trend zu überflüssigen Spielstatistiken, die aus dem Datenwust der Sportaufzeichnungen hervorquellen. Mich persönlich interessiert überhaupt nicht, ob meine Mannschaft 60 Prozent Ballbesitz oder doppelt so viele Torschüsse hatte, wenn es am Ende 0:1 steht. Aber spinnen wir das mal weiter. Weil Sport Big Business ist, übernehmen die europäischen Fußballligen das System in ein paar Jahren. Bei Stürmern mit Ladehemmung oder ruppigen Verteidigern leuchtet dann im Laufe des Spiels das Display ihrer Verfehlungen immer intensiver. Ich sehe schon die Titelseite der BILD nach einem vergeigten Länderspiel vor mir, auf dem Podolskis Trikot in Nahaufnahme sein Versagen dokumentiert. Auch auf die Gefahr hin, hier wieder rumzunörgeln: Auch solche Anwendungen wie das vernetzte Trikot stehen in demselben Kontext von Überwachung, Kontrolle und Denunziation, die sich seit Jahren wie eine Krankheit ausbreiten. Das muss gar nicht so weit gehen wie Bilals Gedanke der Fernbestrafung, obwohl implantierbare Sender, für die sich das Militär bereits interessiert, auch im Sport denkbar sind. „Damit können Trainer und Mannschaftsärzte rechtzeitig erkennen, ob ein Spieler am Rande seiner physischen Kapazitäten angekommen ist“, wird es dann in einer Pressemitteilung heißen. Bisher nennt man dieses Signal „Humpeln“, und zwei Augen genügen völlig, um es zu erkennen. Aber es geht nicht um Einfachheit oder gar Effizienz. Es geht um die totale Vernetzung von allem mit allem, die von Techno-Enthusiasten wie Ray Kurzweil oder Kevin Kelly seit längerem als große Zukunft beschworen wird. Eine Innovation um jeden Preis – vor allem den der Privatsphäre. Die totale Vernetzung kommt nicht mit einem Knall. Nein, sie wir mit so harmlos scheinenden Anwendungen wie diesem bescheuerten Trikot, gegen die doch niemand etwas haben kann, Stück für Stück vorangetrieben. Der einzige Trost: Dieses Fest werden sich Hacker nicht entgehen lassen. Und so kam es im WM-Endspiel 2014 zum Eklat, weil der plötzlich von „Digitalterroristen“ manipulierte Ball mit Chip in der Verlängerung nach jeder vergebenen Chance ein Tor signalisierte, dass automatisch – Menschen sind ja fehlbar – auf die Anzeigetafel des Stadions geschrieben wurde. In der 103. Minute stand es bereits 4:0 für Deutschland, obwohl 70.000 Zuschauer kein einziges Tor gesehen hatten. Der IT-Sponsor der WM jedoch sah sich jedoch außerstande, die komplexe Software einfach so abzuschalten. Der Schiedsrichter brach daraufhin das Spiel ab – per Handzeichen natürlich.

New Scientist: Basketball stats shown live on players' shirts
Wikipedia: Enki Bilal

 

usability 0.9

von nbo / 26. September 2006

In einem Forum habe ich kürzlich die Forderung gelesen, "Web 2.0" zum Unwort des Jahres zu erklären. Die Bezeichnung hat unter Digerati bereits denselben haut goût wie "dotcom" in der Endphase der New Economy. Bei aller Sympathie für Bürgermedien und soziale Webdienste: Hinsichtlich Benutzerfreundlichkeit und Informationsdesign kann ich im Web 2.0 keinen Fortschritt erkennen, der den Namen rechtfertigen würde. Nehmen wir mal das besonders populäre YouTube.com. In seiner Gestaltung ist es nicht über den Stand hinausgekommen, den Amazon schon 1998 erreicht hatte. Auch der Videodienst versucht, den Informationsoverkill, den es auf seinen Servern ansammelt, mit einer Navigation aus Registerkarten und Unmengen kleiner Linkkästen zu bändigen. Aber die bringen den Nutzer nur von Hölzchen auf Stöckchen. Sicher ist es im Interesse von YouTube, seinen Dienst als Zerstreuungsmaschine anzulegen, die zig Klicks und damit hübsche Werbeeinnahmen generiert. Aber wer außer Schülern, Studenten und anderen Zeitmillionären kann sich das antun? Auch das – immerhin besser gestaltete – Flickr.com bringt mich regelmäßig zur Verzweiflung. Binnen Minuten bin ich beim Surfen durch Fotomassen in irgendwelchen Themenclustern gestrandet, die einem Labyrinth gleichen, drehe mich im Kreis, "Schwarm", "Fische", "Vögel","Himmel" oder doch wieder "Schwarm" - wo wollte ich noch mal hin? Einzige Rettung: zurück zum Start – ein Erlebnis, dass ich auch bei anderen sozialen Netzwerken ständig habe. Kann es wirklich sein, dass die Usability des Web 2.0 nicht mehr zu bieten hat als die gute alte Ereigniskarte bei Monopoly? Der Blog-Standard, der sich inzwischen herausgebildet hat, ist ebenfalls noch nicht das gelbe vom Ei: Mal abgesehen von den unüberschaubaren Linkhaufen in Blogrolls und Archiven gibt es keine vernünftige Darstellung von Kommentar-Threads zu einem Eintrag – eine Krankheit, die Blogs mit den "traditionellen" Foren teilen. Man ist ständig am Hin-und-her-blättern, da wird in einem Blog auf einen älteren Eintrag verlinkt, und von da auf einen noch älteren... (das ist in diesem Blog leider nicht anders). Das wahre Web 2.0 werden wir erst dann haben, wenn die nächste Stufe von Usability-Konzepten und Informationsarchitekturen erreicht ist, die das Problem lösen, Hypertext-Konglomerate mit Inhaltslandkarten, neuen History-Funktionen und der parallelen Darstellung aufeinander bezogener Dokumente zu versehen. Das real existierende Web 2.0 ist dagegen ein technisches Monstrum, das nur den Stillstand in der Entwicklung der Interfaces zementiert, den Koryphäen wie Bruce Tognazzini, Scott Berkund oder Tim Berners-Lee konstatieren. Bis auf weiteres gilt leider das Urteil des Kollegen Glaser: „Die Entwicklung der Links allerdings – immerhin das zentrale Prinzip der Vernetzung im Online-Universum – ist vorerst auf dem Stand eines Rohrpostsystems stehen geblieben.“

Vergleich: Das Seitenlayout von YouTube 2006...
...mit Amazon 1998 - da ist nicht viel passiert.

 

überwachungsstaat, folge 23 (oder so)

von nbo / 5. September 2006

jetzt bekommen wir also die anti-terror-datei. und da ist allenfalls ein leises rauschen der besorgnis. wie verlottert teile der medien sind, zeigte gestern das ZDF-nachtjournal: im beitrag über den beschluss der innenminister wurde mit keinem satz erwähnt, dass diese datei einen epochalen verfassungsbruch darstellt und eine konsequenz aus dem dritten reich über den haufen wirft, die die verfasser des grundgesetzes gezogen hatten, nämlich die trennung von polizei und geheimdiensten. im folgebeitrag wurde der zuschauer dann aber mit entrüsteten worten darüber unterrichtet, wie die müllabfuhr in großbritannien ihre bürger bespitzelt (mit einem chip am boden der mülltonne). tenor: die briten führen den überwachungsstaat ein. das war wieder so ein moment, wo man sich für die eigene journalistenzunft in grund und boden schämt.

Datenschutz.de: "Anti-Terror-Datei: aufwändig, uneffektiv und datenschutzwidrig"

 

die kofferverschwörung

von nbo / 3. September 2006

Deutschland hat trotz der WM-Party weiterhin viele Probleme. Jetzt ist noch eins hinzugekommen: herrenlose Koffer. Seit den Fast-Anschlägen der „Kofferbomber“ von Dortmund und Koblenz vor vier Wochen wird verdächtigt und geschnüffelt wie nie zuvor und manchmal auch gesprengt: 28.8. an einer Bushaltestelle in Mannheim, 25.8. auf dem Flughafen Berlin-Tegel, 24.8. in der Potsdamer Innenstadt, 24.8. auf einem Bahnhof in Köln, 21.8. auf dem Bahnhof Itzehoe, 18.8. auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof, 11.8. in Berlin auf dm Hauptbahnhof und dem Flughafen Tegel, 2.8. auf dem Bahnhof Hamburg-Dammtor... Wie geht man damit weiter um? – 1. Die Antwort des Web 2.0 wäre: einen offenen Blog aufmachen, z.B. koffer.blogger.com. Dank der Errungenschaft des Mobloggings könnten Bilder von verdächtigen Gepäckstücken gleich als Megapixel-Handybild gepostet werden. Nachdem die Bürger bei der WM gelernt haben, wie man Touristen hilft, können sie mit dieser Kompetenz jetzt unsere Sicherheitsbehörden (Polizei sagt man ja nicht mehr) unterstützen. – 2. Die Antwort eines Mobilfunknetzbetreibers: einen SMS-Dienst einrichten. Unter der Nummer 563337 (was der Tastenbelegung „k-o-f-f-e-r“ entspricht) können Reisende jederzeit abrufen, ob auf dem Bahnhof oder Flughafen, den sie in Kürze aufsuchen wollen, ein herrenloser Koffer gesichtet wurde. – 3. Die Antwort der Politik: Herkömmliche Koffer werden ab dem 1.10. verboten. Wer weiterhin nicht auf dieses praktische Utensil verzichten möchte, muss sich einen transparenten Koffer aus Acryl zulegen. Wenn die Holländer schon nichts zu verbergen haben und auf Wohnzimmergardinen verzichten, wollen wir nicht nachstehen. Sollen doch alle sehen, welche Unterhosenmarke ich bevorzuge. – 4. Die Antwort der KI (frühestens in 20 Jahren): Koffer werden serienmäßig mit Sensornetz und Mikrorechner ausgestattet. Die Hersteller installieren eine von den Sicherheitsbehörden zertifizierte und standardisierte Analysesoftware, die erkennt, wenn jemand eine Propangasflasche – oder Flüssigsprengstoff – in den Koffer packt, aber keine Unterhose. Der Koffer alarmiert automatisch die Polizei, und sein Besitzer kann noch bei Verlassen des Hauses verhaftet werden. – Noch eine Antwort: Wir könnten uns auch einfach weiterhin in Gelassenheit üben, so wie wir es schon lange vor 9/11 gemacht haben, als es noch andere Terroristen gab. In vielen Foren ist zurecht bemerkt worden, dass Paranoia genau das ist, was Terroristen säen wollen. Nun kennen wir bei den Kofferbombern bislang weder das Ausmaß der Organisation, in die sie eingebunden sind, noch die genaue Motivation. Wollen wir da bei jedem Koffer, der unbeaufsichtigt scheint, in Schweiß ausbrechen, weil die fraktale Front des Antiterrorkriegs jetzt bis zu uns reicht? „Schlucke keinen Köder, den der Feind dir bietet“, schrieb schon der chinesische Stratege Sunzi vor 2500 Jahren in "Die Kunst des Krieges". Lassen wir Koffer Koffer sein.

Transparente Koffer aus Acryl

 

web 2.0 und der krieg in nahost

von nbo / 7. August 2006

„We The Media“ betitelte Dan Gillmor 2004 sein Buch über Netizens, die zum Beispiel mittels Blogs eine Gegenöffentlichkeit zum großen Mediengeschäft schaffen - ein Aspekt der neuen Welle des Web 2.0. Das ist schwer idealistisch und durch und durch sympathisch. Und doch ist es immer noch ein Hype. Welch weiten Weg der digitale Bürgerfunk als Massenerscheinung – denn das postuliert Gillmors Titel – noch vor sich hat, zeigt für mich die im Juni gestartete „Readers Edition“ der Netzeitung, in der User versuchen, eine eigene Online-Zeitung auf die Beine zu stellen. --- Vor neun Tagen drangen israelische Truppen in den Südlibanon ein, um zwei von der Hisbollah entführte israelische Soldaten zu befreien. Seitdem spitzt sich die Situation täglich zu, und ein Flächenbrand in Nahost mit globalen Auswirkungen wird immer wahrscheinlicher. Doch in der Readers Edition fand dieser Konflikt zunächst überhaupt nicht statt. In der Rubrik „Politik + Lokales“ tauchte der erste Artikel zum Thema vorgestern auf, gestern folgte ein zweiter. Zwar versucht der eine, die Hintergründe des Konflikts darzulegen. Aber über Wikipedia-Niveau kommt er dabei nicht hinaus. Wer die Liste der aktuell wichtigen Schlagwörter der Readers Edition studiert, findet ganz am Ende „Beirut“ – auf Platz 40. --- Die Journalisten mögen zwar eine umstrittene Zunft sein, kurzatmig und bei der Themenauswahl immer mit einem Auge auf die Konkurrenz schielend. Aber ihr Radar und ihre Professionalität funktionieren. Was in Jahrzehnten an Handwerk und Infrastruktur wie Korrespondentennetzen entwickelt wurde, holen enthusiastische und ehrenamtliche Nutzer nicht in wenigen Monaten auf. Eine Zeitung auf hohem Niveau lässt sich offenbar noch nicht nach dem Motto „Global denken – lokal handeln“ von Laien realisieren, die frei von Auflagendruck und Ideologien schreiben können. Denn die leben in Berlin oder Bückeburg und eben nicht in Beirut. --- Sicher gibt es seit Jahren etwa eine User-Zeitung wie Indymedia, wo Berichte aus aller Welt zu aktuellen Ereignissen gepostet werden, so auch zum aktuellen Libanon-Krieg. Aber hier schreiben Interessierte für Interessierte – also eine Minderheit für sich selbst. Das macht die Sache nicht schlechter, aber es hat noch nichts mit Gillmors These „We The Media“ zu tun. Einmal ganz abgesehen davon, dass auch auf Indymedia, mangels Redaktion, immer wieder zweifelhafte Beiträge aufgetaucht sind, die man durchaus als antisemitisch einstufen kann. --- Für die etablierten Medien ist dies dennoch kein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen. Denn auch sie haben in ihren Online-Ausgaben noch nicht annähernd die Möglichkeiten des Netzes ausgelotet. Wer etwa auf Spiegel online einen Artikel zum neuen Krieg im Nahen Osten aufruft, sucht vergeblich nach sorgfältig aufbereitetem Kontext-Material. Nicht einmal eine Chronologie der Ereignisse aus den letzten neun Tagen gibt es, geschweige denn eine Einordnung des aktuellen Krieges in die Geschichte des Nahostkonflikts in den vergangenen 100 Jahren, seit die Bewegung des Zionismus zur Gründung eines Staates Israel aufrief. Da bleibt am Ende doch nur die Suche in Google oder Wikipedia - das gilt im übrigen auch für Indymedia. --- Aber die etablierten Verlagshäuser haben bis heute nicht begriffen, dass es beim Online-Journalismus nicht nur um Geschwindigkeit, sondern vor allem um Informationstiefe geht. Denn die kann nur das Netz leisten. Keine Zeitung kann es sich erlauben, Tag für Tag, Woche für Woche Hintergrund-Dossiers zu Dauerbrennern wiederholt abzudrucken. Für Online-Nachrichtenseiten wäre es nicht nur technisch machbar, sondern müsste geradezu Teil ihres eigenen Berufsethos sein. --- Nun kann man die Readers Edition der Netzeitung als für neuen Online-Journalismus oder Web 2.0 nicht repräsentativen PR-Gag abtun. Die Netzeitung wurde von der etablierten Konkurrenz schon immer als Agenturmeldungsabwurfstelle geschmäht. Wer die Seite über die Jahre verfolgt hat, muss aber anerkennen, dass dort konsequenter als anderswo versucht worden ist, die Möglichkeiten des Webs auszunutzen. Ob mit bestechender Qualität, steht auf einem anderen Blatt. --- Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich finde Dienste wie Indymedia oder die Netzeitung Readers Edition ebenso wie persönliche Blogs, etwa aus Beirut, beeindruckend und enorm wichtig, um den Wissenssstand einer mäßig informierten Öffentlichkeit zu erweitern. Aber wir sollten nicht, nur weil es in Zeiten des Web 2.0 gerade hip ist, die etablierten Medien als Auslaufmodell betrachten. Deren Handwerk kann den Versuchen, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen, nur als Messlatte dienen, die das Projekt „We The Media“ mindestens schaffen muss. Davon sind wir noch einige Jahre entfernt.

Readers Edition der Netzeitung
"We the Media" bei O'Reilly

 

atomkraft ist uncool

von nbo / 12. Mai 2006

Soll man da lachen oder weinen: Gestern jährte sich der GAU von Tschernobyl zum 20. Mal, und doch wird allen Ernstes über eine Renaissance der Atomenergie debattiert. War alles halb so wild, so sollen wir die Internationale Atomenergiebehörde wohl verstehen, wenn sie zu dem Schluss kommt, dass die Zahl der bisherigen Tschernobyl-Opfer bei einigen Hunderten liege. Russische Wissenschaftler hingegen kommen auf einige Zigtausend. Nun wissen wir schon lange, dass Statistiken und Risikoabschätzungen in einer politischen Auseinandersetzung nichts taugen. Deshalb möchte es hier einmal mit einer anderen Argumentation probieren. Sie lautet: Atomkraft ist im Zeitalter von Hightech-Innovationen und Netzwerken maximal uncool - aus vier guten Gründen. –––––– 1. Atomkraft ist unelegant. Gewaltige Betonklötze müssen um einen vergleichsweise kleinen Reaktorkern gebaut werden, und schlimmer noch, die Kernenergie muss aufwändig mittels wassergetriebener Turbinen in Elektrizität transformiert werden. Nicht viel passiert seit James Watt, oder wie? In der Mathematik kennt man den eleganten Beweis, in der Physik die elegante Theorie. Ihnen ist gemeinsam, dass sie sich durch Prägnanz und eine schnörkellose Verwendung der zur Verfügung stehenden Mittel auszeichnen. Kann man das von einem Atomkraftwerk sagen? –––––– 2. Atomkraft ist zentralistisch. Die riesigen Anlagen, die von einem Punkt aus ganze Landstriche mit Strom versorgen, atmen geradezu den Geist der Tonnenideologie, in der sich Kapitalismus und Realsozialismus so verblüffend einig waren. Atomkraftwerke ähneln eher Tempelbezirken eines plumpen Industriezeitalters, in dem die Massen nicht viel zu melden haben. Isaac Asimov hat in seiner brillanten „Foundation“-Trilogie seine Protagonisten in der Zukunft eine Religion um die Atomkraft bauen lassen, die mit diesem Trick ganze Sternsysteme beherrschen konnten. In der Gegenwart der Netzwerke wandeln sich die Massen jedoch zu kreativen Schwärmen, in denen zahlreiche verteilte Akteure Produktives leisten. Ein zeitgemäßes Energiesystem wird ebenfalls zu einer solchen dezentralen Struktur übergehen. –––––– 3. Atomkraft ist latent repressiv. Denn sie kommt ohne einen beeindruckenden Sicherheitsapparat nicht aus – ganz gleich, ob vor dem Werkstor Castorgegner warten oder nicht. Während unter Windrädern Kühe grasen und neben Solardächern Würstchen gegrillt werden können, müssen die Reaktorkerne durch Zäune und Gräben gesichert werden, die an die Berliner Mauer erinnern. Über die ist die Geschichte zurecht hinweggegangen. Warum soll dieser Anachronismus noch weiter gepflegt werden? –––––– 4. Atomkraft ist pervertierbar. Der diplomatische Konflikt mit dem Iran zeigt uns täglich, wie die Kinderstube der Atomkraft ausgesehen hat. Es war das Manhattan-Projekt, das in Hiroshima und Nagasaki vollendet wurde. Wo spaltbares Material angereichert wird, ist es immer nur ein kleiner Schritt zur Bombe. Diese Tatsache lässt sich auch mit sophistischer Rhetorik nicht aus der Welt schaffen. Hingegen ist es wohl selbst für Fantasy-Autoren eine echte Herausforderung, sich auszumalen, wie man eine Armee mit umfunktionierten Windrädern, Brennstoffzellen und Solarpaneelen bewaffnen kann. –––––– Das Schöne ist: Für diese Argumentation muss man nicht Physik studiert haben. Man muss keine Strahlungsgrenzwerte bemühen, sich nicht den Kopf über die Ausgestaltung von Endlagern zerbrechen, über physikalische Prozesse, mit denen die Kraft der Atome effizienter „moderiert“ werden kann. Das sind alles Manöver, mit denen Physiker gerne davon ablenken, dass sie die Eigenständigkeit von Technik im Grunde nicht verstehen. Denn die ist mitnichten angewandte Physik, sondern die Grundstruktur unserer Zivilisation, in der die Physik nur eine Zutat von vielen ist. Die weitaus bedeutendere ist die Notwendigkeit des Profits. Der ist leider noch nicht uncool geworden. Aber das 21. Jahrhundert hat ja gerade erst angefangen.


 

outbreak in london

von nbo / 20. März 2006

Was vergangene Woche im Londoner Northwick Park Hospital passiert ist, kann man getrost als GAU beim Testen neuer Medikamente ansehen. Sämtliche sechs reale Probanden eines Versuchs mit dem Mittel TGN1412, das eines Tages gegen Leukämie und Autoimmunkrankheiten helfen sollte, sind innerhalb einer Stunde lebensgefährlich erkrankt. Ihre körpereigenen T-Zellen reagierten so heftig auf das Präparat, dass sie multiples Organversagen auslösten. Angehörige berichten, dass die Probanden sich binnen kurzem in Ebenbilder des berühmten Elefantenmenschen verwandelten: mit grotesk angeschwollenen Köpfen und purpur verfärbten Gliedmaßen. Der erste Gedanke vieler Zeitgenossen dürfte den dunklen Machenschaften der Pharmaindustrie gegolten haben. Nicht ganz zu Unrecht: Der Vioxx-Skandal ist noch in guter Erinnerung, und das Magazin Nature berichtet in seiner aktuellen Ausgabe, dass hässliche Daten in den Testberichten der Pharmaindustrie immer wieder unter den Teppich gekehrt werden. Das mag in diesem Fall gar nicht so gewesen sein, denn die vorklinischen Tierversuche haben für einen solchen Unfall keinerlei Anhaltspunkte gegeben. Beunruhigend finde ich den Vorfall aus einem anderen Grund: Wir haben hier vielleicht den Proof-of-Principle einer hässlichen neuen B-Waffe erlebt, wie sie die rasant fortschreitende Bionanotechnik demnächst ermöglicht – und kaum vorhersehen kann. Denn die Möglichkeit einer „Superstimulierung“ durch T-Zellen, die offenbar zu der Katastrophe führte, wurde noch im vergangenen Jahr in einem Paper in Nature Biotechnology für unmöglich gehalten. Im Unterschied zu anderen monoklonalen Antikörpern aktivierte TGN1412 die T-Zellen offenbar ohne einen zweiten molekularen Auslöser, der sonst die Abwehrreaktion auf ein bestimmtes Gewebe beschränkt. Die Biotechnik betrachtet den menschlichen Körper seit langem als superkomplexe molekulare Maschine. Doch trotz aller Erfolgsmeldungen, die wöchentlich durch die Nachrichtenticker rauschen, hat sie es bislang nicht zu einem detaillierten Verständnis dieser Maschine gebracht. Die Überraschung der Wissenschaftler angesichts des Vorfalls erinnert mich ein wenig an die Hilflosigkeit eines kenianischen Taxifahrers, der uns im vergangenen Jahr irgendwann in einer Geröllwüste aussteigen ließ, weil der Motor den Geist aufgegeben hatte. Als er die Motorhaube öffnete, sahen wir, dass er die Batteriekontakte mit einer Badelatsche festgeklemmt hatte. Werkzeug hatte er nicht – und Ahnung von Motoren erst recht nicht. Aber das war gottseidank nur ein Auto. Nun ist nicht zu erwarten, dass das Maschinenparadigma des menschlichen Körpers in absehbarer Zeit fallen gelassen wird. Aber vielleicht beschleunigen solche Unfälle wie bei dem Londoner Test den Einsatz von Simulationen. Vor Jahren sagte mir der Technikphilosoph Walther Christoph Zimmerli einmal, dass er darin eine Chance der Nanotechnik sehe. Weil das Verständnis der molekularen Zusammenhänge dank neuer Werkzeuge uns immer erst von Computern übersetzt werden muss, könnte man auch die Folgen von Prozessen im Nanokosmos – und um solche handelt es sich auch bei Immunreaktionen – erst einmal simulieren. Die jüngsten Entwicklungen in der Supercomputertechnik geben uns zum ersten Mal eine realistische Chance, auch Zellprozesse zu simulieren, wie eine erste vollständige Virussimulation von Forschern der University of Illinois gerade gezeigt hat. Dann müssten nicht Versuchspersonen für 2000 Pfund ihr Leben aufs Spiel setzen – und potenzielle B-Waffen-Konstrukteure würden nicht so billig zu einer Inspiration kommen.

New Scientist: Catastrophic immune response may have caused drug trial horror
University of Illinois: Researchers simulate complete structure of virus–on computer

 


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