Weblog-Archiv: Neues aus der Technosphäre

 

Der Mehltau der Nuller Jahre

Vor einigen Tagen tauchte wie aus dem Nichts eine Frage auf, die mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht: Welche wissenschaftliche oder technische Neuerung wird als der Durchbruch dieses Jahrzehnts in die Geschichte eingehen? Überall werden Innovationen beschworen, Milliarden in Forschung und Entwicklung gesteckt. Aber so sehr ich mich auch anstrenge, mir fällt nichts richtig Bahnbrechendes ein... [nbo / 15. September 2008 ]

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Der CO2-Zähler im Über-Ich

Am Wochenende hat der IPCC also die endgültige Fassung seines diesjährigen Berichts zum Klimawandel abgeliefert. Die FAZ hat ein verstecktes „Manifest“ herausgelesen: Die Forscher würden sich darin vom Kioto-Protokoll verabschieden, diesem „Fetisch der Klimaschutzpioniere“. Das sollte die weltweiten CO2-Emissionen reduzieren, darf aber wohl als gescheitert betrachtet werden. Gleichzeitig macht der New Scientist seine aktuelle Ausgabe mit der provokanten Frage auf: „Is there any point in going green?“ Die Frage kann man sich durchaus stellen. Wird nicht die Aufholjagd von China, Indien und anderen Schwellernländern sowieso jede Energiesparbirne, zu der man sich hierzulande durchringt, mehr als aufwiegen? [nbo / 27. November 2007 ]


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Weg vom Tropf!

Die Deutsche Umwelthilfe hat gestern ein Papier vorgelegt, in dem sie den Entwurf der Bundesregierung zu „Eckpunkten für ein integriertes Energie- und Klimaprogramm“ hart kritisiert. Sie wirft der schwarz-roten Koalition vor, in allen acht Bereichen, in denen bis 2020 Treibhausgasemissionen reduziert werden sollen, halbherzig zu sein. Vor allem: dem Druck von Industrielobbies nachzugeben. Was mich nachdenklich machte, waren nicht so sehr konkrete Zahlen und Vorwürfe. Es war vielmehr die Frage, ob wir in den nächsten Jahrzehnten den Übergang zu einer zukunftsfähigen Stromversorgung, die nicht auf fossilen oder nuklearen Brennstoffen basiert, tatsächlich schaffen können. Mit welchen klimaneutralen Treibstoffen wir die Mobilität der modernen Zivilisation aufrechterhalten können, ist die eine Hälfte des Problems. Die andere ist, den unersättlichen Durst nach elektrischem Strom zu stillen. David Bodanis hat in seinem Buch „Electric Universe“ (dt. „Das Universum des Lichts“) den qualitativen Sprung gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur elektrifizierten Gesellschaft anschaulich gemacht: Ein zeitreisender Proconsul des Römischen Reiches hätte noch im Jahre 1850 eine Welt vorgefunden, die sich oberflächlich von der Antike nicht sehr unterschied. Der Telegraf war erfunden, aber die Nutzung elektrischen Stroms hatte die Welt noch nicht verändert. Nur 60 Jahre später hätte er in Chicago jedoch eine drastisch andere Welt vorgefunden: mit Telefonen, elektrischer Beleuchtung und Elektromotoren in der Industrie. Weitere 100 Jahre später hängt alles vom Strom ab: Ohne ihn ist das digitale Zeitalter am Ende. Der Übergang von der fossil-nuklearen Energiewirtschaft zu einer, die auf erneuerbaren Energien aufbaut, ist der nächste qualitative Sprung, und wir wollen es als aufgeschlossene Zeitgenossen gerne glauben. Auf die zentralisierte Infrastruktur soll eine dezentralere folgen, die im wesentlichen Wind-, Sonnen- oder Wasserkraft nutzt, lautet die Vision der Erneuerer (ob eine bezahlbare Wasserstoff-basierte Energieversorgung mit Brennstoffzellen im Keller möglich sein wird, ist umstritten und soll hier mal außer Acht gelassen werden). Es wäre eine Art „Zurück zur Natur 2.0“ – was auch bedeutet, dass wir uns den Unwägbarkeiten der Natur unterwerfen würden. Solarenergie ist nicht nachts produzierbar, Windenergie nicht bei Flaute. Da gibt es allerdings ein Problem: Seit den Tagen von Volta und Galvani hat sich das Prinzip, Strom in einer Batterie zu speichern, nicht geändert. Spätestens wenn zur Unzeit der Akku des Handys leer ist, wird einem schmerzlich bewusst, dass wir immer noch am Tropf eines Stromnetzes hängen. Gut, dank neuer Materialien werden Akkulaufzeiten und -leistungen stetig besser (so hat das MIT-Start-up A123 Akkus entwickelt, die bis zu zehnmal längere Laufzeiten haben, eine höhere Leistung und schnellere Ladezeiten). Das Konzept der Redox-Flow-Zelle, bei der der Vanadium-haltige Elektrolyt nachgeladen werden kann, gilt als Kandidat für Hochleistungsakkus. Eine in Japan bei einem Windpark installierte Zelle kann über zehn Stunden 6 Megawatt liefern. Ich frage mich dennoch, ob sich die Batterietechnik für eine Erneuerbare-Energie-Infrastruktur mittelfristig schnell genug und ausreichend hochskalieren lässt. Hängt dieser qualitative Sprung in erster Linie von weiteren technischen Durchbrüchen, vom nötigen Kapital oder vom politischen Willen ab? Oder – bleiben alle drei aus – werden wir unsere Gewohnheiten beim Stromverbrauch drastisch umstellen müssen, so dass das elektrische „Nachtleben“ von heute eines Tages der Vergangenheit angehört (wie das ist, kann man in tropischen Provinzstädtchen studieren)? Der französische Historiker Fernand Braudel hat die These aufgestellt, dass die Kultur des europäischen Hochmittelalters im 13. Jahrhundert einbrach, weil die damalige Energieversorgung zu stagnieren begann. Die Zivilisation jener Zeit (die immerhin etwa doppelt so viele Menschen wie in der Antike ernährte) gründete sich laut Braudel auch auf der konsequenten Ausnützung des Mühlenprinzips – doch dessen Ertrag ließ sich irgendwann nicht mehr steigern. Vermutlich hätte Europa damals nur weiter wachsen können, wenn die Dampfmaschine 500 Jahre vorher erfunden worden wäre. Es folgte eine Rezession, und die große Pestepidemie um 1350 tat dann ein Übriges, dass Europa erst um 1400 wieder das wirtschaftliche Niveau von 1250 erreichte, so Braudels Befund. Vielleicht würde dieser Blick in die Geschichte dazu beitragen, einen wirklichen Masterplan jenseits aller Lobbies aufzustellen. Die „solare Weltwirtschaft“ ist jedenfalls – leider – noch weit davon entfernt, ein Selbstgänger zu werden. [nbo / 22. August 2007 ]

Deutsche Umwelt-Hilfe: "Eingeknickt und zu kurz gesprungen"

 

Da lacht der Große Bruder!

Einen Monat ist das neue Jahr erst alt, aber Freunde des realen Film Noir mit dem Titel „Auf dem Weg in die Überwachungsgesellschaft“ sind bereits jetzt voll auf ihre Kosten gekommen. Den Anfang machte die Nachricht von der „Operation Mikado“. In der haben die Landeskriminalämter sämtliche 22 Millionen deutschen Kreditkartenkonten auf verdächtige Zahlungen überprüfen lassen, um Konsumenten von Kinderpornographie auf die Spur zu kommen. 14 Kreditkartenanbieter hatten dabei mit den Ermittlern kooperiert. Was vor 20 Jahren mindestens einen medialen Sturm der Entrüstung hervorgerufen hätte, verebbte zwischen den Nachrichten zu Irakkrieg, Gesundheitsreform und Stoibers Sturz binnen Tagen. Und wer will schon Pädophilen zur Seite springen? Wenig später zeigte die Bundesregierung, welche Akzente sie bei ihrer EU-Ratspräsidentschaft zu setzen gedenkt. Als weitere Maßnahme im „Kampf gegen den Terror“ regte Wolfgang Schäuble an, die europaweite Vernetzung von nationalen Datenbanken – die personenbezogene Daten wie Fingerabdruck oder DNA-Profil enthalten – zu forcieren. Was im „Vertrag von Prüm“ vom März 2006 bislang nur von sieben Mitgliedsstaaten beschlossen worden war, soll EU-Recht werden. Man fragt sich schon länger, was den Mann umtreibt. Ein Interviewer der Welt scheint in dem Vorstoß allen Ernstes eine „Vision für Europa“ zu erblicken, wie seine unsägliche Fragestellung andeutet. Oder hat sich Schäuble womöglich über das jüngste Ranking der „führenden Überwachungsgesellschaften“ von Privacy International (PI) geärgert, in dem Deutschland zusammen mit Kanada als zu lasch wegkommt, weil hier noch „bedeutende Schutzvorkehrungen“ gegen Überwachung existierten? Ein EU-Land kann es schon heute locker mit den schwarzen Schafen des PI-Rankings, Russland und China, aufnehmen: Großbritannien. Ein schönes Porträt von Orwells Heimatland zeichnete kürzlich die Zeit. In der Hafenstadt Middlesbrough begleitet der lokale Überwachungschef Jack Bonnar seine Mitbürger seit einigen Monaten per Videokamerasystem auf Schritt und Tritt und ermahnt sie, wenn nötig, über an Laternenpfählen installierte Lautsprecher. Die Bürger hätten in ihrer Angst vor Kriminalität selbst darum gebeten, rechtfertigt Bonnar das System. Aber Middlesbrough ist eher old school gegen das, was die Sun und dann auch die BBC vor einigen Tagen berichtet haben: Im Innenministerium gebe es geheime Pläne, Röntgenscanner zum Durchleuchten von Passanten in Innenstädten einzusetzen, um herauszufinden, ob sie Waffen unter ihrer Kleidung tragen. Die Bilder auf der Sun-Seite sehen so unglaublich aus, dass man sie im ersten Augenblick für einen Fake hält. Die Technik wird aber bereits in britischen Ärmelkanal-Häfen zum Durchleuchten von LKWs eingesetzt, um etwaige illegale Einreisende aufzuspüren. In den USA denkt man in eine ähnliche Richtung, vergisst aber nicht mögliche Bedenken des Bürgers. Weil Röntgenstrahlen gesundheitlich nicht so harmlos sind, entwickelt die US-Firma SET Corporation einen Waffen-Scanner, der im Radar-Spektrum arbeitet, wie die Kollegen der amerikanischen TR-Redaktion berichten. Ende des Jahres soll das Gerät fertig sein. Eine Bildauswertungssoftware zur Analyse des Gangs hilft, Personen auch im Menschengedränge weiter verfolgen zu können. In der nächsten Stufe soll sie gar potenzielle Bombenleger anhand charakteristischer Bewegungen schon aus der Ferne identifizieren können – wehe dem, der sich am Vortag beim Sport verausgabt hat und mit Muskelkater durch den Flughafen tapert. Wie geht man mit diesen Nachrichten um, die eine unglaubliche Energie bei der Ausweitung von "Sicherheitstechnologien", wie es offiziell heißt, offenbaren? Der Alltag in Europa und den USA ist ja mitnichten gefährlicher oder bedrohter als z.B. vor 20, 30 Jahren, es gibt keinen ernst zu nehmenden Grund für mehr Überwachung als damals. Zyniker haben das immer schon kommen sehen, Skeptiker verweisen hingegen darauf, dass solche Überwachungstechnologien alles andere als ausgereift seien, also alles halb so wild, während die Befürworter betonen, sie hätten ja ohnehin nichts zu verbergen – im übrigen ein Argument, das völliges Unverständnis dessen, was ein Rechtsstaat ist, entlarvt. Nur das kleine gallische Dorf der Überwachungsgegner versucht, die Entwicklung aufzuhalten. Schreibt wichtige Aufrufe oder zieht vor Gericht, wo man von Zeit zu Zeit auch einen Sieg erringt. Aber nur solange, bis das nächste Gesetz geändert wird. Bleiben am Ende wirklich nur: a) Aussteigen und Abtauchen, b) sich multiple Identitäten zulegen (anstrengend, könnte aber ein Nervenkitzel wie Games werden) oder c) Anti-Überwachungstechnologien im Open Hardware Design entwickeln (wer vertraut da schon professionellen Herstellern)? [nbo / 14. Februar 2007 ]

PI: Ranking der führenden Überwachungsgesellschaften
Die Zeit: Big Brother ist wirklich ein Brite

 

Abseits

Wie viele andere vermutlich auch war ich beim ersten WM-Spiel erstaunt über dieses komische kleine Headset am Ohr von Schiedsrichter und Linienrichtern. Kann sein, dass es mit der direkten Kommunikation der Unparteiischen 1966 die Farce ums Wembley-Tor nie gegeben hätte. Aber irgendwie berührte mich dieser unmittelbare Einbruch von IT – der im American Football schon länger üblich ist – in den archaischen, weil simplen und launischen Fußball unangenehm. Immerhin war uns der „Ball mit Chip“, den das Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen 2005 mit viel Fanfare angekündigt hatte, noch erspart geblieben – das Ding funktionierte nicht richtig. Wesentlich radikaler ist schon ein System, das Forscher an der Universität Sidney ersonnen haben. Sie versehen Basketballtrikots mit mehreren Displays, die zum Beispiel die Anzahl der Fouls und erzielten Körbe eines Spielers zeigen. Die Daten werden von einem Zentralrechner am Spielfeldrand an einen Empfänger gesendet, der ebenfalls ins Trikot eingelassen ist. Ebenso könnte die noch verbleibende Spielzeit angezeigt werden, sagen die Forscher. Ihre äußerst originelle Begründung für diese Innovation: Die Spieler könnten so mehr Vertrauen in die Taktik ihrer Mannschaft bekommen. Das mag einen Trainer wie Thomas Doll vom niederlagen-verseuchten HSV ansprechen, der sich offenbar bei seiner Mannschaft den Mund über taktische Konzepte fusselig redet. Mir fällt dazu aber sofort Enki Bilals düsterer Comic „Abseits“ ein. In diesem fiktiven Bericht erzählt ein Reporter Mitte des 21. Jahrhunderts, wie der Fußball mittels implantierter Chips und anderer Regeländerungen zu einem brutalen Gladiatorenkampf mutierte. Wer eine mustergültige Vorlage nicht ins Netz hämmerte, bekam einen Stromstoß. Klar, daran werden die Sidneyer nicht im Traum gedacht haben. Sie folgen nur dem Trend zu überflüssigen Spielstatistiken, die aus dem Datenwust der Sportaufzeichnungen hervorquellen. Mich persönlich interessiert überhaupt nicht, ob meine Mannschaft 60 Prozent Ballbesitz oder doppelt so viele Torschüsse hatte, wenn es am Ende 0:1 steht. Aber spinnen wir das mal weiter. Weil Sport Big Business ist, übernehmen die europäischen Fußballligen das System in ein paar Jahren. Bei Stürmern mit Ladehemmung oder ruppigen Verteidigern leuchtet dann im Laufe des Spiels das Display ihrer Verfehlungen immer intensiver. Ich sehe schon die Titelseite der BILD nach einem vergeigten Länderspiel vor mir, auf dem Podolskis Trikot in Nahaufnahme sein Versagen dokumentiert. Auch auf die Gefahr hin, hier wieder rumzunörgeln: Auch solche Anwendungen wie das vernetzte Trikot stehen in demselben Kontext von Überwachung, Kontrolle und Denunziation, die sich seit Jahren wie eine Krankheit ausbreiten. Das muss gar nicht so weit gehen wie Bilals Gedanke der Fernbestrafung, obwohl implantierbare Sender, für die sich das Militär bereits interessiert, auch im Sport denkbar sind. „Damit können Trainer und Mannschaftsärzte rechtzeitig erkennen, ob ein Spieler am Rande seiner physischen Kapazitäten angekommen ist“, wird es dann in einer Pressemitteilung heißen. Bisher nennt man dieses Signal „Humpeln“, und zwei Augen genügen völlig, um es zu erkennen. Aber es geht nicht um Einfachheit oder gar Effizienz. Es geht um die totale Vernetzung von allem mit allem, die von Techno-Enthusiasten wie Ray Kurzweil oder Kevin Kelly seit längerem als große Zukunft beschworen wird. Eine Innovation um jeden Preis – vor allem den der Privatsphäre. Die totale Vernetzung kommt nicht mit einem Knall. Nein, sie wir mit so harmlos scheinenden Anwendungen wie diesem bescheuerten Trikot, gegen die doch niemand etwas haben kann, Stück für Stück vorangetrieben. Der einzige Trost: Dieses Fest werden sich Hacker nicht entgehen lassen. Und so kam es im WM-Endspiel 2014 zum Eklat, weil der plötzlich von „Digitalterroristen“ manipulierte Ball mit Chip in der Verlängerung nach jeder vergebenen Chance ein Tor signalisierte, dass automatisch – Menschen sind ja fehlbar – auf die Anzeigetafel des Stadions geschrieben wurde. In der 103. Minute stand es bereits 4:0 für Deutschland, obwohl 70.000 Zuschauer kein einziges Tor gesehen hatten. Der IT-Sponsor der WM jedoch sah sich jedoch außerstande, die komplexe Software einfach so abzuschalten. Der Schiedsrichter brach daraufhin das Spiel ab – per Handzeichen natürlich. [nbo / 12. Januar 2007 ]

New Scientist: Basketball stats shown live on players' shirts
Wikipedia: Enki Bilal

 

Usability 0.9

In einem Forum habe ich kürzlich die Forderung gelesen, "Web 2.0" zum Unwort des Jahres zu erklären. Die Bezeichnung hat unter Digerati bereits denselben haut goût wie "dotcom" in der Endphase der New Economy. Bei aller Sympathie für Bürgermedien und soziale Webdienste: Hinsichtlich Benutzerfreundlichkeit und Informationsdesign kann ich im Web 2.0 keinen Fortschritt erkennen, der den Namen rechtfertigen würde. Nehmen wir mal das besonders populäre YouTube.com. In seiner Gestaltung ist es nicht über den Stand hinausgekommen, den Amazon schon 1998 erreicht hatte. Auch der Videodienst versucht, den Informationsoverkill, den es auf seinen Servern ansammelt, mit einer Navigation aus Registerkarten und Unmengen kleiner Linkkästen zu bändigen. Aber die bringen den Nutzer nur von Hölzchen auf Stöckchen. Sicher ist es im Interesse von YouTube, seinen Dienst als Zerstreuungsmaschine anzulegen, die zig Klicks und damit hübsche Werbeeinnahmen generiert. Aber wer außer Schülern, Studenten und anderen Zeitmillionären kann sich das antun? Auch das – immerhin besser gestaltete – Flickr.com bringt mich regelmäßig zur Verzweiflung. Binnen Minuten bin ich beim Surfen durch Fotomassen in irgendwelchen Themenclustern gestrandet, die einem Labyrinth gleichen, drehe mich im Kreis, "Schwarm", "Fische", "Vögel","Himmel" oder doch wieder "Schwarm" - wo wollte ich noch mal hin? Einzige Rettung: zurück zum Start – ein Erlebnis, dass ich auch bei anderen sozialen Netzwerken ständig habe. Kann es wirklich sein, dass die Usability des Web 2.0 nicht mehr zu bieten hat als die gute alte Ereigniskarte bei Monopoly? Der Blog-Standard, der sich inzwischen herausgebildet hat, ist ebenfalls noch nicht das gelbe vom Ei: Mal abgesehen von den unüberschaubaren Linkhaufen in Blogrolls und Archiven gibt es keine vernünftige Darstellung von Kommentar-Threads zu einem Eintrag – eine Krankheit, die Blogs mit den "traditionellen" Foren teilen. Man ist ständig am Hin-und-her-blättern, da wird in einem Blog auf einen älteren Eintrag verlinkt, und von da auf einen noch älteren... (das ist in diesem Blog leider nicht anders). Das wahre Web 2.0 werden wir erst dann haben, wenn die nächste Stufe von Usability-Konzepten und Informationsarchitekturen erreicht ist, die das Problem lösen, Hypertext-Konglomerate mit Inhaltslandkarten, neuen History-Funktionen und der parallelen Darstellung aufeinander bezogener Dokumente zu versehen. Das real existierende Web 2.0 ist dagegen ein technisches Monstrum, das nur den Stillstand in der Entwicklung der Interfaces zementiert, den Koryphäen wie Bruce Tognazzini, Scott Berkund oder Tim Berners-Lee konstatieren. Bis auf weiteres gilt leider das Urteil des Kollegen Glaser: „Die Entwicklung der Links allerdings – immerhin das zentrale Prinzip der Vernetzung im Online-Universum – ist vorerst auf dem Stand eines Rohrpostsystems stehen geblieben.“ [nbo / 26. September 2006 ]

Vergleich: Das Seitenlayout von YouTube 2006...
...mit Amazon 1998 - da ist nicht viel passiert.

 

Die Kofferverschwörung

Deutschland hat trotz der WM-Party weiterhin viele Probleme. Jetzt ist noch eins hinzugekommen: herrenlose Koffer. Seit den Fast-Anschlägen der „Kofferbomber“ von Dortmund und Koblenz vor vier Wochen wird verdächtigt und geschnüffelt wie nie zuvor und manchmal auch gesprengt: 28.8. an einer Bushaltestelle in Mannheim, 25.8. auf dem Flughafen Berlin-Tegel, 24.8. in der Potsdamer Innenstadt, 24.8. auf einem Bahnhof in Köln, 21.8. auf dem Bahnhof Itzehoe, 18.8. auf dem Düsseldorfer Hauptbahnhof, 11.8. in Berlin auf dm Hauptbahnhof und dem Flughafen Tegel, 2.8. auf dem Bahnhof Hamburg-Dammtor... Wie geht man damit weiter um? – 1. Die Antwort des Web 2.0 wäre: einen offenen Blog aufmachen, z.B. koffer.blogger.com. Dank der Errungenschaft des Mobloggings könnten Bilder von verdächtigen Gepäckstücken gleich als Megapixel-Handybild gepostet werden. Nachdem die Bürger bei der WM gelernt haben, wie man Touristen hilft, können sie mit dieser Kompetenz jetzt unsere Sicherheitsbehörden (Polizei sagt man ja nicht mehr) unterstützen. – 2. Die Antwort eines Mobilfunknetzbetreibers: einen SMS-Dienst einrichten. Unter der Nummer 563337 (was der Tastenbelegung „k-o-f-f-e-r“ entspricht) können Reisende jederzeit abrufen, ob auf dem Bahnhof oder Flughafen, den sie in Kürze aufsuchen wollen, ein herrenloser Koffer gesichtet wurde. – 3. Die Antwort der Politik: Herkömmliche Koffer werden ab dem 1.10. verboten. Wer weiterhin nicht auf dieses praktische Utensil verzichten möchte, muss sich einen transparenten Koffer aus Acryl zulegen. Wenn die Holländer schon nichts zu verbergen haben und auf Wohnzimmergardinen verzichten, wollen wir nicht nachstehen. Sollen doch alle sehen, welche Unterhosenmarke ich bevorzuge. – 4. Die Antwort der KI (frühestens in 20 Jahren): Koffer werden serienmäßig mit Sensornetz und Mikrorechner ausgestattet. Die Hersteller installieren eine von den Sicherheitsbehörden zertifizierte und standardisierte Analysesoftware, die erkennt, wenn jemand eine Propangasflasche – oder Flüssigsprengstoff – in den Koffer packt, aber keine Unterhose. Der Koffer alarmiert automatisch die Polizei, und sein Besitzer kann noch bei Verlassen des Hauses verhaftet werden. – Noch eine Antwort: Wir könnten uns auch einfach weiterhin in Gelassenheit üben, so wie wir es schon lange vor 9/11 gemacht haben, als es noch andere Terroristen gab. In vielen Foren ist zurecht bemerkt worden, dass Paranoia genau das ist, was Terroristen säen wollen. Nun kennen wir bei den Kofferbombern bislang weder das Ausmaß der Organisation, in die sie eingebunden sind, noch die genaue Motivation. Wollen wir da bei jedem Koffer, der unbeaufsichtigt scheint, in Schweiß ausbrechen, weil die fraktale Front des Antiterrorkriegs jetzt bis zu uns reicht? „Schlucke keinen Köder, den der Feind dir bietet“, schrieb schon der chinesische Stratege Sunzi vor 2500 Jahren in "Die Kunst des Krieges". Lassen wir Koffer Koffer sein. [nbo / 3. September 2006 ]

Transparente Koffer aus Acryl

 

Web 2.0 und der Krieg in Nahost

„We The Media“ betitelte Dan Gillmor 2004 sein Buch über Netizens, die zum Beispiel mittels Blogs eine Gegenöffentlichkeit zum großen Mediengeschäft schaffen - ein Aspekt der neuen Welle des Web 2.0. Das ist schwer idealistisch und durch und durch sympathisch. Und doch ist es immer noch ein Hype. Welch weiten Weg der digitale Bürgerfunk als Massenerscheinung – denn das postuliert Gillmors Titel – noch vor sich hat, zeigt für mich die im Juni gestartete „Readers Edition“ der Netzeitung, in der User versuchen, eine eigene Online-Zeitung auf die Beine zu stellen. --- Vor neun Tagen drangen israelische Truppen in den Südlibanon ein, um zwei von der Hisbollah entführte israelische Soldaten zu befreien. Seitdem spitzt sich die Situation täglich zu, und ein Flächenbrand in Nahost mit globalen Auswirkungen wird immer wahrscheinlicher. Doch in der Readers Edition fand dieser Konflikt zunächst überhaupt nicht statt. In der Rubrik „Politik + Lokales“ tauchte der erste Artikel zum Thema vorgestern auf, gestern folgte ein zweiter. Zwar versucht der eine, die Hintergründe des Konflikts darzulegen. Aber über Wikipedia-Niveau kommt er dabei nicht hinaus. Wer die Liste der aktuell wichtigen Schlagwörter der Readers Edition studiert, findet ganz am Ende „Beirut“ – auf Platz 40. --- Die Journalisten mögen zwar eine umstrittene Zunft sein, kurzatmig und bei der Themenauswahl immer mit einem Auge auf die Konkurrenz schielend. Aber ihr Radar und ihre Professionalität funktionieren. Was in Jahrzehnten an Handwerk und Infrastruktur wie Korrespondentennetzen entwickelt wurde, holen enthusiastische und ehrenamtliche Nutzer nicht in wenigen Monaten auf. Eine Zeitung auf hohem Niveau lässt sich offenbar noch nicht nach dem Motto „Global denken – lokal handeln“ von Laien realisieren, die frei von Auflagendruck und Ideologien schreiben können. Denn die leben in Berlin oder Bückeburg und eben nicht in Beirut. --- Sicher gibt es seit Jahren etwa eine User-Zeitung wie Indymedia, wo Berichte aus aller Welt zu aktuellen Ereignissen gepostet werden, so auch zum aktuellen Libanon-Krieg. Aber hier schreiben Interessierte für Interessierte – also eine Minderheit für sich selbst. Das macht die Sache nicht schlechter, aber es hat noch nichts mit Gillmors These „We The Media“ zu tun. Einmal ganz abgesehen davon, dass auch auf Indymedia, mangels Redaktion, immer wieder zweifelhafte Beiträge aufgetaucht sind, die man durchaus als antisemitisch einstufen kann. --- Für die etablierten Medien ist dies dennoch kein Grund, sich zufrieden zurückzulehnen. Denn auch sie haben in ihren Online-Ausgaben noch nicht annähernd die Möglichkeiten des Netzes ausgelotet. Wer etwa auf Spiegel online einen Artikel zum neuen Krieg im Nahen Osten aufruft, sucht vergeblich nach sorgfältig aufbereitetem Kontext-Material. Nicht einmal eine Chronologie der Ereignisse aus den letzten neun Tagen gibt es, geschweige denn eine Einordnung des aktuellen Krieges in die Geschichte des Nahostkonflikts in den vergangenen 100 Jahren, seit die Bewegung des Zionismus zur Gründung eines Staates Israel aufrief. Da bleibt am Ende doch nur die Suche in Google oder Wikipedia - das gilt im übrigen auch für Indymedia. --- Aber die etablierten Verlagshäuser haben bis heute nicht begriffen, dass es beim Online-Journalismus nicht nur um Geschwindigkeit, sondern vor allem um Informationstiefe geht. Denn die kann nur das Netz leisten. Keine Zeitung kann es sich erlauben, Tag für Tag, Woche für Woche Hintergrund-Dossiers zu Dauerbrennern wiederholt abzudrucken. Für Online-Nachrichtenseiten wäre es nicht nur technisch machbar, sondern müsste geradezu Teil ihres eigenen Berufsethos sein. --- Nun kann man die Readers Edition der Netzeitung als für neuen Online-Journalismus oder Web 2.0 nicht repräsentativen PR-Gag abtun. Die Netzeitung wurde von der etablierten Konkurrenz schon immer als Agenturmeldungsabwurfstelle geschmäht. Wer die Seite über die Jahre verfolgt hat, muss aber anerkennen, dass dort konsequenter als anderswo versucht worden ist, die Möglichkeiten des Webs auszunutzen. Ob mit bestechender Qualität, steht auf einem anderen Blatt. --- Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich finde Dienste wie Indymedia oder die Netzeitung Readers Edition ebenso wie persönliche Blogs, etwa aus Beirut, beeindruckend und enorm wichtig, um den Wissenssstand einer mäßig informierten Öffentlichkeit zu erweitern. Aber wir sollten nicht, nur weil es in Zeiten des Web 2.0 gerade hip ist, die etablierten Medien als Auslaufmodell betrachten. Deren Handwerk kann den Versuchen, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen, nur als Messlatte dienen, die das Projekt „We The Media“ mindestens schaffen muss. Davon sind wir noch einige Jahre entfernt. [nbo / 7. August 2006 ]

Readers Edition der Netzeitung
"We the Media" bei O'Reilly

 

Nano-wie

Deutsch, heißt es, ist eine sehr präzise Sprache. Sie schreckt nicht vor wahren Wortungetümen zurück, um einen Sachverhalt so eindeutig wie möglich zu beschreiben. Aber offenbar schützt dieser Hang zur Genauigkeit nicht vor Schlampigkeiten. „Nanotechnologie“ ist eine davon. Vor einigen Tagen erst musste ich mir erst wieder sagen lassen, in einem deutschen Ministerium sei man regelrecht „in Ohnmacht“ gefallen, dass ich darauf bestünde, es heiße „Nanotechnik“. Höchste Zeit für eine Klärung – denn es handelt sich hierbei mitnichten um eine Geschmacksfrage. -- -- Sprachpuristen verweisen gerne leicht säuerlich darauf, „Technologie“ sei nur ein Anglizismus. Das stimmt nicht: Im deutschen Sprachraum wurde es im 18. Jahrhundert von Johann Beckmann (1739 – 1811) eingeführt, der es als eine Wissenschaft verstand, die „die Gesamtheit der in den verschiedensten Gewerben vorkommenden einzelnen Verfahrensweisen“ untersucht. So wie Biologie die Wissenschaft vom Leben ist, meint Technologie dann die Wissenschaft von der Technik. In diesem Sinne ist es bis heute von Technikforschern wie Johannes Müller oder Günter Ropohl – der seine 1979 erschienene „Systemtheorie der Technik“ mit „Zur Grundlage der Allgemeinen Technologie“ untertitelte – verwendet worden. -- -- Der generische Begriff des Gegenstandes selbst ist im Deutschen immer „Technik“ gewesen, wie man noch an langgedienten Bezeichnungen wie Verfahrens- oder Elektrotechnik sieht – oder hat etwa schon mal jemand Elektrotechnologie studiert? Im Englischen hingegen ist „Technology“ auch der allgemeine Begriff. Als Norio Taniguchi 1974 erstmals in einem Aufsatz den Begriff „Nanotechnology“ verwendete, den einige Jahre später Eric Drexler populär machte, hätte man ihn also mit „Nanotechnik“ übersetzen müssen. -- -- Aber da war im deutschen Sprachraum längst das „Denglisch“ auf dem Vormarsch. Der schleichende Übergang von „Technik“ zu „Technologie“ hatte auch politisch einen Vorteil. Die Anti-Atomkraft-Bewegung wurde fälschlich so gedeutet, dass die Deutschen im Begriff seien, sich in ein Volk von Technikfeinden zu verwandeln (in Wirklichkeit hatten viele AKW-Gegner vom komplexen Wesen der Technik mehr begriffen als so mancher Ingenieur). Wo „Technik“ also angeblich nicht mehr wohlgelitten war, bot „Technologie“ den Ausweg. Ein trendiger, unverbrauchter Begriff, der Fortschritt und Innovation suggeriert. -- -- Das Ergebnis dieser Verwirrung kann man nun auf jeder Podiumsdiskussion zu den Risiken der Nanotechnik erleben. Da winden sich Forscher unter kritischen Fragen und entgegnen, es sei zu pauschal, von Risiken „der Nanotechnologie“ zu sprechen. Man müsse doch bitte schön präzisieren, von welcher Nanotechnologie die Rede sei. Denn die sei doch eine „Querschnittstechnologie“ (also die Wissenschaft von der Querschnittstechnik, oder wie?). -- -- Diese Irreführung könnten wir uns sparen, wenn wir über „Nanotechnik“ sprechen würden. Denn bei dieser handelt es sich um Technik an sich, die auf der Nanoskala operiert. -- -- Der Unterschied ist wichtig, denn Nanotechnik markiert dann einen Epochenbruch in der Geschichte der Technik. Den hat Gerd Binnig, der Erfinder von Rastertunnel- und Kraftmikroskop, sehr treffend als „grundlegend neue Evolution materieller Strukturen“ charakterisiert. Und diese Evolution bedeutet nichts weniger als die Aufhebung der Trennung von belebter und unbelebter Materie, denn der Nanobereich befindet sich unterhalb der Zellebene. -- -- Die möglichen Konsequenzen könnten weitaus umfassender sein, als eine leicht variierte Feinstaubdebatte über die mögliche Toxizität von Nanopartikeln vermuten lässt. Diese Konsequenzen werden wir aber nicht abschätzen können, solange nur von „Nanotechnologie“ die Rede ist, was in Anlehnung nicht viel mehr bedeutet als eine Sammelbeschreibung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und Verfahren zur Herstellung ganz bestimmter Produkte – wie etwa selbstreinigender Kloschüsseln (eine chemische Nanotechnologie). -- -- Nanotechnik hingegen ist eine Herausforderung, vor der die Atomkraft eines Tages wie ein überschaubares Problem aussehen könnte. [nbo / 12. Mai 2006 ]


 

Abgründe der Bionanotechnik

Was vergangene Woche im Londoner Northwick Park Hospital passiert ist, kann man getrost als GAU beim Testen neuer Medikamente ansehen. Sämtliche sechs reale Probanden eines Versuchs mit dem Mittel TGN1412, das eines Tages gegen Leukämie und Autoimmunkrankheiten helfen sollte, sind innerhalb einer Stunde lebensgefährlich erkrankt. Ihre körpereigenen T-Zellen reagierten so heftig auf das Präparat, dass sie multiples Organversagen auslösten. Angehörige berichten, dass die Probanden sich binnen kurzem in Ebenbilder des berühmten Elefantenmenschen verwandelten: mit grotesk angeschwollenen Köpfen und purpur verfärbten Gliedmaßen. Der erste Gedanke vieler Zeitgenossen dürfte den dunklen Machenschaften der Pharmaindustrie gegolten haben. Nicht ganz zu Unrecht: Der Vioxx-Skandal ist noch in guter Erinnerung, und das Magazin Nature berichtet in seiner aktuellen Ausgabe, dass hässliche Daten in den Testberichten der Pharmaindustrie immer wieder unter den Teppich gekehrt werden. Das mag in diesem Fall gar nicht so gewesen sein, denn die vorklinischen Tierversuche haben für einen solchen Unfall keinerlei Anhaltspunkte gegeben. Beunruhigend finde ich den Vorfall aus einem anderen Grund: Wir haben hier vielleicht den Proof-of-Principle einer hässlichen neuen B-Waffe erlebt, wie sie die rasant fortschreitende Bionanotechnik demnächst ermöglicht – und kaum vorhersehen kann. Denn die Möglichkeit einer „Superstimulierung“ durch T-Zellen, die offenbar zu der Katastrophe führte, wurde noch im vergangenen Jahr in einem Paper in Nature Biotechnology für unmöglich gehalten. Im Unterschied zu anderen monoklonalen Antikörpern aktivierte TGN1412 die T-Zellen offenbar ohne einen zweiten molekularen Auslöser, der sonst die Abwehrreaktion auf ein bestimmtes Gewebe beschränkt. Die Biotechnik betrachtet den menschlichen Körper seit langem als superkomplexe molekulare Maschine. Doch trotz aller Erfolgsmeldungen, die wöchentlich durch die Nachrichtenticker rauschen, hat sie es bislang nicht zu einem detaillierten Verständnis dieser Maschine gebracht. Die Überraschung der Wissenschaftler angesichts des Vorfalls erinnert mich ein wenig an die Hilflosigkeit eines kenianischen Taxifahrers, der uns im vergangenen Jahr irgendwann in einer Geröllwüste aussteigen ließ, weil der Motor den Geist aufgegeben hatte. Als er die Motorhaube öffnete, sahen wir, dass er die Batteriekontakte mit einer Badelatsche festgeklemmt hatte. Werkzeug hatte er nicht – und Ahnung von Motoren erst recht nicht. Aber das war gottseidank nur ein Auto. Nun ist nicht zu erwarten, dass das Maschinenparadigma des menschlichen Körpers in absehbarer Zeit fallen gelassen wird. Aber vielleicht beschleunigen solche Unfälle wie bei dem Londoner Test den Einsatz von Simulationen. Vor Jahren sagte mir der Technikphilosoph Walther Christoph Zimmerli einmal, dass er darin eine Chance der Nanotechnik sehe. Weil das Verständnis der molekularen Zusammenhänge dank neuer Werkzeuge uns immer erst von Computern übersetzt werden muss, könnte man auch die Folgen von Prozessen im Nanokosmos – und um solche handelt es sich auch bei Immunreaktionen – erst einmal simulieren. Die jüngsten Entwicklungen in der Supercomputertechnik geben uns zum ersten Mal eine realistische Chance, auch Zellprozesse zu simulieren, wie eine erste vollständige Virussimulation von Forschern der University of Illinois gerade gezeigt hat. Dann müssten nicht Versuchspersonen für 2000 Pfund ihr Leben aufs Spiel setzen – und potenzielle B-Waffen-Konstrukteure würden nicht so billig zu einer Inspiration kommen. [nbo / 20. März 2006 ]

New Scientist: Catastrophic immune response may have caused drug trial horror
University of Illinois: Researchers simulate complete structure of virus–on computer

 

Die Illusion der Wahlfreiheit

Als ich kürzlich auf dem 22. Chaos Communication Congress war, konnte ich eine gewisse Ernüchterung hinsichtlich des Kongressthemas „Private Investigations“ spüren. Der Kampf für Datenschutz und Privatsphäre sei wohl verloren, meinten nicht wenige. Wie es scheint, geht eine weitere wichtige Auseinandersetzung verloren: die um die Wahlfreiheit der Verbraucher bei gentechnisch manipulierten Lebensmitteln. Die Greenpeace-Gruppe Bodensee schreibt in ihrer jüngsten Pressemitteilung, in zwei von fünf Futtermittelproben von Landliebe-Milchlieferanten seien Spuren von Gen-Soja nachgewiesen worden. Ausgerechnet Landliebe, das jene altmodisch gestylten Milchprodukte herstellt und das Image eines verantwortungsvollen Lebensmittelproduzenten pflegt. Liegen die Greenpeace-Aktivisten mit ihrer Analyse richtig, wäre dies ein echter Hammer. Denn in einem Fall soll das verwendete Futter zu 100 Prozent aus Gen-Soja bestanden haben. Mag sein, dass Landliebe davon nichts wusste – auf der Webseite des Unternehmens gibt es bislang noch keine Stellungnahme. Es würde auf jeden Fall bedeuten, dass der skeptische Verbraucher auch in Europa nicht mehr sicher sein kann, dass sein Teller gentechnikfrei bleibt, nur weil er auf qualitätsbewusste Hersteller vertraut. Aber vielleicht ist dies nur eine Luxushaltung wohlhabender Westler, die sich bald erledigt hat. Glaubt man Wissenschaftlern wie dem Reisforscher John Sheehy am International Rice Research Institute (IRRI) auf den Philippinen, wird mindestens der Reis der Zukunft gentechnisch verändert werden müssen. Nicht aus Profitgier, sondern wegen des Klimawandels. Denn inzwischen liegen am IRRI erste Daten vor, die zeigen, dass die globale Erwärmung den Reisertrag mindert: um etwa zehn Prozent pro Grad Temperaturanstieg. Dass man dem mit einer Ausweitung der Reisanbauflächen begegnet, hält Sheehy für ausgeschlossen. Es gebe weltweit keine nennenswerten erschließbaren Flächen mehr. Sein Lösungsansatz: mittels Gentechnik robustere und ertragreichere Reissorten zu züchten. So werden wir dann in zwanzig Jahren beim Asiaten um die Ecke sitzen, ein Curry mit Genreis essen, in die Überwachungskamera des Restaurants grinsen und uns tolle Räuberpistolen der technikpolitischen Kontroversen aus der Zeit der Jahrtausendwende erzählen – als wir glaubten, noch die Wahl zu haben. [nbo / 9. März 2006 ]

Pressemitteilung von Greenpeace, Gruppe Bodensee

 

Ingenieure der Wahrheit

Wieder einmal erschüttert ein Fälschungsskandal die Wissenschaft: Auch ältere Arbeiten des südkoreanischen Klonforschers Hwang Woo-Suk, lange als Durchbruch in der Stammzellforschung gefeiert, sind sämtlich als unhaltbare Konstruktionen entlarvt worden. Nun steht Hwang als ein schwarzes Schaf der Wissenschaft dar, der von Eitelkeit und nationaler Prestigesucht getrieben wurde. Ansonsten herrscht Ratlosigkeit: „Es ist schwierig, in dieser sich schnell entwickelnden Story klar zu sehen“, heißt es im Editorial der Januar-Ausgabe von Nature Biotechnology. Das Gegenteil ist der Fall. Denn derartige Fälschungen sind kein Unfall, sondern ein Fehler im Wissenschaftssystem, wie es sich im 20. Jahrhundert entwickelt hat. Der Wissenschaftshistoriker Federico di Trocchio hat in seinem Buch „Der große Schwindel“ schon vor über zehn Jahren richtig festgestellt, dass „die Verfügungsmacht der Finanzierungsgremien über die Forschung jene intellektuelle Autonomie beseitigte, die Wissenschaftler und Künstler immer gefordert hatten“. Forschung ist längst Bestandteil nationaler Wirtschaftspolitik im Wettbewerb der „Standorte“ geworden, intellektueller Rohstoff auf der Jagd nach raschen Innovationen, ohne die der moderne Kapitalismus nicht mehr auskommt. Das landläufige Bild von Wissenschaft hat mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten. Daran ist der Wissenschaftsbetrieb nicht unschuldig. Noch immer werden Entdeckungen als Heldensagen zelebriert, in denen geniale Geister der Natur ein wenig Wahrheit ablauschen, ohne auf materielle Vorteile aus zu sein. Das mag bis zum 19. Jahrhundert gegolten haben, in dem Köpfe wie Dalton, Darwin oder Maxwell die Grundlagen ihrer Wissenschaften erarbeiteten. Einstein ist wahrscheinlich der letzte dieser Art gewesen, der seine bahnbrechenden Theorien nicht in einem ökonomisierten Forschungskomplex entwickelte, in den die Universitäten schon eingebunden waren. Fälschungen ausschließlich auf einen kapitalistischen Kontext zurückzuführen, greift jedoch zu kurz. Mit verantwortlich ist auch die Art und Weise, in der die Wissenschaft ihre Arbeit selbst begreift. Indem Theorien sich immer weiter ausdifferenzieren, schrumpft der Spielraum für Unvorhergesehenes. Der Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn hat – zum Ärger der forschenden Geister – die normale Wissenschaft als „Rätsellösen“ charakterisiert: Es geht nicht darum, interessante Fragen aufzuwerfen, sondern fehlende Antworten zu finden. Forschung wird zum Denksport, wie schon jeder Student der Naturwissenschaften früh lernen muss: Experimentelle Ergebnisse, die nicht zur Theorie passen, gelten zuerst als persönliches Unvermögen und nicht als die Möglichkeit, dass eine Theorie die komplexe Wirklichkeit einer Versuchsanordnung nur unvollständig beschreibt. So wandelt sich Wissenschaft von der Suche nach zum Engineering von Wahrheit – ganz im Sinne unseres von Technik durchdrungenen Zeitalters, in der praktische Verwertbarkeit von Erkenntnissen oberstes Gebot ist. [nbo / 19. Januar 2006 ]

Nature News: Woo Suk Hwang Special

 

Evolutionskampf im Internet

Die Farce, die sich im Hause Sony abspielt, ist beachtlich. Erst die MP3-Revolution ignoriert. Dann – als Schöpfer des legendären Walkman – das Geschäft mit tragbaren digitalen Musikplayern verschlafen. Und jetzt noch ein PR-Desaster ersten Ranges, als man Kunden über Sony-CDs ein kriminelles Kopierschutzprogramm auf den Rechner schmuggelte, das sich unbemerkbar und unlöschbar einnistete. Dafür wandern „Hacker“ sonst ins Gefängnis. Nach einem internationalen Aufschrei hat Sony eine Software zum Deinstallieren veröffentlicht und 4,7 Millionen betroffene CDs zurückgenommen. Da lacht des Zynikers Herz. Jenseits aller Schadenfreude markiert der Sony-Fehltritt aber einen Wendepunkt in der digitalen Zivilisation. Denn wie es aussieht, stammen Teile des Kopierschutzprogramms aus frei zugänglicher Open-Source-(OS)-Software – also aus jener Cyberkultur, in der die Old Economy die blanke Anarchie wähnt. Weit gefehlt: Auch die OS-Software verfügt über ein juristisch bindendes und durchdachtes Urheberrecht. Es besagt, dass Programme, die aus OS-Software abgeleitet sind, selbst wieder den OS-Status bekommen müssen. Pech aber auch. Dieses Urheberrecht hat Sony bzw. der Zulieferer First 4 Internet offenbar verletzt. Wahrscheinlich nicht einmal aus Dreistigkeit, sondern weil die Architektur des Cyberspace längst zu komplex ist. Die Kultur des Teilens im Netz, zu der auch OS-Software gehört, ist inzwischen so tief ins Netz eingewoben, dass das alte Modell aus einklagbaren Lizenzen und Quasimonopolen nicht mehr automatisch durchgreift. Sie breitet sich langsam, aber sicher wie ein Dawkins’sches „Mem“, eine Art kulturelles Gen, aus. Wie erfolgreich dieses Mem ist, zeigt auch der Boom des „Web 2.0“, das seit letztem Jahr nicht nur San Francisco euphorisiert. Blogs, freie Archive wie der Fotospeicher Flickr und neue soziale Netzwerkdienste, sie alle sind von dem Geist getragen, dass das Teilen von Informationen cool ist. Die Dinosaurier starben aus, weil sie in einer veränderten Welt nicht mehr zurecht kamen. Das wird digitalen Saurieren wie Sony nicht anders gehen. Die unselige Gesetzesvorlage zur Kriminalisierung freier Software, die gerade in Frankreich vor der Abstimmung in der Nationalversammlung steht, wird daran nichts ändern. Sie beweist nur, dass die Saurier genau verstanden haben, welches Stündlein ihnen geschlagen hat. Nehmen wir's also ganz gelassen. [nbo / 8. Dezember 2005 ]

New Scientist: Anti-piracy software accused of license violation
heise.de: Frankreich plant drastische Verschärfung des Urheberrechts

 

Wie wäre es mit Slow Tech?

Lange kursierte es als Rohfassung im Internet, nun hat der Erfinder und Visionär Ray Kurzweil sein Technik-Manifest veröffentlicht: „Singularity is near" – die Singularität naht. Das ist in der Mathematik jener Wert, für den eine Exponentialkurve den Wert unendlich annimmt. Kurzweils These: Genau das blüht uns mit dem Tempo des technischen Fortschritts. Es nimmt exponentiell zu, bis der Mensch mit einer neu entstandenen Maschinenintelligenz verschmilzt und das Universum als ganzes „erwacht". Das ist die Singularität der Evolution. Bis dahin werden wir einen immer schneller rasenden Wandel aushalten müssen. Kurzweil findet das verschmerzbar, weil wir am Ende unsterblich würden. Die meisten anderen werden sich an den Kopf fassen. Noch mehr Tempo? Längst tauchen auch Jüngere vor der unablässigen Innovationswelle ab. Diese Unlust spürt auch die Computerindustrie: Die Nutzer lassen ganze Rechner- oder Softwaregenerationen aus, anstatt ständig das aktuellste Modell zu kaufen. Ein aktueller Werbespruch trifft die Stimmung exakt: „Ich will einfach nur telefonieren." Nicht fotografieren, Videos ansehen oder Musik hören. Man kann das als uncoole Renitenz abtun. Möglicherweise ist es aber einfach dieselbe gesunde Geisteshaltung, die zur Slow-Food-Bewegung geführt hat: Genuss statt Hast. Vielleicht entsteht da eine „Slow-Tech-Bewegung", die alle Innovationen aussortiert, die nicht problem-, sondern marketinggetrieben sind. Symbol: ein schwarzes Bakelit-Telefon mit Wählscheibe. So eins schenken wir dann Ray Kurzweil zum Unendlichsten. [nbo / 7. Oktober 2005 ]

Kurzweils Seite zum Buch "Singularity is near"
Da hat jemand tatsächlich slowtech.org angemeldet!

 

Nanotechnik: Raus aus dem Labor, rein in die Öffentlichkeit

Seit längerem gibt es Hinweise, dass Nanopartikel nicht nur Wunder bewirken, sondern unter Umständen auch toxisch sein können. Die Nanotech-Gemeinde versichert angesichts dessen zwar, dass man einen Dialog mit der Öffentlichkeit darüber führen wolle. Schließlich wolle man "aus den Fehlern der Gentechnikdebatte lernen". Aber passiert ist bislang so gut wie nichts. Jetzt haben Greenpeace UK und die britische Tageszeitung Guardian gemeinsam mit Wissenschaftlern der Universitäten Cambridge und Newcastle die Debatte die Initiative ergriffen: Sie riefen die so genannte "Nanojury" ins Leben. Dieses Komitee aus zwanzig Bürgern, das erste zum Thema in Europa, hat gestern nach fünfwöchiger Beratung mit Experten und Kritikern sein "Urteil" über die neue Technik abgegeben: zehn vorläufige Empfehlungen an Politik und Nanoforschung. Wenn öffentliche Gelder investiert werden, sollten sie in langfristige Themen wie Gesundheit und Umweltprobleme fließen, empfiehlt die Nanojury unter anderem. Vor allem solle die Entwicklung neuer Technologien der Solarenergie gefördert werden. Auch auf die Frage, wie mit den möglichen Gefahren von Nanomaterialien umgegangen werden soll, hat die Jury ebenfalls eine klare Antwort: "Künstlich hergestellte Nanopartikel sollen vor einer Freisetzung in einer kontrollierten Umgebung getestet werden, als ob es sich um neue Stoffe handelt." Zudem sollten sie "klar gekennzeichnet werden". Damit folgen die Bürger den Empfehlungen, die bereits die britische Royal Society oder die Rückversicherung Swiss Re ausgesprochen hatten. Denn Stoffe, die bisher als nicht giftig bekannt sind, können im Nanoformat toxisch sein. Vor allem die Industrie konnte sich mit den Konsequenzen bislang nicht recht anfreunden, denn im Prinzip müssen sämtliche bekannten Materialien erneut untersucht werden - ein enormer Forschungsaufwand, der die Entwicklung neuer Produkte verzögern könnte. Dort hat man bislang auch Vorbehalte gehabt, ob solche Bürgerforen die komplexe Thematik überhaupt angemessen beurteilen können. Für den Physiker Richard Jones, den Vorsitzenden des wissenschaftlichen Beirats der Jury, hat die Nanojury genau das bewiesen: "Man muss kein Experte sein, um tief gehende Fragen zu stellen." Jim Thomas von der kanadischen ETC Group, die vehement die möglichen Risiken der Nanotechnik anprangert, findet gar, dass die Laien der Jury "bessere Fragen gestellt haben, als es etablierte Wissenschaftsgremien je tun". Eine Ohrfeige haben die Bürger dann auch den Fachleuten aus der Forschung ausgeteilt: "Wissenschaftler sollten ihre Kommunikationsfähigkeiten verbessern", lautet die letzte Empfehlung. Man sollte die Bürger eben nicht unterschätzen. [nbo / 22. September 2005 ]

Die Homepage der Nanojury (auf der die Empfehlungen veröffentlicht sind)

 

It's the energy, stupid!

Wenn hierzulande von Hightech die Rede ist, sind meistens Bio- und Informationstechnik gemeint. Auch die Nanotechnik, die in keinem Strategiepapier oder Wahlprogramm fehlt, wird oft auf den Kampf gegen unheilbare Krankheiten und die Suche nach noch kleineren, leistungsfähigeren Computerchips reduziert. Sicher zwei wichtige Herausforderungen für die nächsten Jahrzehnte. Doch es gibt mindestens eine Dritte, die uns in diesen Tagen nach der Katastrophe von New Orleans an jeder Tankstelle in Form von heftigen Benzinpreisen entgegenschlägt: eine wirklich zukunftsfähige Energietechnik. Während viele Zeitgenossen damit hässliche, laute Windräder verbinden oder angeblich Arbeitsplätze vernichtende Auflagen, ist Energietechnik inzwischen vor allem eines: eine Hochtechnologie, wie drei Beispiele zeigen. Leuchtdioden sind die effizientesten Lichtquellen, die bislang ersonnen wurden und schon bald vom TV-Bildschirm bis zur Wohnzimmerlampe einsetzbar. Würde China 40 Prozent seiner Glühbirnen gegen Leuchtdioden austauschen, könnte es 100 Milliarden Kilowattstunden sparen – die Energiemenge, die der umstrittene Drei-Schluchten-Staudamm ab 2009 jährlich produzieren soll. Ist schon die Energienutzung nicht optimal, mutet unsere Energieversorgung geradezu absurd an. Die Vitalität der westlichen Zivilisation hängt über einige Pipelines an erschreckend wenigen Öl- und Gasfeldern wie ein Fötus über die Nabelschnur an seiner Mutter. Nanoenergietechnik hingegen könnte die überfällige Abnabelung ermöglichen. Nanosolarzellen sind so flexibel einsetzbar, dass sie bald die künstliche Photosynthese verwirklichen können. Nicht nur Dächer, jede dem Sonnenlicht ausgesetzte Oberfläche könnte mit diesen hauchdünnen Schichten versehen werden. Und im Nanomaßstab verbesserte Materialien verbessern den Wirkungsgrad von Brennstoffzellen und die dazu nötigen Wasserstoffspeicher derart, dass das Heimkraftwerk im Keller nur noch eine Frage der Zeit sein dürfte. „It’s the energy, stupid!“ möchte man den Wahlkämpfern, vor allem im schwarz-gelben Lager, zurufen. Denn wenn die Nabelschnur reißt, erübrigen sich alle Steuerdebatten. Nicht das Steuersystem, eine zukunftsfähige Energieinfrastruktur ist die erste Voraussetzung für eine funktionierende Zivilisation. [nbo / 9. September 2005 ]


 

Warten auf die Google-Box

Das Tempo, mit dem Google neue Dienste veröffentlicht, wird immer rasanter. In der vergangenen Woche waren es gleich zwei: das Instant-Messaging-System Google Talk und ein aufgemotzter PC-Suchbalken. Der listet in einer schmalen Fensterleiste aktuelle Suchergebnisse, News und eingegangene Emails auf. In der Pipeline sind weitere hübsche Ideen. So kann man in Großbritannien und den USA Google per SMS nach Kinofilmen, Restaurants oder Geschäften in der Umgebung fragen. Der Preisvergleichsdienst Froogle läuft in beiden Ländern ebenfalls schon auf dem Handy. Nicht jedem ist wohl bei so viel Innovation. Wie ein gallertartiges Infomonster in einem Sciencefiction-Film der Siebziger scheint Google aus dem Netz auf sämtlichen Bildschirmen hervorzuquellen. Dabei nistet es sich bevorzugt auf Windows-Rechnern ein. Schon sehen Auguren am Horizont einen Angriff auf das Microsoft-Imperium: die Entwicklung eines Google-Computerbetriebssystems – kurz Google OS getauft –, das Windows den Rang ablaufen könnte. Und die beiden Firmengründer Sergey Brin und Larry Page werden zur nächsten Inkarnation des Bösen nach Bill Gates aufgebaut. Eine hübsche Verschwörungstheorie, aber irgendwie 90er Jahre Old-School. Es ist alles ganz anders. In Wahrheit haben Page und Brin eine geheime Mission: Sie bauen den „Hitchhiker’s Guide to Planet Earth“. Eine Erdversion jenes galaktischen Almanachs, den Douglas Adams in „Per Anhalter durch die Galaxis“ vorstellte. Wie man hört, wird die Google-Zentrale von den Angestellten „Googleplex“ genannt – nach dem genialen Sternendenker aus dem Adams’schen Roman. Wenn das kein Indiz ist. Nein, die Zukunft ist nicht ein Google OS, sondern die Google-Box: Ein PDA-artiges Gerät mit drahtloser Internetanbindung und Satelliten-Link, in dem Google für uns alle erdenklichen Informationen im Daten- und Wissensgestrüpp dieses Planeten findet und miteinander in Beziehung setzt. Der ultimative Reisebegleiter für den Erdenbürger des 21. Jahrhunderts. Und auf dem Startbildschirm steht dann: „Don’t panic“. Denn Google ist nicht böse. [nbo / 1. September 2005 ]

Google Labs

 

Wie baue ich mir ein Problem?

Glauben wir den aseptisch ausgeleuchteten Broschüren moderner technologie-orientierter Unternehmen, meint Technik die Lösung unserer Probleme. Eine bessere Welt tut sich auf – zum Beispiel in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Nachdem Menschenrechtsgruppen jahrelang gegen die Unsitte protestiert hatten, Kinder als Jockeys bei Kamelrennen zu mißbrauchen, hat die Regierung deren Mindestalter im Juli auf 18 Jahre festgesetzt. Was machen nun die Kamelrennställe? Sie kaufen in der Schweiz Roboter-Jockeys zu 5500 Dollar das Stück. Die sind genauso leicht wie Fünfjährige und lassen sich obendrein noch fernsteuern. Per Knopfdruck kann der Besitzer den Roboreiter sogar die Peitsche schwingen lassen. Wenn das keine tolle Lösung ist. Der gesunde Menschenverstand weiß es besser: Technische Lösungen sind der Anfang aller Probleme. Denn so geht die Geschichte weiter. Im Juni 2014 bringt eine japanische Firma einen künstlichen Jockey auf den Markt, dessen überlegene Sensoren jede Fernsteuerung überflüssig macht. Ja, sogar menschliche Jockeys übertrifft, weil der Muskelapparat des Kamels permanent gescannt und analysiert werden kann. Der Robot kann daraus die optimale Zügelhaltung und Peitschenhäufigkeit berechnen. Mit Erfolg: Die bisherige Rekordzeit wird um sagenhafte zwei Minuten unterboten. Problem: Das Kamel ist so erschöpft, dass es monatelang nicht mehr ins Rennen geschickt werden kann. Tierschützer protestieren aufs Schärfste. Im April 2025 überrascht ein US-Technologie-Konsortium mit einem unglaublichen Coup: einem Roboterkamel, das dem Emir von Abu Dhabi geschenkt wird. Der erste Testlauf gerät jedoch zum Fiasko: Roboterkamel und Roboterjockeys entpuppen sich als inkompatibel. Schuld ist eine fehlerhafte Schnittstellenspezifikation, die nach wenigen Monaten korrigiert ist. Im Oktober 2027 kontert der japanische Konkurrent: Er präsentiert ein Roboterkamel, in das der Jockey schon integriert ist. Ein heftiger Streit entspinnt sich, ob das nicht regelwidrig sei. Darf ein Kamel ohne sichtbaren Jockey in ein Rennen gehen? Und eine „Assoziation unabhängiger Roboterfreunde“ protestiert mit Happenings in Abu Dhabi, die arbeitslosen Jockeymodelle ins Elektroschrottrecycling zu geben verletze die Roboterwürde. Dabei hätte alles so einfach sein können. Man hätte nur erwachsene Männer auf die Kamele setzen müssen – so wie in früheren Jahrhunderten. [nbo / 15. August 2005 ]

New Scientist: Robot camel-jockeys take to the track
cnet: Robot Giddyap! (Fotostrecke)

 

Ein atomarer "Greifarm"

Neulich in San José: Ich sitze mit einigen anderen Journalisten im IBM Almaden Research Center in jenem legendären Labor, in dem 1989 zum ersten Mal mit Atomen geschrieben wurde. Damals entdeckten Don Eigler und seine Mitstreiter, dass sich mit Rastertunnelmikroskop (STM) Atome nicht nur abbilden, sondern auch verschieben lassen. Ergebnis war der Schriftzug "IBM" aus 38 Xenon-Atomen. Heute führen Andreas Heinrich und Chris Lutz das Labor. Und was sie da so en passant erzählen, während wir wie kleine Kinder mit dem STM aus Kohlenmonoxid-Molekülen Smileys bauen, ist eine Sensation. Vor zwei Monaten haben die beiden entdeckt, dass sich Atome nicht nur verschieben lassen, sondern wie sie mit der Spitze des STM wie mit einem Greifarm - zugegeben ein schiefes Bild, den gegriffen wird nicht - reproduzierbar (!) anheben und irgendwo anders wieder absetzen lassen. Es war wie so oft eine Zufallsentdeckung, als magnetische Manganatome an der Spitze hängen blieben. Eigentlich experimentierten die beiden mit magnetischen Materialien, um neue Erkenntnisse für die so genannte Spintronik, also die Informationsverarbeitung mit Elektronenspins, zu gewinnen. Ihre Entdeckung zeigt hingegen, dass das umstrittene Konzept molekularer Roboterarme, 1986 von Eric Drexler in "Engines of Creation" vorgestellt und seitdem oft belächelt, im Prinzip funktioniert. "Das kommt Drexlers Nano-Assemblern bisher am nächsten", räumt Andreas Heinrich ein, als ich ihn darauf anspreche. Ein wissenschaftliches Paper gibt es zu der Entdeckung bisher nicht. "Das kann man aber nur auf wenigen Oberflächen machen", schränkt er gleich ein. Nur Kristallstrukturen kommen in Frage, auf denen seitwärts wirkende Kräfte schwach sind, zum Beispiel auf einem Kupfer-(1,1,1)-Kristall. Ob es je mit nichtmetallischen, nichtmagnetischen Atomen wie Kohlenstoff funktioniert - das war nämlich Drexlers Idee -, ist unklar. Aber es zeigt, dass die Nanotechnik noch viele Überraschungen bringen wird. Wir können gespannt sein. [nbo / 27. Juli 2005 ]

Homepage des IBM Almaden Research Center

 

Der Supreme Court und die Orwellsche Technosphäre

Der Supreme Court hat gesprochen: P2P-Netzwerke wie Grokster sind künftig haftbar für Copyright-Verletzungen, die dort getauscht werden. Eine Überraschung ist das nicht angesichts des repressiven Umgangs mit Technologien zur Verbreitung digitaler Produkte in den letzten Jahren. 1984, im Referenzfall, wurde Sony noch freigesprochen, mit der Technologie der Videorecorder Copyright-Verletzungen zu ermöglichen. 21 Jahre später wird hingegen digitale Kreativität per se kriminalisiert. Denn de facto wird damit freies und lizenzpflichtiges Copyright in einen Topf geworfen: Wer als Privatperson oder Independentfilmer/-musiker seine Werke in die Öffentlichkeit bringen will, kann dies nach diesem Urteil praktisch nur noch per Mailingliste oder eigener Website tun, denn in letzter Konsequenz bedeutet das Urteil, das P2P-Netzwerke jederzeit geschlossen werden können. Damit ist eine Entwicklung, die schon John Gilmore von der Electronic Frontier Foundation und Larry Lessig angeprangert haben, auf ihrem vorläufigen Höhepunkt angekommen. Schon die früheren Hifi-CD-Brenner, etwa von Philips, machten keinen Unterschied, ob es sich bei gebrannten Songs um Eigenkreationen oder gerippte CDs handelt. Kopieren von bereits gebrannter Musik wurde technisch blockiert, selbst wenn es sich um Stücke handelte, die man selbst mit der eigenen Band aufgenommen hatte. Im Namen des Big Business werden also die bahnbrechenden Veröffentlichungsmöglichkeiten des Netzes für Independent-Künstler gesperrt – direkt an der Wurzel, auf der technischen Ebene. Die Sicherung von Lizenz-Millionen ist wichtiger als eine prosperierende Kultur. Wie sollen wir damit umgehen? So wie im Falle von Linux einfach eine Paralleltechnologie zu Windows oder Unix zu entwickeln, scheint in diesem Fall unmöglich, denn hier wurde eine Technologie an sich unter Vorbehalt gestellt. Selbst wenn alle Grokster-User nur freies Material anbieten würden, könnte immer noch ein Industrie-Troll geschütztes Material einspeisen, so dass Grokster wiederum auf dem Klageweg fertig gemacht würde. Einem Troll seine Identität als Agent Provocateur nachzuweisen, ist unmöglich. P2P-Netzwerke sind der Willkür des Big Business schutzlos ausgeliefert. Die einzige Antwort kann nur ein langsamer zäher Kulturkampf für eine offene Technosphäre sein, die Befreiung des Codes. Beginnen müsste man eigentlich mit einem Boykott aller Labels und Studios, die diese Entscheidung unterstützt haben. Darunter auch Apple: Werde ich meinen iPod wegschmeißen? Schlimme Vorstellung. Aber wann ist der Punkt gekommen, an dem das Maß voll ist und die eigene Bequemlichkeit zurückstehen muss? Mit diesem Urteil? Klar ist, dass es ein Meilenstein auf dem Weg zu einer geschlossenen, ja Orwellschen Technosphäre ist, vergleichbar nur mit dem Supreme-Court-Urteil von 1981, das den Weg für die Patentierung von Software, Genen oder Geschäftsideen frei machte. Was also tun? [nbo / 28. Juni 2005 ]

cnet: Supreme Court rules against file swapping
EFF: Supreme Court Ruling Will Chill Technology Innovation

 

Die Schreibtisch-Revolution

Es ist ein Kreuz mit diesen Computern. Kaum hat man sich für einen entschieden, gibt es wenig später ein neues Modell, das einen noch schnelleren Chip, eine neue Video-Schnittstelle oder eine noch größere Festplatte hat. „Nach dem Kauf ist vor dem Kauf“, könnte man in Anlehnung an den legendären Bundestrainer Sepp Herberger sagen. Nur an einer Stelle kommt der Fortschritt scheinbar nicht vom Fleck: Seit über 20 Jahren beherrscht der „Schreibtisch“ unsere Computeroberfläche. Als Apple 1984 die Technologie der Programmfenster, in den Siebzigern im Forschungslabor Xerox PARC ersonnen, auf den Mac brachte, war das eine Revolution. Es war die letzte Revolution auf dem Bildschirm. Seitdem jammern Experten für Software-Design und Benutzerfreundlichkeit auf Kongressen, es sei höchste Zeit für ein radikal anderes Oberflächenkonzept. Der Schreibtisch müsse weg, fordern sie, denn er quäle die User. Nur hat leider niemand eine bessere Idee. Selbst Apple, das kürzlich sein neues Betriebssystem „Tiger“ herausgebracht hat, hält am Schreibtisch fest. Sind dem kalifornischen Unternehmen, das uns den iPod und wunderschöne Computer beschert hat, ausgerechnet hier die Ideen ausgegangen? Seien wir ehrlich: Die „Schreibtisch“-Oberfläche ist schon die ganze Zukunft. Danach kommt nichts mehr, allem Guru-Geschrei zum Trotz. Denn es ist eine so erfolgreiche Medientechnologie wie das Buch, dessen Konzept schon seit über tausend Jahren gleich geblieben ist. Der Grund: Sie ist sofort verständlich, denn Schreibtische kennt jeder aus dem Alltag. Die muss man bekanntlich aufräumen. Ärgerlich, aber unvermeidlich. Genau hier findet der Fortschritt statt. Wie zum Beispiel mit dem „Dashboard“ in Apples „Tiger“. Mit einem Tastendruck werden etliche kleine Infofenster in den Vordergrund gezaubert, auf denen Wetterbericht, Telefonbuch, Flugplan oder Börsenkurse eingeblendet sind. Noch ein Tastendruck, und weg sind sie wieder. Oder „Exposé“, das schon im letzten Betriebssystem mitgeliefert wurde: Es blendet sämtliche Programmfenster auf einmal ein und stellt so den Überblick wieder her. Wie schön wäre das auf einem echten Schreibtisch, alle Papiere, Bücher und Utensilien würden sich für 10 Sekunden ordentlich aufreihen, so dass man nicht in Stapeln nach dem letzten Fax suchen muss. Gewöhnen wir uns doch einfach an den Gedanken, dass die Revolution in der Bedienung von Computern schon stattgefunden hat. Es wird keine runden Fenster oder etwas vergleichbar Seltsames geben. Die Oberfläche ist ein Schreibtisch. Und der Ball ist rund. Hat schon Sepp Herberger gesagt. [nbo / 27. Mai 2005 ]

The Register: Mac OS X 10.4 - more bling than bang
Apples Seite zu Mac OS X 10.4 Tiger

 

Die Kunst der Improvisation

Milliarden Menschen beneiden uns Westler  um unsere ausgefeilte Technik, die das Leben so einfach erscheinen lässt. Wir legen Schalter um, drücken Knöpfchen, und schon setzen sich Maschineneingeweide in Bewegung, um Geschirr zu spülen, Schrauben ins neue Regal zu drehen oder raffiniert unsere Wohnungen zu erleuchten. Doch wenn ein kleines Teil seinen Geist aufgibt, sind wir Erstweltler verloren. Hilflos starren wir auf die Blackbox der Maschine, rufen den Kundendienst an. Oder schmeißen das Gerät gleich in den Müll und kaufen ein neues. Nicht so in Afrika. Hier wird jede Technik erst einmal ausgeweidet und auf ihre Wiederverwendbarkeit hin überprüft. Wie man aus der Not eine Tugend macht, zeigt etwa der „Mercato“ in Addis Abeba, der größte Markt Ostafrikas, der die Ausmaße eines ganzen Stadtteils hat. In einer Gasse werden aus alten Autoreifen Gummisandalen gefertigt, auf denen Tausende von Viehhirten durch die Savanne schreiten. Schon Hemingway zeigte sich 1935 in „The Green Hills of Africa“ von diesem Produkt recht beeindruckt. Offenbar ein Dauerbrenner afrikanischer Kreativität. In der „Elektroschrottgasse“ des Mercato sitzen Männer in winzigen Verschlägen und reparieren so läppische Wegwerfartikel - denn das wären sie bei uns - wie Bügeleisen oder Lampen. Kein Schalter, kein Elektromotor, der sich hier nicht erstehen ließe, kein Radiomodell, dem nicht ein zweites Leben eingehaucht werden könnte. Ein paar Meter weiter ertönt lautes Hämmern, ölverschmierte junge Männer schlagen auf ausrangierte LKW-Stoßdämpfer ein, Autoteile werden zurechtgebogen. Da wünscht man sich, dass Politiker und Industriestrategen erst mal einen Abstecher nach Addis Abeba machen, bevor sie sich über die Unzumutbarkeit einer Altauto- oder Elektroschrottverordnung ereifern. Manchmal wird die Kunst der Improvisation allerdings auch in Afrika zu weit getrieben. Auf einer Taxifahrt in Kenia hält unser Fahrer in einer sengend heißen, mit Basaltbrocken übersäten Einöde. Der Jeep-Motor hat sich überhitzt, und Kühlwasser wird nachgefüllt. Doch der Wagen springt nicht mehr an – einer der Batteriekontakte hat sich gelockert. Weil er kein Werkzeug dabei hat, versucht der Fahrer immer wieder, eine Badelatsche zwischen Kontakt und Haube zu klemmen, um den Kontakt zu fixieren. Es dauert eine halbe Stunde bei 40 Grad im nicht vorhandenen Schatten und ein Gebet gen Mekka, bis die Latsche richtig sitzt und der Motor wieder anspringt. Herr wirf eine Zange vom Himmel. Es muss ja gar nicht Hightech sein. [nbo / 11. Mai 2005 ]


 

Spitting Message

Digitale Kommunikation wird immer unzuverlässiger. „Komisch, deine Mail habe ich nicht bekommen“, heißt es nicht mehr selten, vor allem, wenn man Einladungen an eine ganze Liste verschickt hat. Übereifrige Spamfilter feiern hier billige Erfolgserlebnisse, während sie bei realer Spam versagen. Doch das ist nur ein Vorgeschmack auf das wahre Desaster: Wenn das Telefonieren irgendwann komplett auf die internetübliche IP-Übertragung umgestellt sein wird, läuft unsere Kommunikationssphäre Amok – zu Spam kommt „Spit“ (Spam over Internet Telephony). Dann klingelt mindestens 20mal am Tag das Telefon, und ein freundlicher, natürlich weiblicher Roboter säuselt uns Viagra-Discounts ins Ohr. Die US-Firma Qovia entwickelt deshalb schon jetzt einen „Spitfilter“. Wenn der so gut funktioniert wie Spamfilter, werden wohl nicht wenige unserer Anrufe bei Freunden und anderen im Nichts enden. Und in 60, 70 Jahren wird man dann lächelnd auf das „digitale Zeitalter“ zurückblicken, während der wasserstoffberittene Bote ein ganz analoges Telegramm zustellt. [nbo / 28. September 2004 ]

heise.de: Spam-Blocker für VoIP

 

Die Lösung des Energieproblems

Vor einigen Tagen gab es im Grundrauschen der Technikberichterstattung eine hübsche Meldung: Das US-Energieministerium DoE will ein Einweg-AKW entwickelt haben, das die Energieprobleme der „Dritten Welt“ lösen könnte. 15 Meter hoch, vollständig versiegelt und mit einer Leistung von 100 Megawatt soll es 30 Jahre laufen, ohne dass nukleares Brennmaterial nachgelegt und radioaktive Abfälle entsorgt werden müssten. Danach wird es vom freundlichen DoE-Recycler also wieder abgeholt. Hat da jemand in Washington E.F. Schumachers „Small is Beautiful“ missverstanden? Jene Vision von einer dezentralen Technik, die ärmere Weltgegenden vom technischen Gigantismus heilen will? In einer Zeit, da der Klimawandel mit jeder Flutkatastrophe greifbarer und der Krieg um den Zugang zum Öl immer chaotischer wird, ist es ja in, laut über die Renaissance der Atomenergie nachzudenken. Dass nun ausgerechnet die Bush-Regierung inmitten ihres „War on terror“ Konzepte ausheckt, die Bombe in alle Welt frei Haus zu liefern, wäre ein toller Aprilscherz gewesen... [nbo / 14. September 2004 ]

New Scientist: US plans portable nuclear power plants

 

Absurdes aus dem Ticketshop

Neulich im Web: Zum ersten Mal will ich mir Kinokarten im T-Online-Ticketshop kaufen. Toll, denke ich, mit Platzauswahl. Dann geht’s zum Bezahlen: Kreditkarte  oder Online-Überweisung? Die Frage beantwortet sich schnell, da bei Kartenzahlung T-Online einen Systemfehler meldet. Also probier ich’s mit der Überweisung. Man müsse nur PIN und TAN des Kontos eingeben, heißt es. Ich hangel mich durch und komme zur entscheidenden Seite. Und was steht da? Zusätzlich zu PIN und TAN werden eine Online-Nr. und ein DTA-Gateway gefordert. Was bitte ist ein DTA-Gateway? In den Ticketshop-FAQ taucht das Wort nicht auf. Ich rufe bei T-Online an. "Dafür bin ich nicht ausgebildet worden, aber ich kann ihnen die T-Online-plus-Hotline geben", sagt das Callcenter. Klar, eine 0190-Nr. - ich soll also 60 Cent pro Minute zahlen, um rauszukriegen, was T-Online mit DTA-Gateway meint, anstatt es auf der Webseite einfach dazuzuschreiben. Meine Bank-Hotline weiß es zum Ortstarif: "DTA-Gateway? Wie lang ist denn Ihre Online-nr?" Ich: "10 Stellen". Die Bank: "Dann können sie dieses Online-Überweisungssystem nicht nutzen, das baut nämlich auf dem alten BTX-System der Telekom auf.“ So ist das mit dem Fortschritt. [nbo / 17. August 2004 ]


 

"Ethnische" Waffen sind keine Science Fiction mehr

Die US-Firma NitroMed hat ein Herzmedikament speziell für Schwarze angekündigt: BiDil könnte schon 2005 auf den Markt kommen. Diese Nachricht ist wissenschaftlicher Sprengstoff größten Kalibers. Ist das etwa die Wiederauferstehung der durch Analysen des menschlichen Genoms längst beerdigten Rassen-Phantasmagorie? Seit längerem ist bekannt, dass die Genunterschiede zwischen zwei Nachbarn aus Hamburg größer sein können als die zwischen einem Dänen und einem Ghanaer. Für eine Rasseneinteilung gibt es damit keine biologische Grundlage. Tatsache ist aber auch: Es gibt in der Menschheit etwa 3 Mio. Genunterschiede, SNPs genannt, und ganze Bevölkerungsgruppen können SNPs haben, die andere nicht haben. Hier setzt BiDil an. Das Problem ist aber nicht nur eine Vermarktung als „African American Drug“. Es zeigt erstmals, dass die seit einiger Zeit kontrovers diskutierten "ethnischen" B-Waffen, die SNPs einer bestimmten Bevölkerung ansprechen, keine Wahnvorstellung von Pessimisten sind. BiDil könnte der arglose Anfang eines neuen Horrors sein. [nbo / 27. Juli 2004 ]

Nature News: "First 'black' drug nears approval"
Freitag: "Wenn Buchstaben zu Waffen werden"

 

McFAQ: Zu wenig Antworten auf meine Burger-Fragen

Vor einigen Tagen fand ich eine neue Ausgabe von „Themen – Service für Presse, Hörfunk und Fernsehen“ in der Post. Das Blatt wird regelmäßig von unterschiedlichsten Branchen zur, nun ja, ergänzenden Information von Journalisten bestritten. Nicht immer uninteressant. Diesmal von McDonald’s. Kein Wunder: Morgen läuft „Super Size Me“ im Kino an, der missratene 30-Tage-Selbstversuch, sich ausschließlich von Mc-Essen zu ernähren. Ich erfahre im Themenheft, dass 90 % aller McDonald’s-Zutaten aus Deutschland stammen. Immerhin! Dass die Zubereitung nach dem internationalen HACCP-Standard kontrolliert wird. Wie ausgeklügelt die Logistik ist. Und doch bleibt ein fader Nachgeschmack: Was ist mit dem „Kleingedruckten“, all jenen im heutigen Industriefood üblichen Zusatzstoffen? Das Mc-Rindfleisch komme nicht aus Massentierhaltung, heißt es in den FAQ. Und das Hähnchenfleisch? Und sind die 30 % US-Weizenmehl, die allein den Mc-Brötchen ihren typischen Geschmack geben können, gentechnisch verändert? Viele Antworten, aber einige wichtige fehlen. Kann oder will uns McDonald’s nicht mehr sagen? Das reicht nicht, um "Super Size Me" den Wind aus den Segeln zu nehmen. Morgen werde ich mir definitiv den Film "reinziehen". [nbo / 14. Juli 2004 ]

Spiegel Online: "Super Size Me" - Angriff der Killer-Burger
McDonalds.de: FAQ zu Qualitätsfragen

 

Computer gucken Fußball...

An der Oberfläche ist eine EM Ballrausch und Schminkfest. Darunter ist sie ein Riesenbusiness, d.h. es herrscht Innovationszwang. Während die Teams neue Abwehrketten und Ballstaffetten austüfteln, überlegt sich die Heimentertainment-Branche, wie sie neue Fernseher unters Volk bekommt. Die gingen diesmal nämlich nur schleppend weg, die Leute gehen lieber wieder in die Kneipe. Hoffnung für die gebeutelten Hersteller könnte ein Videorecorder sein, der selbständig eine packende Zusammenfassung eines Spiels zusammenschneidet. An der dafür nötigen Bildauswertungssoftware arbeiten mehrere Forschungsgruppen, u.a. in Dublin und Florenz, Sharp experimentiert bereits damit. Aber hätte „MyPersonalSportschau“ bei dieser EM geholfen? Das Spiel Holland – Tschechien wäre von 90 auf 85 Minuten gekürzt worden – es war einfach zu gut. Für Deutschland – Lettland hätte eine halbe Minute gereicht (Verpakovskis’ Fasttor), aber hätten wir das unserem Gerät geglaubt? Also hätten wir doch durch die ganze Aufnahme gezappt. Von Fussball wenigstens werden Rechner nie etwas verstehen. [nbo / 5. Juli 2004 ]

New Scientist: Let software catch the game for you

 

Ein Trikot für Nowotny

So richtig begeisternd ist die Technisierung des Sports ja nicht. Im Freizeitsport mutieren so simple Sachen wie Wandern zu „Nordic Walking“, für das plötzlich teure Stöcke nötig sind – von den Hitech-Leibchen ganz zu schweigen. Im Leistungssport geht der Trend zum Cyborg: Mit Technik kann man noch mehr aus dem Athleten rausholen. Eine Vorstufe davon wünschen wir uns für den WM2006-Kader der deutschen Nationalmannschaft: nämlich das „schlaue Trikot“, das David Evans von der Northumbria University entwickelt hat. Darin sind EKG-Sensoren für Herzschlagmessung, Siliziumstreifen zur Schweißstandsdiagnose und Vibratoren, mit denen der Trainer sich beim Spieler bemerkbar kann, drin – alles per Funk mit der Bank verbunden. Hätte Rudi das diesmal schon gehabt: Er hätte schon nach 10 Minuten den Beweis gehabt, dass Nowotny nicht mehr kann, und vor Kloses vergurktem Kopfball gegen Lettland hätte er anhand von dessen Schweißattacke gewusst, dass das Ding nicht reingeht – und sich gar nicht mehr aufgeregt. Mit Evans’ Trikot hätten wir 2006 Chancen fürs Achtelfinale. [nbo / 30. Juni 2004 ]

wissenschaft.de: Schlaues Trikot macht müde Kicker ausfindig
Northumbria University: Health Impact Assessment

 

Der Assembler ist tot, es lebe die Schreibtischfabrik

Der kalifornische Ingenieur Eric Drexler hat 1986 der Welt die Vision des sich selbst vervielfältigenden Nanoroboters, des Assemblers, geschenkt, der in Schwärmen von Milliarden jeden beliebigen Gegenstand herstellen kann. Den Alptraum lieferte er frei Haus mit: Assembler könnten auf ihrer Suche nach verwertbaren Rohstoffen amoklaufen und die Biosphäre der Erde zerstören. Die Geister, die er rief, wurde er nicht mehr los. Die Scientific Community verübelte ihm die Vision, weil sie unwissenschaftlich sei, und für viele Zeitgenossen war sie purer Horror. Drexler beharrte dennoch lange auf dem Konzept, weshalb dessen interessanter Kern unterging: ein Gerät, mit dem Haushalte Gegenstände „ausdrucken“ können, die industrielle Produktion also in Nanofactories daheim wandern könnte. In einem neuen Paper hat Drexler nun eine erste bemerkenswerte Kurskorrektur vorgenommen: Die Nanotechnik der Zukunft kann auch ohne selbst-replizierende Assembler die Schreibtisch-Fabrik für jedermann schaffen. Jetzt sind seine Kritiker am Zug. [nbo / 10. Juni 2004 ]

Eric Drexler & Chris Phoenix: Safe Exponential Manufacturing
Auszug aus nbos Buch "Nano?!": Die Assembler-Frage

 

Big Brother, ganz olympisch

Nach der vorübergehenden Flucht des „Kalifen von Köln“ hat sich der Ton der Sicherheitsdebatte weiter verschärft. Und obwohl die Ausweitung der Überwachung auch hierzulande als Antwort auf den „globalen Terrorismus“ beschlossene Sache ist, kommt sie nur allmählich in Gang – Budgetbeschränkungen und demokratischen Spielregeln sei Dank. Wie man die schnell und elegant umgeht, macht Griechenland vor. Dort wird zum Schutz der Athener Olympiade im August ein Überwachungssystem aufgebaut, das „state of the art“ ist. Besorgte Sportfreaks aus aller Welt, die dabei sein wollen, werden erleichtert sein. Aber wenn sie wieder abgereist sind, wird das rund 255 Millionen Euro teure IT-System bleiben, das u.a. sämtliche Kameras und Sensoren in Athen, Thessaloniki und vier weiteren Olympiastätten mit 116 neu geschaffenen Operationszentralen der Polizei in Echtzeit verbindet. Dies werde die neue Infrastruktur der Polizei, bestätigt Eleftherios Ikonomou, Sprecher des griechischen Innenministeriums. Da sage noch einer, die Olympiade wäre nur noch ein blödes Medienspektakel. [nbo / 1. Juni 2004 ]


 

Bill Gates ist cooler

64 Kilometer – das ist schon beeindruckend. Der Amerikaner Mike Mevill ist als erster Privatmann ohne die Hilfe staatlicher Raumfahrtorganisationen an den Rand des erdnahen Weltraums aufgebrochen. Das zeigt, dass die Raumfahrt mit den heutigen Möglichkeiten an Technik und Finanzierung auch privat gemeistert werden kann. Der Flug ist für Mevill ein wichtiger Schritt in Richtung Weltraumtourismus. Dafür hat Microsoft-Mitgründer Paul Allen etliche Millionen Dollar spendiert. Klingt cool. Aber eigentlich ist es doch blödsinnige Kapitalvernichtung. Dass es irgendwann Charterflüge in den Orbit geben könnte, möchte man der Stille des Alls nun wirklich nicht wünschen. Aber das ist nicht alles. Der andere Microsoft-Mitgründer Bill Gates, für viele der Inbegriff des üblen Kapitalisten, lässt seine überzähligen Millionen auf der Erde springen: für die Bekämpfung von Malaria und anderen Krankheiten, die nur die nichtwestliche Welt plagen und daher für Pharmakonzerne uninteressant sind. Let’s face it: Bill Gates ist cooler. [nbo / 14. Mai 2004 ]

Netzeitung: Privatmann fliegt an den Rand des Weltraums
Bill & Melinda Gates Foundation

 

Otto Schily bestellt in Redmond...

Otto Schily hat sich in seiner Amtszeit viele Freunde gemacht mit seiner autoritären Vorstellung davon, wie man den Rechtsstaat schützt. Während er mit den Grünen um die abgebrochenen Verhandlungen zum Zuwanderungsgesetz streitet, hat er Anfang der Woche Microsoft-Chef Steve Ballmer getroffen und eine Kooperation in Fragen der IT-Sicherheit vereinbart. Auf die Frage, worum es im Detail gehe, wollte Schily nicht antworten. Das hätten wir aber schon gerne genauer gewusst, während die nächste Wurmplage wieder einmal den Windows-Teil des Internets befallen hat. Was kann Ballmer ihm wirklich Überzeugendes angeboten haben? Eine böse Erinnerung kommt auf: an den berüchtigten „NSA-Key“, eine angebliche Schnittstelle für Kryptografie-Schlüssel, die Microsoft für den US-amerikanischen Geheimdienst NSA in Windows angelegt haben soll. Hat Otto Schily einen BND-Key bestellt? Wundern würden einen nichts mehr in dieser Terror-Paranoia, in der der Rechtsstaat von seinen Beschützern mit Hightech demontiert wird. [nbo / 6. Mai 2004 ]

heise.de: Microsoft unterstützt Bundesinnenministerium bei IT-Sicherheit
heise.de: Debatte um NSAkey geht weiter (Sept. 1999)

 

Blutdruck per Bluetooth

Wissenschaftler an der Uni Michigan haben eine „Stentenna“ entwickelt: Das ist ein Stent, also eine Stützprothese für zuvor verstopfte und freigeschabte Arterien, die auch den Blutdruck messen und die Daten an einen Empfänger senden kann. Man könnte auch sagen, eine Art RFID-Tag für den Kreislauf. Ob das für einen Kranken Fluch oder Segen ist, diese Frage sollte man nicht zu schnell beantworten. Wer unter Bluthochdruck leidet, wird womöglich auf sein Stentenna-Display so häufig und so ungeduldig starren wie jetzt viele Leute, die auf eine SMS warten, auf ihr Handy. Treppe rauf, Blutdruck rauf. Glas Wein getrunken, Blutdruck rauf. Das Ackern des eigenen Körpers wird in Echtzeit verfolgbar. Sich selbst belügen ist nicht mehr, eine Eigenschaft, in gerade Herzkranke brillieren. Und irgendwann wird so eine Technologie dann in ein hippes Massenprodukt auch für Gesunde umfunktioniert. „Wie geht’s?“ – schon werden alle Körperdaten per Bluetooth 3.0 rübergebeamt. „Oh lass uns nicht trinken gehen, du hast heute keine Kondition.“ Der Fitnesswahn von heute wird ein Witz dagegen sein. [nbo / 22. April 2004 ]


 

Der harte Dauerfrühling des Cyberspace

Nichts ist so alt wie das Bookmark von gestern: Tote Links und abgemeldete Domains kennen wir alle. Sie sind das Pendant des Cyberspace zu umgestürzten Bäumen im Wald oder von Erosion angefressenen Steilküsten. Der Cyberspace ist ein digitales Ökosystem, das unüberschaubar vor sich hin wuchert. Oft überfordert es uns – und auch die Unternehmen, die dort ihre Schaufenster und Warenlager eingerichtet haben. Die Münchner Firma Stellent hat festgestellt, dass nur ein Viertel aller deutschen Unternehmenssites aktueller als einen Monat sind. Die Zähmung des allgegenwärtigen Datendschungels kostet offenbar Energie, die für das Aufräumen des Hauses fehlt. In der realen Welt kann man sich das für den Frühlingsanfang (übermorgen) aufheben. Im Winter nimmt einem niemand das Durcheinander in den eigenen vier Wänden übel. Im Cyberspace gibt es leider keinen Winter: Hier herrscht Dauerfrühling, und die User verlangen jeden Tag Sonnenschein, gepflegten Rasen und gutgelaunten Service. Wie unmenschlich. Wann werden endlich Jahreszeiten fürs Internet erfunden? [nbo / 18. März 2004 ]

heise.de: Verfallsdatum überschritten -- überholte Informationen im Internet

 

NanoMeetsPop?

Edelgard Bulmahn hat heute ihre neue Nanotechnik-Initiative vorgestellt: Mit 200 Mio. Euro über vier Jahre fördert die Bundesregierung die Felder NanoFab, NanoLux, NanoMobil und NanoForLife. Immerhin vier prägnante Begriffe – endlich lernt auch die deutsche Hitech-Community, dass Klingeln zum Geschäft gehört. Nur der Betrag ist nicht so beeindruckend. George W. Bush lässt allein in diesem Jahr 847 Mio. Dollar Nano-Förderung springen. Noch brauchen sich die Europäer mit ihrer Forschung überhaupt nicht zu verstecken. Doch in den USA greift schon wieder die Euphorie wie einst beim Web: Es gibt bereits Nano-Magazine, -Newsletter, –Venture-Capitalists... Hierzulande versprüht „nano“ hingegen Maschinenbau-Charme. Das Bundestags-Büro für Technikfolgen-Abschätzung hat in seinem kürzlich vorgelegten Bericht „Nanotechnologie“  „die Schaffung einer zentralen Informationsstelle für die breite Öffentlichkeit“ im Netz gefordert. Gute Idee, wenn da endlich auch mal Popkultur mit einfließt. Wie wäre es also mit NanoMeetsPop als 5. Bein der Initiative? [nbo / 9. März 2004 ]

Bundesregierung startet Innovationsinitiative "Nanotechnologie erobert Märkte"
ab 19. März: "NANO?! Die Technik des 21. Jahrhunderts" (von nbo)

 

Überinformation vs. Privacy

Eine neue Bedrohung beunruhigt die Privacy-Szene: die RFID-Chips, die jedem Ding eine eigene Seriennummer geben, die sich  auslesen lässt. An Produkten angebracht, ermöglichen sie so die genaue Verfolgung des Warenflusses. Und, wie Datenschützer argwöhnen, auch eine Analyse von Konsumverhalten, die den Big-Brother-Staat wieder einen Schritt näherbringt. Foebud hat nun zur Demo gegen Metro aufgerufen, das RFID-Chips seit einem Jahr testet. Natürlich kann man dagegen protestieren. Halten wir aber kurz den Protestreflex zurück. Wenn wir die Freiheit der Information fordern - z.B. als MP3-Files und damit gegen die Musikindustrie argumentieren -, müssen wir dann nicht konsequenterweise auch den freien Fluss ALLER Datenkonstrukte zulassen, also auch den Datenschatten von Produkten UND unserer Verhaltensweisen? Die totale Datenkontrolle etwa von MP3s ist technisch unmöglich - und ebenso ist es totale digitale Privacy. Die Gegenstrategie kann nur sein: totale Offenheit mit gezielter Überinformation. Daten zurückzuhalten ist eine Illusion. [nbo / 19. Februar 2004 ]

Demonstrationsaufruf von Foebud für den 28.2.2004 bei Metro in Rheinberg

 

Georges nächster Kampf

George W. Bush hat eine weitere Grundsatzrede gehalten. Nach dem Bekenntnis vom Wochenende – „I’m a war president“ – hat er jetzt den Kampf gegen Entwicklung und Verbreitung von Massenvernichtungswaffen ausgerufen. Daran ist nichts falsch. Nur warum nutzt die US-Regierung nicht konsequent bereits existierenende Instrumente? 1975 verabschiedete die UNO die B-Waffen-Konvention. Seitdem von 143 Staaten unterzeichnet, ist sie nie effektiv in Kraft getreten, vor allem weil sich die USA geweigert haben, internationale Kontrollen in ihren Militärlaboren zuzulassen. Solange es solche Kontrollen nicht gibt, können andere Regierungen im Verborgenen B-Waffen entwickeln. Damit nicht genug: Die US-Regierung hat 2002 das MIT Institute for Soldier Nanotechnology ins Leben gerufen. Dort werden zwar nur Defensiv-Waffen entwickelt. Aber gerade in den USA läuft die Forschung an neuen nanomedizinischen Verfahren bereits auf Hochtouren – und von maßgeschneiderten Therapien zu ganz neuen maßgeschneiderten B-Waffen ist es kein weiter Schritt. Der Kampf fängt zu hause an, George. [nbo / 12. Februar 2004 ]

Netzeitung: Bush fordert verstärkten Kampf gegen Verbreitung von Massenvernichtungswaffen

 

John Brunner revisited

In den 70ern hat man apokalyptische Visionen noch ernst genommen. Man ging sogar auf die Straße. Heute sind sie ein guter Plot für ein Computerspiel oder für einen Thriller. Neulich habe ich so eine Vision in die Finger bekommen: John Brunners „Schafe blicken auf“ von 1972. Darin beschreibt er unsere Gegenwart als eine Zeit, in der Luft, Boden, Wasser und Lebensmittel von raffgierigen Konzernen mit einem unglaublichen Chemikaliencocktail verseucht und verpestet worden sind. Jeder Bürger leidet an mehreren Krankheiten, und auf die Straße kann man nur mit Atemmaske. Obwohl das Buch nicht angestaubt wirkt, legt man es erleichtert zur Seite und denkt: Ist ja alles ganz anders gekommen. Oder kommt es erst jetzt? Auch wenn es zwei unterschiedliche Arten von Viren sind: MyDoom und das Vogelgrippe-Virus sind in ihrer Entstehung Produkte der Zivilisation. Aber nicht von raffgierigen Konzernen – es ist die Komplexität der Technosphäre, die Brunner nicht vorhersah, die uns aber ebenso über den Kopf wachsen könnte. Denn sicher ist: MyDoom und Vogelgrippe sind nicht das Ende dessen, was möglich ist. Nur die Vorhut. [nbo / 5. Februar 2004 ]


 

die Militarisierung des Weltraums

Dass die ESA-Sonde „Mars Express“ den ersten wissenschaftlich harten Nachweis für Wasser auf dem Roten Planeten gefunden hat, ist eine kleine Sensation. Eine weitere Zacke, die aus der Krone der irdischen Hybris bricht. Unser Planet ist nicht nur geometrisch nicht das Zentrum des Universums: Auch der Exklusivanspruch, die einzige Welt mit Leben oder Voraussetzungen dafür zu sein, wird immer unhaltbarer. Nach diesem Fund ist noch wahrscheinlicher, dass auf dem Mars eine Lebensform zumindest in ferner Vergangenheit existiert haben könnte. Doch die Untertöne der Entdeckung sind unschön. Die ESA jubelt, als habe sie die Scharte des verlorenen „Beagle 2“ auswetzen wollen, erst recht, da jetzt auch der NASA-Marsrover verstummt ist. Der europäisch-amerikanische Konflikt schwelt auch auf dem Mars – hier getarnt als sportlicher Forscher-Ehrgeiz. Dazu kommt die Mars-Rede von Bush letzte Woche, die von Eroberungsrhetorik und unausgesprochener Konkurrenz mit China geprägt war. Die Militarisierung des Weltraums ist längst im Gange. [nbo / 23. Januar 2004 ]

ESA Portal: Mars Express sees its first water
FREITAG: Mars, Mut und Missionen

 

Die Mär vom Robot-Forscher

Der weltweite Roboterpark hat ein neues Mitglied: den „Robo-Scientist“ der University of Wales. Er ermittelt selbständig die Funktion von bisher unverstandenen Hefegenen. Was ihn von einem gewöhnlichen Automaten unterscheiden soll, ist eine formale Logiksprache, in der er neue wissenschaftliche Hypothesen zu den Genen formulieren und überprüfen könne, heißt es. Schon orakeln Medien von arbeitslosen Forschern. Fehlt nur noch, dass ein Monitor abgebildet wird, der uns die Zunge rausstreckt. Mal abgesehen davon, dass es täglich Brot von Rechnern ist, formallogische Aussagen abzuarbeiten: Die Sprünge in der Wissenschaft sind nicht logischen Prozeduren, sondern dem Phänomen Kreativität zu verdanken, deren Hirnprozesse nicht annähernd verstanden sind. Der mäßig kreativen Arbeit der Hefegen-Analyse weint denn auch keiner nach: „Wir hatten Robot-Forscher schon lange, wir haben sie nur Diplomanden genannt“, witzelt ein Wissenschaftler. Eigentlich ist es nur ein weiterer Industrieroboter – nicht mehr und nicht weniger. Die Wissenschaft ändert das nicht. [nbo / 15. Januar 2004 ]

Nature Science Update: Introducing robo-scientist

 

Sprechendes Geld

Es gab bereits Gerüchte, die Europäische Zentralbank wolle Banknoten mit Minisendern („RFID tags“) als Fälschungsschutz versehen. Datenschützern wurde ganz anders. Zumindest in amerikanischen Kasinos scheint die hauseigene Währung aufgerüstet zu werden: Spielchips sollen bald RFID tags bekommen. Damit wollen die Kasinobesitzer auch feststellen, welchen Weg die Plastikteile durch ihre Spielhöllen nehmen. Lassen wir kurz die Big-Brother-Gedanken beiseite und der Phantasie freien Lauf. Mit ultraflachen Prozessoren versehenes Geld würde der abstrakten Geldmenge „M3“ endlich eine Bedeutung geben. Die Zentralbanker wüssten, wo der Rubel rollt oder unter der Matratze liegt. Eine ganz neue Konjunkturpolitik würde möglich, endlich wäre das widerspenstige Geld gezähmt, das immer dort fehlt, wo man es braucht. Mehr noch: Das „sprechende“ Geld könnte uns eine SMS schicken, wenn wir unser einprogrammiertes Budget überziehen wollen, einen Höllenalarm losschlagen, wenn wir es trotzdem ausgeben. Der Kapitalismus bekäme das überfällige Feintuning verpasst. [nbo / 14. Januar 2004 ]

New Scientist: Casino chips to carry RFID tags

 

Krieg häppchenweise

Zum Jahreswechsel habe ich Post von der Hamburger Sparkasse bekommen. Doch drinnen sind keine Weihnachtsgrüße oder Wünsche für ein gutes 2004. „Information zum Terrorausschluss für ABC Waffen“ steht da. Was? Tatsächlich: Unfälle, die durch den Einsatz von ABC-Waffen verschuldet sind, werden ab sofort aus der Unfallversicherung meiner Kreditkarte ausgeschlossen. Widerspruch führt zur Kündigung der Karte seitens der Bank. „Die allgemeine weltpolitische Lage macht... eine Neueinstufung des Risikos durch Terroranschläge... nötig.“ Wir erinnern uns: Die Anthrax-Briefe 2001 stammten sehr wahrscheinlich aus einem US-Labor selbst; die B- und C-Waffen von Saddam Hussein sind bis heute in keinem Erdloch aufgetaucht. Weiß die Versicherungswirtschaft etwa mehr, als wir in den Medien erfahren können? Oder ist dies eine neue virtuose Spielart des Info War? Niemand weiß, ob es heute einsatzbereite Massenvernichtungswaffen in Terroristenhänden gibt. Allein die Möglichkeit ihrer Existenz führt zu einer häppchenweisen Ausrufung des Kriegszustands. Wer weiß, was morgen im Briefkasten ist. [nbo / 6. Januar 2004 ]


 

Such den Phaeton

Der VW Phaeton ist ein großes, starkes Auto. 5 Meter lang, 2 Tonnen schwer, 420 PS. Jeder Autozocker hätte es schwer, diesen Straßenkreuzer zu verstecken. Für den VW-Konzern ist das ein Leichtes: Die Wolfsburger können ihn, simsalabim, zum Verschwinden bringen. Einfach so im Rechner. Sie können das so gut, dass sie anschließend selbst nicht mehr wissen, wo er steht. Davon bekam die „Bild“ Wind und berichtete letzten Samstag, bei VW seien zwölf Phaeton verschwunden. 1,2 Mio Euro in Luft aufgelöst. Gestern tauchten sie auf einem Werksparkplatz wieder auf. Sie seien „auf eine falsche Kostenstelle gebucht“ worden, sagte ein Sprecher. Wenn wir zuhause etwas verlegen, wundert uns das nicht. Aber ein Weltkonzern mit globalem Rechner-Netzwerk, ausgeklügelten Datenbanken und Data-Mining-Programmen? Irgendwelche Mitarbeiter werden gewusst haben, wo sie die Phaetons geparkt hatten. Aber ihre Köpfe ließen sich nicht wie in „Matrix“ ans Netzwerk anschließen. So bleibt das alte Bonmot „Wenn VW wüsste, was VW weiß“ das Grundproblem des Wissensmanagements. Die Komplexität eines Global Players eilt offenbar den Möglichkeiten der informationstechnischen Revolution davon. Und irgendwann hat das Pentagon zwei oder drei Sprengköpfe verlegt – natürlich nur im Rechner... [nbo / 26. November 2003 ]

Wolfsburger Allgemeine: Phaeton-Panne: Luxuswagen sind da, Volkswagen hatte sich nur verzählt!

 

Die Raubkatze schlägt zu

Letzte Woche noch herrschte Partylaune in der Mac-Gemeinde: Apple hatte das lang ersehnte Update seines Betriebssystem Mac OS X auf den Markt gebracht - die Version 10.3, der ihre Entwickler liebevoll den Namen "Panther" gegeben haben. Unglaublich schnell sollte die Raubkatze sein, handzahm in der Bedienung und zudem Windows-Fans das Fürchten lehren. Doch seit heute ist eines klar: "Panther" eignet sich nicht als Haustier. Wie zahlreiche Mac-Besitzer in Webforen berichten, löscht das Betriebssystem bei der Installation versehentlich externe Festplatten. Der Alptraum eines jeden Computerbesitzers: Vor dem Update geht man auf Nummer sicher, legt ein Backup aller privaten Daten an und hinterher sind Familienfotos, Briefe und die mehrere Gigabyte große MP3-Sammlung futsch. Nur, weil ein paar Programmierer einen kleinen Fehler gemacht haben. Einen solchen Fauxpas hat sich bislang nicht einmal Softwareriese Microsoft geleistet, dessen Windows schon seit etlichen Jahren als Betriebssystem gewordenes Sicherheitsrisiko gilt. Diesen Titel muss es sich nun mit der datenhungrigen Raubkatze aus Cupertino teilen. [jue / 31. Oktober 2003 ]

Wired: Bye-bye data - Glitch in Panther

 

Macchiavelli im Weltraum

Aufbruch ins All - dieser Traum ist schon lange schal geworden. Er hat etwas von diesem abgestandenen Technokraten-Unwesen der 50er und 60er. Mit einer Note von Lebensraum-Politik: Die „Terraner“ haben keinen Platz mehr auf ihrem Planeten (woran sie nur selbst schuld sind). Um so bemerkenswerter ist da der neue chinesische Aufbruch ins All. Diese Euphorie, mit dem das offizielle China seinen ersten bemannten Raumflug mit der Rakete Shenzhou 5 feiern lässt. Könnte es sein, dass es hier nicht um ein Konkurrenzprojekt zu den USA geht? Dass man gar nicht in den Orbit will, um dort besser zuschlagen zu können, wenn man Taiwan einsackt und die Amerikaner es verteidigen wollen? Stellen wir uns vor, es hätte im Politbüro in Peking vor ein paar Jahren eine zweite Mondrede gegeben. China ist das einzige Land der Erde, das noch den Willen und den Machiavellismus aufbringt, seine Einwohner ins All zu hieven. Die Deportationen der Zensunni-Wanderer aus Frank Herberts "Dune" fallen mir ein. Das All als Alptraum - irgendwann made in China? Shenzhou 5 lässt mich schaudern. [nbo / 26. Oktober 2003 ]

Die Zeit: "Partner im All"

 

Fälschung, Paranoia und Wirtschaftwunder

Dass es gefakete MP3s in Tauschbörsen gibt, die nur Loops enthalten und von der Musikindustrie als Waffe gegen „Piraten“ in Umlauf gebracht wurden, hat sich herum gesprochen. Die Firma Macrovision geht mit einer Software namens Fade einen subtilen Schritt weiter. Fade deaktiviert nämlich nicht Raubkopien von Spielen, sondern lässt nach einiger Zeit die Kugeln am Ziel vorbeifliegen, die Wagen und Raumschiffe vom Kurs abkommen – das Spiel läuft ins Chaos. Man bemerkt den Fake also nicht sofort. Da fallen mir nanotechnische Materie-Compiler ein. Mit denen „druckt“ man irgendwann beliebige am Rechner entworfene Gegenstände „aus“. Die Vorstufen gibt es schon. Was macht die Industrie? Richtig, sie nutzt ein „Materie-Fade“ – und die Kanne, die ich mir rücksichtslos selbst ausgedruckt habe, wird nach 3 Tagen undicht. Wow! Konsum wird zur Paranoia: Ist das Second-Hand-Regal echt, oder liegen morgen früh die Bücher auf dem Boden? Ein Produzent wird dann zum Zertifizierer: Nur meine Ware ist echt. Ihr müsst alle Neuware kaufen! Gibt das ein Wachstum! Schröder sollte eine Fade-Kommission berufen. [nbo / 10. Oktober 2003 ]

New Scientist: "'Subversive' code could kill off software piracy"

 

Leben in der Matrix 3

Im Oktober-Heft von Spektrum der Wissenschaft fragt sich Redakteur Christoph Pöppe, ob wir eigentlich merken könnten, dass wir in einer Matrix leben, wenn es denn so wäre. Die Heisenbergsche Unschärferelation könnte so etwas sein. Weil die Matrix-Schöpfer nur eine endliche Zahl von Dezimalstellen für Messgrößen vorgesehen haben, werden z.B. dem Impuls ein paar Stellen weggenommen, wenn man den Ort exakter misst. Eine nette Idee, die aber eine sehr dynamische Speicherverwaltung voraussetzt. Noch interessanter wären die potenziellen Bugs in unserer Matrix. Da gäbe es doch einige: die kalte Kernfusion, die sich nie wiederholen ließ, Rupert Sheldrakes morphogenetische Felder und die Telepathie der Hunde, die er seit Jahren beweisen will, das Bermudadreieck, Entführungen durch Aliens und wohl auch unsere Träume. Die Liste könnte so lang fortgesetzt werden, dass einem angst und bange werden kann. Alles Buffer Overflows in unserer Matrix. Und die Dawkins’schen Meme sind schlampig programmierte Endlosschleifen. Wie kommt man da raus? In einem Monat wissen wir mehr! [nbo / 7. Oktober 2003 ]


 

Gates'en statt googeln?

Sie können es einfach nicht lassen. Microsoft hat eine neue Mission: die Websuche zu erobern. Offenbar ist es in Redmond ausgemachte Sache, dass man sich in den nächsten Kampf stürzt. Mit Google. Dabei hatte Google-Gründer Sergey Brin neulich noch sybillinisch gemeint, eine Übernahme der Suchmaschine Nr. 1 durch Microsoft sei einen Gedanken wert. Aber die Gates-Company will nun eine eigene Suchmaschine bauen. Ob „mit“ oder gegen Google: Beide Aussichten sind beunruhigend (leider muss ich hier immer wieder Beunruhigendes vermelden). „Mit“ Google würde nach den Desktops dieser Welt auch das wichtigste Tor ins Web an Microsoft fallen. Ohne Google wird die neue MS-Suchmaschine in Windows integriert – und das wichtigste Tor ins Web direkt auf den Desktop fallen (und damit das vollendet, was MSN nie geschafft hat). Früher stand IBM einmal für die Allmacht der Computertechnik in der Hand eines Konzerns. Heute ist es Microsoft. Noch immer - das Gates-Imperium als Dinosaurier abzuschreiben, ist völlig unangebracht. Die nächsten 5 Jahre werden noch einige Überraschungen bringen. [nbo / 22. September 2003 ]

CNN: Microsoft goes after Google

 

Schnittstellen für die totale Kontrolle

Ich mag Handys immer noch nicht. Es gibt kaum etwas Blöderes als diese schlechten Klingelmelodien. Da sind Störsender, die die Mobilteile in Gebäuden blocken können, ein Segen. Was aber die britische Firma Iceberg Systems ausheckt, ist beunruhigend. Sie wollen mit ähnlichen Störsendern künftig die Kamerafunktion in Handys deaktivieren. Überall dort, wo jemand nicht möchte, dass Bilder gemacht werden. Das klingt erstmal plausibel, denn plötzlich wird jedes Handy zur Bond-Kamera. Nun verhandelt Iceberg mit den Geräteherstellern, einen standardisierten Empfänger für das Blockadesignal einzubauen. Und da schrillen meine Alarmglocken (z.B. als „kleine Nachtmusik“). Damit werden Schnittstellen in persönlicher Technik geschaffen, die eine intransparente Kontrolle von außen ermöglichen. Die Fotodeaktivierung wird nicht der letzte Schritt sein. Hand in Hand werden Staat und Wirtschaft neue No-Go-Areas schaffen, die einen Eingriff in meine Technik rechtfertigen sollen – so wie gerade beim Urheberrecht. Die Überwachung ist groß und George Orwell ist ihr Prophet. [nbo / 15. September 2003 ]

heise.de: Fernabschaltung für Kamera im Handy

 

Closed Shops sind von gestern

Die unendliche Geschichte der Software-Patente ist wieder um eine Farce reicher. Nippon Electric will also den Webshop mit Kundenlogin erfunden haben. Am 26. August haben sie dafür Patentschutz beim Europäischen Patentamt beantragt. Harharhar! Wenn da nicht die EU-Kommission Druck machen würde, Software-Patente endlich auch in dieser Weltgegend einzuführen. Immerhin haben sich die EU-Parlamentarier „nicht über den Tisch ziehen“ (quintessenz.org) lassen und die Abstimmung verschoben. Interessanterweise entdecken zur selben Zeit die Großen im e-Business die Vorteile der Offenheit. Amazon, Google und eBay haben vor längerem schon die Schnittstellen zu ihren Datenbanken zugänglich gemacht. Jeder kann nun darauf zugreifen und Informationen herausziehen – die Lizenz dazu gibt es umsonst. Daraus ist eine regelrechte Community der „Hacks“ geworden. Die nützen Usern ebenso wie dem „Online-Laden um die Ecke“, der in irgendeiner Weise von den Großen profitiert (z.B. Amazon-Partnerprogramm). Das ist morgen – Nippon Electric war, hoffentlich, gestern. [nbo / 4. September 2003 ]

O'Reilly-Bücher: "Google Hacks", "Amazon Hacks" etc.
quintessenz.org: Patent auf Webshops angemeldet

 

Wir brauchen keine Open-Source-RAF

Seit Wochen versucht SCO, über die Patentverletzungsklage gegen IBM, GNU/Linux anzuschießen. SCO-Unix-Code sei von der Szene geklaut worden (akribische Recherchen im Unix-Stammbaum lassen daran zweifeln), und das gesamte Open-Source-Konzept basiere letztlich auf Diebstahl. SCO-Chef Darl McBride beschwört auf einer Konferenz gar das Recht, Software zu verkaufen, wofü ihn Bill Gates lieben wird. Der hatte in den 70ern in einem offenen Brief gequengelt, mit Software müsse man auch Geld verdienen können. Alles riecht derart nach Kampagne, dass Gelassenheit angesagt ist. Doch nun scheinen einige Linux-Jünger die Nerven zu verlieren: Viel deutet daraufhin, dass der SCO-Server durch eine DDoS-Attacke blockiert ist. So wie ein Teil der 68er durchs Establishment marschierte und ein Teil zu Terroristen wurde, könnte sich die  Open-Source-Bewegung an einer Gabelung befinden: Zwischen Geschäft und Cyberguerilla. Die aber wäre eine Katastrophe. Denn ausbaden müssen die politischen Folgen nicht DoS-Spinner, sondern die Dritte Welt, für die GNU/Linux digitale Unabhängigkeit bedeutet. [nbo / 25. August 2003 ]

heise.de: Raymond ruft zum Abbruch der DDoS-Attacke gegen SCO auf

 

Blaster oder die Quadratur des MS-Zirkels

Wieder einmal Wurmbefall auf den Windows-Rechnern dieser Welt. Und das, obwohl Bill Gates am „Microsoft Security Day“, am 15.1.2002, Sicherheit zur höchsten Priorität erklärt hatte. Dumm nur, dass er zwei Jahre davor die .NET-Architektur für Microsofts Web Services ebenfalls zum Unternehmensziel erklärt hatte. Und dass er irgendwann auch beschlossen hatte, groß ins Spielgeschäft einzusteigen.  Wie sich nun zeigt, laufen diese Ziele auf die Quadratur des Zirkels hinaus. Denn um die .NET-Dienste oder die Online-Spiele bequem nutzen zu können, lieferte Microsoft Windows XP nicht mit voll eingeschalteter Firewall aus. Die hätte aber ausgereicht, um Blaster vom eigenen Rechner fernzuhalten. Microsoft tanzt wie immer auf zu vielen Hochzeiten gleichzeitig. Der Gigant will alles – und zwar sofort. Der User allerdings auch. Er hätte den Patch Mitte Juli aufspielen können. Aber das ist Arbeit. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass es PC-Unfälle ebenso wie Autounfälle gibt. Egal, wie sicher die Maschine ist: Wenn Schnarchnasen am Steuer/an der Tastatur sitzen, haben wir ein Problem. [nbo / 19. August 2003 ]


 

Die Big 5 und die iTunes-Lektion

Morgen startet die Popkomm. Dann werden die großen Label mit t-online wohl ihr angekündigtes deutsches Musikportal aus der Taufe heben. Downloads zum Kaufen und nieder mit den Piraten! Nach bild.t-online.de und heute.t-online.de also auch musik.t-online.de (oder so). Wird dann alles gut für die Musikindustrie? Mein Tip: Auch das wird ein Flop. Weil die Phonoleute das Problem noch immer nicht begreifen. Dabei haben sie mit dem Apple Music Store sogar die Lösung vor Augen. 1) Dieser ist KEINE WEB-ANWENDUNG. Er ist nahtlos in iTunes integriert, also in die eigene Musiksammlung auf dem Mac. Und das macht die Online-Musik einfach, schnell und übersichtlich. 2) Die „Sleeper“ unter den Käufern, Hörer, die mit 25 ihren Geschmack abgegeben haben und keine CDs mehr kaufen, können hier